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Fehr Jacqueline · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2009-03-04

Wortprotokoll

Im Quartier, in dem ich wohne, wurde vor gut hundert Jahren die erste katholische Kirche im zwinglianischen Kanton Zürich gebaut. Rom engagierte sich, damit die kleine katholische Diaspora ausgewanderter Italienerinnen und Italiener eine schöne Kirche mit einem grossen Glockenturm bekam. Diesem Bau ging ein heftiger Streit voraus. Das reformierte Winterthur befürchtete, dass der alte Religionsstreit wieder aufflammen könnte. Insbesondere wurde der Turm bekämpft; er sei ein Symbol der Dominanz, die katholische Kirche wolle damit ihren Machtanspruch zur Schau stellen, der Katholizismus werde sich in Winterthur damit wieder ausbreiten und die Reformierten würden verdrängt. Am Schluss werde man sich in der eigenen Stadt fremd fühlen.

Es ist also eine Argumentation, die uns in dieser Debatte seltsam vertraut vorkommt. Deshalb sollte uns interessieren, was nach dem Bau der Kirche - sie wurde eben doch gebaut - passiert ist. Nichts! Es ist nichts passiert, d. h., es ist eigentlich schon etwas passiert, nämlich genau das Gegenteil dessen, was skizziert wurde. Die Kirche hat nicht den Religionskrieg angeheizt, sondern zum religiösen Frieden beigetragen. Die Kirche hat den Menschen einen Ort gegeben, wo sie ihren privaten religiösen Bedürfnissen nachgehen konnten und diese nicht in der Politik manifestieren mussten.

Man hört von den Initianten, es gehe um die Verteidigung der christlichen Werte. Welcher Werte? Wenn wir heute so leben würden, wie es uns der Papst vorschreibt, hätten wir keinen modernen Rechtsstaat. Wir hätten weder das heutige Eherecht noch das Gleichstellungsgesetz, noch das gegenwärtige Familienrecht. Religionen haben ihre eigenen Wertesysteme. Es gibt dabei Positionen, die sich wie ein roter Faden durch all diese Systeme ziehen. Es ist die Zurücksetzung und Diskriminierung der Frauen, und es ist der Umgang mit Homosexualität. Inwiefern diese Positionen jeweils die wahren Ideen der jeweiligen Religion wiedergeben und inwiefern sie Resultat machtpolitischer Interpretationen sind, ist umstritten. Wir sollten auf jeden Fall aufpassen und gesellschaftliche Werte nicht einer einzelnen Religion zuschreiben. Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit, Menschenliebe, Respekt sind nämlich allesamt Jahrtausende älter als die Thora, die Bibel oder der Koran.

Oft wird zudem eingewendet, dass in Saudi-Arabien schliesslich auch keine Kirchen gebaut werden dürften. Nur, ist unser Ziel wirklich, ein Staat wie Saudi-Arabien zu werden? Ist also Saudi-Arabien unser neues Vorbild?

Im Nahen und Mittleren Osten, wo wir heute mit dem Finger auf religiöse Spannungen zeigen, lebten die Religionsgemeinschaften über Jahrhunderte hinweg friedlich nebeneinander, auch zu Zeiten, als in Europa die Religionskriege tobten. In Syrien beispielsweise sieht man in vielen Städten Kirchen, Moscheen und Synagogen in grosser Anzahl nahe beieinander. Die jüdische Gemeinde lebte Tür an Tür mit der katholischen, der lutheranischen, der anglikanischen, der russisch- oder der griechisch-orthodoxen Gemeinde und diese wiederum Tür an Tür mit Schiiten und Sunniten. Niemand hat sich daran gestört, bis die Extreme auf beiden Seiten begannen, mit dieser Frage Politik zu machen.

Ich verstehe die Angst und das ungute Gefühl, das viele Leute haben, wenn ihnen der Islam unablässig als Religion der verschleierten Frauen und der gewalttätigen Männer präsentiert wird. Genau deshalb lehne ich die Minarett-Initiative ab. Denn die Initiative fördert und stärkt die Extreme. Sie radikalisiert und schürt weitere Ängste. Sie schafft Probleme und verhindert Lösungen. Brandstiftern, die sich als Feuerwehr anbieten und als solche statt Wasser Öl ins Feuer giessen, dürfen wir nicht als Biederleute begegnen; wir müssen sie an ihrem Tun hindern.