Graf Maya · Nationalrat · 2007-12-20
Graf Maya · Nationalrat · Basel-Landschaft · Grüne Fraktion · 2007-12-20
Wortprotokoll
Versuche an Primaten sind heute umstrittener denn je. Die Erkenntnisse, die in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf unsere nächsten Verwandten gewonnen wurden, haben die ethischen Bedenken verstärkt, die gegenüber Versuchen mit Primaten, insbesondere Menschenaffen, bestehen. Öffentlichkeit und Forschende äussern sich zunehmend kritisch oder ablehnend über Versuche mit Primaten. Es kann angesichts der Entwicklung, die sich in Europa, aber auch in der Schweiz abzeichnet, von einem Umdenken im Bereich der Primatenversuche gesprochen werden. Die Gesetzgebung in der Schweiz weist dagegen einen Rückstand auf.
Mit meiner parlamentarischen Initiative will ich den Anstoss geben, im Tierschutzgesetz die Versuche an Primaten strenger zu regeln und Versuche an Menschenaffen zu verbieten. Warum? Primaten verfügen über ein Selbstbewusstsein. Sie haben komplexe kognitive Fähigkeiten sowie soziale und emotionale Bedürfnisse. Sie erfahren Schmerz und Leiden in ähnlicher Weise wie wir. Diese kognitiven und emotionalen Fähigkeiten sind moralisch sehr bedeutend. Denn das bedeutet, dass damit die Leidensempfindlichkeit der Tiere erhöht ist. Sie können diesen Schmerz auch reflektieren und sich daran erinnern. Dessen muss man sich bei Versuchen an Primaten bewusst sein. Dass Primaten speziell für die Erforschung im Bereich Depression, Hirn- und Nervenerkrankungen eingesetzt werden, zeigt deutlich, dass auch Forscherinnen und Forschern die Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Primaten sehr bewusst sind. Gerade deswegen werden sie eben auch eingesetzt.
Die ethischen Bedenken in Bezug auf die Ähnlichkeit von Menschen und Menschenaffen hat viele Länder dazu bewogen, Verbote von Versuchen an Menschenaffen zu stipulieren. So kennen beispielsweise Neuseeland, Grossbritannien, Schweden, Österreich und die Niederlande bereits ein Verbot von Versuchen an Menschenaffen. Die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich und die Eidgenössische Kommission für Tierversuche haben im Jahre 2006 ebenfalls die Forderung nach einem Verbot von Versuchen an Menschenaffen vorgebracht und gleichzeitig eine starke Zurückhaltung bei Versuchen an den übrigen Primaten angeregt.
Eine Umfrage von Juni bis August 2006 in der EU hat gezeigt, dass die Bevölkerung starke Bedenken gegenüber Versuchen an Primaten hat. 72 Prozent der befragten Europäer lehnten sie ab. Eine aktuelle, diesjährige Umfrage des GfS Zürich im Auftrag von Animalfree Research zeigt, dass 49 Prozent der Bevölkerung schwerbelastende Versuche an Primaten verbieten möchten; weitere 23 Prozent möchten sie eher verbieten. Insgesamt stehen also auch 72 Prozent der Bevölkerung Versuchen an Primaten kritisch gegenüber, und nur 5 Prozent möchten sie weiterhin zulassen. Das wäre die Konsequenz der Tatsache, dass sich Menschen und Primaten sehr nahestehen, was ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse anbelangt. Die moralischen Einwände, die gegenüber Versuchen an Menschen vorgebracht werden, müssen demnach in ähnlicher Weise auch für Primaten gelten. Es ist schwer nachvollziehbar, dass Primaten auf der einen Seite in Versuchen eingesetzt werden, weil sie uns so ähnlich sind, gleichzeitig aber keinen ähnlichen moralischen und ethischen Schutz geniessen.
Was verlange ich nun in meiner parlamentarischen Initiative? Ich verlange in Punkt 1, dass Versuche der Schweregrade 1, 2 und 3 an Menschenaffen verboten sind. Das heisst, dass die Verhaltensforschung selbstverständlich weiterhin möglich ist. Versuche an Menschenaffen werden bereits heute in der Schweiz nicht mehr durchgeführt. Ein Verbot würde nur die geltende Praxis festlegen.
Punkt 2 der parlamentarischen Initiative sagt, dass Tierversuche mit einer mittleren oder einer schweren Belastung an Primaten untersagt werden sollen. Heute werden in der Schweiz pro Jahr etwa 400 Primaten in Tierversuchen eingesetzt. Davon erleiden etwa 40 Prozent eine mittlere oder schwere Belastung. Das heisst, dass die vorgeschlagene gesetzliche Regelung rund 200 Primaten betreffen würde. Das bedeutet für die Forschung keinen Verzicht, sondern eine Aufforderung, neue Wege und neue Methoden in der Erforschung von Krankheiten, neuen Medikamenten und Therapien zu begehen, was übrigens bereits heute in vielen Gebieten erfolgreich getan wird.
Geben Sie der parlamentarische Initiative heute Folge, damit die zuständige Kommission eine entsprechende gesetzliche Regelung ausarbeiten kann - eine Regelung, welche die Resultate aus der modernsten Primatenforschung, das ethische Empfinden einer Mehrheit der Bevölkerung und den Begriff der Würde des Tieres gemäss neuem Tierschutzgesetz mit einbezieht.