Müller Philipp · Nationalrat · 2008-06-12
Müller Philipp · Nationalrat · Aargau · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2008-06-12
Wortprotokoll
Während der kurzen Zeit, die ich hier zu Ihnen spreche, werden 48 Kinder an Hunger sterben. Das sind mehr als 6 Millionen im Jahr. Mehr als 800 Millionen Menschen hungern Tag für Tag, einer noch viel grösseren Anzahl fehlen in der Nahrung wichtige Vitamine oder Mineralstoffe. Diese Situation wird noch verschärft, weil die Lebensmittel teurer werden. Gemäss einer Studie der Weltbank wurden die Lebensmittel in den vergangenen drei Jahren weltweit um 83 Prozent teurer, Weizen sogar um 181 Prozent.
Das alles geht auch uns etwas an. In letzter Zeit bin ich denn auch sehr oft darauf angesprochen worden. Unsere Unternehmer machen sich Gedanken darüber. Sie wissen, dass sie nur in eine intakte Welt exportieren können, sie wissen, dass wir kein Hort der Glückseligen sein können, wenn auf der Welt gehungert wird. Sie stellen sich die Frage, was wir zur Lösung dieser immensen Herausforderung beitragen können.
Um diese Frage zu beantworten, muss man die Ursachen dieser Misere kennen. Diese sind verschieden und komplex. Ich will hier nur einige nennen. Die Weltbevölkerung wächst um über 70 Millionen Menschen pro Jahr. Nach mittleren Prognosen wird die Weltbevölkerungszahl im Jahr 2050 bei etwa 9 Milliarden Menschen liegen. Gemäss Fachleuten muss daher die Nahrungsmittelproduktion bis dahin verdoppelt werden. Die Nachfrage nach Milch und Fleisch steigt auch in den Schwellenländern. 1966 bestand die Nahrung eines Chinesen aus höchstens 4 Prozent Fleisch. Heute ist dieser Wert viermal höher. Weltweit hat sich der Fleischkonsum in den letzten zwei Jahren verdoppelt. Das steigert die Nachfrage nach Getreide. Für ein Kilo Schweinefleisch werden drei Kilo Futtergetreide benötigt. Auf dessen Anbauflächen könnte auch Weizen für Brot wachsen. Die weltweiten Lagerbestände befinden sich auf dem niedrigsten Stand seit dreissig Jahren. Die steigenden Ölpreise führen zu höheren Produktions- und Transportkosten.
Auch die weltweit erhöhte Nachfrage nach Agrotreibstoffen ist preistreibend. Die globale Produktion von Ethanolbenzin wird sich nach Schätzung der OECD und der Uno-Welternährungsorganisation bis 2017 verdoppeln. Allein die USA wollen die Bioethanol-Produktion in den nächsten drei Jahren um 50 Prozent erhöhen, staatlich gefördert durch Beimischungsvorgaben und Subventionen. Die Spekulationen an den Agrarmärkten nehmen rasch zu. An der weltweit führenden Rohstoffbörse in Chicago ist die Zahl der gehandelten Kontrakte seit Jahresbeginn um 20 Prozent auf rund eine Million täglich angestiegen. Der kürzlich in Rom durchgeführte Ernährungsgipfel ist enttäuschend verlaufen. In Johannesburg ringen Wissenschaftler und Uno-Organisationen um einen globalen Konsens im Kampf gegen den Hunger; eine Lösung ist nicht in Sicht.
Fazit: Das Problem ist global, die schweizerischen Möglichkeiten sind begrenzt. Der Abbau von Exportsubventionen und von Exportbeschränkungen ist ein Mittel, wie sich die Schweiz einbringen kann. In den Hungergebieten braucht es neben professioneller Nahrungsmittelproduktion auch eine kleinbäuerliche Landwirtschaft, die für den lokalen Markt produziert und die Selbstversorgung gewährleistet. Wir müssen uns vom herkömmlichen Denken verabschieden, Tabus müssen angesprochen werden.