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Allemann Evi · Nationalrat · 2007-06-05

Allemann Evi · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2007-06-05

Wortprotokoll

Allein die Geschichte dieser Formel-1-Debatte hat etwas absurde Züge. Die Grundsatzdebatte führten wir vor rund drei Jahren, ausgerechnet am europaweiten autofreien Tag, dem 22. September 2004. Nun beraten wir, quasi am Vorabend der grossen Klimadebatte am G8-Gipfel in Heiligendamm, ein zweites Mal über dieses Anliegen. Während die mächtigsten acht Nationen dieser Welt den Klimawandel endlich als wichtigstes und dringendstes Problem unserer Zeit zu erkennen beginnen und sich zumindest in ihren Aussagen entschlossen zeigen, diesem Problem entschieden zu begegnen und die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, debattieren wir hier allen Ernstes über die Wiedereinführung einer der umweltschädlichsten Sportarten. Damit setzen wir nicht nur ein klimapolitisch komplett falsches Zeichen; wir verschwenden auch wertvolle Zeit, in der wir besser über die wirklich dringenden Probleme reden würden.

Die SP-Fraktion beantragt Ihnen also, dem Klima zuliebe nicht auf die Vorlage einzutreten. Wir lehnen die Wiedereinführung von Formel-1-Rennen aber auch aus diversen anderen Gründen ab; wir können da an die Berichte anknüpfen, die schon ein paarmal zitiert worden sind. Bei der Durchführung von Formel-1-Rennen würden auch lästige und schädliche Lärmbelastungen in der näheren Umgebung der Rundstrecke entstehen. Zum Lärm käme die hohe lokale Luftbelastung. Das stinkt den Schweizerinnen und Schweizern zu Recht ganz gewaltig. Ich glaube nicht daran, dass Formel-1-Rennen in der Schweiz je mehrheitsfähig wären - am Fernsehen vielleicht schon, in der Realität, das hoffe ich zumindest, weniger.

Auch die Touristinnen und Touristen kommen nicht wegen lärmiger und stinkiger Veranstaltungen in die Schweiz, sondern suchen bei uns Ferienruhe. Wenn wir für die Schweiz als attraktive Tourismusdestination werben - eine solche ist die Schweiz -, haben wir viele gute Argumente: die [PAGE 645] vielfältigen und schönen Landschaften, der extrem gute öffentliche Verkehr, die historischen Altstädte, die vielen Museen und die intakte Natur. Schweiz Tourismus weiss das auch und wirbt mit dem Slogan "Schweiz - ganz natürlich" bei Menschen aus allen Ländern und nennt als Trümpfe der Schweiz spektakuläre Wasserfälle, imposante Gletscher, abenteuerliche Höhlen, schroffe Schluchten und liebliche Seen. Wie Recht Schweiz Tourismus doch hat, und wie unpassend die Formel 1 in dieser Aufzählung ist!

Herr Giezendanner, Ihr Engagement beeindruckt mich wirklich. Dafür hätten Sie wirklich einen Preis verdient. Dieses Engagement fehlt manchmal in diesem Rat und in der Schweiz ganz generell. Aber das alleine reicht noch nicht. Die Argumente, denke ich, stehen auf unserer Seite. Ihre Partei, Herr Giezendanner, ist immer sehr schnell zur Stelle, wenn es darum geht, unschweizerisches Verhalten, unschweizerische Ideen und unschweizerische Menschen zu brandmarken. Es erstaunt mich daher, dass Sie noch nicht gemerkt haben, dass auch diese Idee eine ziemlich unschweizerische ist. Die Wiedereinführung der Formel 1 passt einfach nicht zur Schweiz. Wir bejammern es manchmal ja beide: Zur Schweiz passt Bedächtigkeit, zur Schweiz passt Überlegtheit - zum Glück -, zur Schweiz passt Kalkül, zur Schweiz passt auch langfristiges Abwägen. Was aber nicht in die Schweiz passt, Herr Giezendanner, sind mehr Lärm, mehr Unfälle, mehr Tote, mehr Raserei und mehr klimaschädigende Anlässe.

Herr Füglistaller hat vorher von den Arbeitsplätzen gesprochen. Die liegen auch mir als Sozialdemokratin am Herzen. Die Befürwortenden sprechen von Innovation und Arbeitsplätzen in der Autoindustrie. Auch ich bin überzeugt - und in diesem Punkt bin ich nicht "rot verblendet", Herr Giezendanner -: Auch in der Autoindustrie sind Innovation und Arbeitsplätze durchaus möglich, auch in der Schweiz. Dazu brauchen wir aber nicht die Formel 1, sondern wir müssen aktiv und energisch in die technische Innovation investieren, wir müssen auf Technologien für massiv sparsamere Motoren setzen oder bessere Abgasreinigungstechniken fördern. Das schafft nachhaltige Arbeitsplätze in einem wachsenden Markt der Zukunft.

Die Formel 1 macht vor, was wir den Jungen in der Verkehrserziehung austreiben wollen: die Raserei. Während wir Massnahmen gegen die Raserei prüfen, setzen wir mit der Zustimmung zur Formel 1 ein absolut verheerendes Zeichen für Tempobolzen und Geschwindigkeitsrausch. Die Strecken an und für sich - das glaube ich Ihnen - sind sicher. Aber das Zeichen, das wir setzen, das Vorbild, das die Formel 1 gibt, ist schlecht, und wir wollen es nicht.

Erkennen wir also die Zeichen der Zeit, handeln wir entschlossen gegen den Klimawandel, und sagen wir Nein zur Formel 1 in der Schweiz. Sie ist ein Relikt aus einer Zeit, als "immer schneller" mit "immer besser" gleichgesetzt wurde. Das muss sich heute ändern.

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