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Riklin Kathy · Nationalrat · Zürich · Fraktion CVP/EVP/glp · 2009-04-29

Wortprotokoll

In einem Punkt sind wir uns einig: Das duale Berufsbildungssystem der Schweiz gehört zur Spitzenliga. Viele Länder beneiden uns um die ausgezeichnete Berufsbildung, die Bund, Kantone und die Organisationen der Arbeitswelt gemeinsam regeln. Während in anderen europäischen Ländern die Jugendarbeitslosigkeit auch in guten Zeiten nie unter 10 Prozent gesunken ist, war sie bei uns in den letzten wirtschaftlichen Boomjahren sehr gering. Knapp 3 Prozent betrug sie im Jahre 2008. Doch nun drohen gerade die Jugendlichen die ersten Opfer der Finanz- und Wirtschaftskrise zu werden. Im März 2009 ist die Arbeitslosenquote der 20- bis 24-Jährigen auf 5,1 Prozent angestiegen. 17 000 Jugendliche sind heute ohne Job. Für das nächste Jahr wird die Zahl von rund 30 000 Jugendlichen ohne Arbeit prognostiziert. Das sind äusserst beängstigende Zahlen.

Wir sind daher froh, dass die Volkswirtschaftsministerin zusammen mit den Arbeitgebern und den Gewerkschaften sehr rasch Massnahmen in die Wege geleitet hat, die sie gestern präsentiert hat. Wir begrüssen alle Massnahmen, die dazu dienen, Ausbildungsmöglichkeiten zu erhalten, insbesondere auch Lehrstellen in der Finanzbranche, die bis anhin vorbildliche Arbeit geleistet hat. Die Schaffung und die Erhaltung von Ausbildungswegen ist sehr zu begrüssen. Gute Resultate haben wir dank Lehrbetriebsverbünden, wie z. B. dem Berufslehrverbund Zürich. Brückenangebote, Motivationssemester, Praktikumssemester sind weitere begrüssenswerte Projekte. Mit allen Mitteln müssen Lösungen gefunden werden, damit die Jungen von Beginn weg beruflich integriert werden.

Heute haben wir ein Potpourri von Vorstössen vor uns. Ob die Schaffung von noch mehr Berufsbildern die Lösung ist, bezweifeln wir. Heute gibt es über 200 mögliche Berufsausbildungen. Viel eher müssen wir breitere Grundausbildungen schaffen, die später mehr berufliche Flexibilität ermöglichen. Spezialisierungen und die Ausbildung in Trendbereichen gehören in die berufsorientierte Weiterbildung. Auch die Einführung eines Basislehrjahres würde nur die Verschulung fördern. In einzelnen komplexen Bereichen wie in der Informatik ist eine schulische Ausbildung anfänglich sinnvoll.

Das Ziel "Kein Jugendlicher ohne Anschlussmöglichkeit", wie es Otto Ineichen fordert, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Die Berufsausbildung soll klar Vorrang vor dem Gang zur Arbeitslosenkasse haben. Um dies umzusetzen, sind die bereits eingeführten Konzepte Case Management und Case Management+ äusserst wertvoll. Mit strukturierten Verfahren und adäquaten Massnahmen sollen Jugendliche, deren Einstieg in die Berufswelt stark gefährdet ist, begleitet und betreut werden.

In seiner Antwort auf meine Motion 07.3871 garantiert mir der Bundesrat, dass individuelle Unterstützungen im Bereich der Berufslehren und Attestausbildungen in niederschwelligen Berufen auch gefördert werden und dass kein Bedarf nach Übernahme der Kosten dieser wichtigen Berufseinstiegsmöglichkeiten für schulisch schwache Kinder da ist. Deshalb ziehe ich meine Motion zurück. Die Erfahrungen mit der neuen zweijährigen Grundausbildung mit Attest sind gut und anscheinend für die Wirtschaft sogar rentabel.

Erlauben Sie mir noch eine Frage - eine Erklärung möchte ich doch noch von unserer Bundesrätin: Während eines Praktikums, das maximal sechs Monate dauern darf, bezahlt die Arbeitslosenversicherung den Praktikanten weiterhin ein Taggeld aus. Die Arbeitslosenversicherung übernimmt bis zu 75 Prozent der Taggelder. Wo ist da de facto noch der Unterschied zu meiner Forderung? Wäre es nicht besser, zweijährige Ausbildungen zu fördern anstatt nur drei- bis sechsmonatige Praktika? Besten Dank für die Antwort.