Fehr Jacqueline · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2008-12-11
Wortprotokoll
Ich beantrage Ihnen, der parlamentarischen Initiative Folge zu geben, und möchte das mit vier Argumenten begründen:
1. Der Vaterschaftsurlaub entspricht einem wachsenden Bedürfnis. Die Umfrage "Perspektive Schweiz" hat ein auch für mich überraschendes Resultat gezeigt: Offenbar sind 80 Prozent der Befragten der Meinung, im Bereich Vaterschaftsurlaub müsse etwas geschehen. Dass der Vaterschaftsurlaub einem Bedürfnis entspricht, zeigt sich dort, wo auf betrieblicher oder vertraglicher Ebene solche Lösungen angeboten werden. Es zeigt sich, dass dort, wo die Gelegenheit dazu besteht, Väter vermehrt Gebrauch vom Angebot machen. Das ist nicht erstaunlich, denn immer mehr Väter geben sich nicht mehr damit zufrieden, die Kinder nur noch abends schlafend zu sehen. Die Arbeitssituation hat sich ja insofern verändert, als sehr viele Väter aufgrund der Distanzen und der Arbeitszeiten über Mittag nicht mehr nach Hause gehen und deshalb auch andere Bedürfnisse an die Zeit haben, die sie mit ihren Kindern verbringen.
2. Die Väter wünschen sich eine aktivere Rolle in der Familie. Sie möchten nicht erst dann, wenn die Familie auseinandergebrochen ist, ums Sorgerecht kämpfen, sondern sie möchten schon vorher eine aktive Rolle übernehmen. Eine aktive Rolle in der Familie heisst: Es braucht Zeit; es braucht Zeit, wenn die Kinder wach sind. Das heisst, es braucht insbesondere auch Zeit in den ersten Monaten des Lebens eines Kindes, weil dann die Beziehungen stark geprägt werden.
3. Aus der Pädagogik, aus der Entwicklungspsychologie kennen wir die Chancen, die es gibt, wenn Väter eine aktive Rolle übernehmen und wenn es zu einer guten Vater-Kind-Beziehung kommt. Ich gehe nicht so weit zu sagen, dass nur jene Kinder, die eine gute Vater-Kind-Beziehung haben, gut herauskommen; sonst hätten wir mehr Probleme in der Gesellschaft. Es ist aber eine zusätzliche Chance, es ist ein zweites Rollenmuster. Die Verantwortung, die vonseiten der Väter übernommen wird, hat Modellcharakter; sie stärkt auch die eigene Verantwortung.
4. Der internationale Trend ist klar. Es ist auch als Reaktion auf die steigende Scheidungsrate zu interpretieren, dass sich immer mehr Väter, wenn sie sich für Kinder entscheiden, von Beginn an auch für eine aktive Vaterrolle entscheiden. Es zeigen alle Untersuchungen klar, dass partnerschaftliche Beziehungen, bei welchen beide Partner sich Erwerbs- und Erziehungsaufgaben teilen, stabiler sind, weil das gegenseitige Verständnis für die jeweilige Tätigkeit grösser ist. Solche Beziehungen sind ökonomisch stabiler und führen zu weniger Spannungen. Eine partnerschaftliche Rollenteilung setzt aber voraus, dass auch die Rahmenbedingungen politisch entsprechend gesetzt werden. Hierzu können wir mit dem Vaterschaftsurlaub einen Teil beitragen. [PAGE 1814]
Die Initiative fordert konkret acht Wochen. Ich gebe offen zu: Mir scheint das für einen ersten Schritt in der Schweiz auch ein etwas grosser Schritt zu sein. Wir sind uns ja nicht gewohnt, sozialpolitisch mit Riesenstiefeln voranzugehen. Es geht hier aber nicht um die Frage, wie lange der Urlaub konkret sein soll. In einer ersten Phase entscheiden wir nur, ob Handlungsbedarf bezüglich dieses Themas besteht. Aus meiner Sicht - ich habe Ihnen erläutert, weshalb - besteht in der Frage der gesetzlichen Regelung von Vaterschaftsurlaub ganz klar Handlungsbedarf.
Ich bitte Sie deshalb, der Initiative Folge zu geben