Geltung: Wie spätere Gerichte diesen Entscheid behandelt haben, wurde nicht ausgewertet.

TVR 2002 Nr. 43

TVR 2002 Nr. 43

Rubrum

Zahnärztliche Behandlung zu Lasten der Grundversicherung

Art. 17 KLV, Art. 31 KVG

1. Aufgrund des Vertrages der Santésuisse mit den beiden Kantonen Appenzell, können (auch) kantonal approbierte Zahnärzte – in Notfällen – den Krankenversicherern Rechnung stellen. Eine Notfallbehandlung liegt nicht vor, wenn der Zahnarzt erst am Folgetag der Schmerzen aufgesucht wird.

2. Die Behandlung eines externen Granuloms fällt nicht unter den Leistungskatalog gemäss Art. 17 KLV.

Sachverhalt

B liess sich bei K, kantonal approbierter Zahnarzt im Kanton Appenzell Ausserrhoden, am 10. Dezember 2001 den vorderen linken Schaufelzahn extrahieren. Mit Schreiben vom 27. Mai 2002 sandte sie die Rechnung an ihren Krankenversicherer samt Zeugnis, wonach dieser Zahn aufgrund eines «paradentalen Granuloms» entfernt werden musste. Sie machte geltend, dieses Granulom sei unverschuldet, weshalb die Kosten durch die Grundversicherung zu übernehmen seien.
Die Krankenkasse antwortete am 3. Juli 2002, Zahngranulome fielen nicht unter das KVG. Im Weiteren sei K kantonal approbierter Zahnarzt, somit könne er nur bei Notfällen zulasten des Krankenversicherers behandeln. Die auf der Rechnung aufgeführten Leistungen stellten keine Notfallbehandlung dar. Gegen den Einspracheentscheid vom 19. September 2002 führt B Beschwerde beim Versicherungsgericht. Dieses weist ab.

Erwägungen

2. a) Zur Tätigkeit zu Lasten der Obligatorischen Krankenpflegeversicherung sind nur jene Leistungserbringer zugelassen, welche die Voraussetzungen nach den Art. 36 bis 40 KVG erfüllen (Art. 35 Abs. 1 KVG). (...)
Nach Auskunft der Santésuisse beider Appenzell ist K (lediglich) kantonal approbierter Zahnarzt, das heisst, er verfügt nicht über ein eidgenössisches Diplom, wie es gemäss KVG für die Anerkennung als Leistungserbringer erforderlich wäre. Laut Santésuisse existiert jedoch eine Vereinbarung mit den beiden Kantonen Appenzell, wonach kantonal approbierte Zahnärzte den Krankenversicherern ausschliesslich Rechnung für Notfallbehandlungen stellen dürfen. Nun machte die Beschwerdeführerin in ihrer Einsprache sinngemäss einen Notfall geltend, indem sie ausführte, sie habe unter grossen Schmerzen gelitten und versucht, diese durch Medikamente zum Abklingen zu bringen, was aber nicht gelungen sei. In der Folge habe sie mit Zahnarzt K telefoniert und schon am nächsten Tag vorbei gehen können, um den Zahn zu ziehen.
Schon aus dieser Schilderung erhellt, dass es sich nicht um einen Notfall im engeren Sinne handelte. An der öffentlichen mündlichen Verhandlung erklärte ihr Ehegatte sogar, dass vor der Extraktion des Zahns eine Zweitmeinung bei einem Zahnarzt in Winterthur eingeholt worden sei. Ein Notfall würde keinen Aufschub auf den nächsten Tag und keine Fahrt von Frauenfeld in den Kanton Appenzell Ausserrhoden zulassen (abgesehen davon existiert in Frauenfeld eine Notfall-Zahnarzt-Organisation). Dazu kommt, dass laut Honorarrechnung die Behandlung durch Zahnarzt K vom 10. Dezember 2001 bis 22. März 2002 dauerte, was weit über eine Notfallbehandlung hinausginge. (...)

b) Die Beschwerde ist aber auch abzuweisen, weil die Voraussetzungen gemäss Art. 31 KVG nicht gegeben sind. Gemäss Art. 31 Abs. 1 KVG übernimmt die obligatorische Krankenversicherung die Kosten der zahnärztlichen Behandlung, wenn diese a) durch eine schwere, nicht vermeidbare Erkrankung des Kausystems bedingt ist oder b) durch eine schwere Allgemeinerkrankung oder ihre Folgen bedingt ist oder c) zur Behandlung einer schweren Allgemeinerkrankung oder ihrer Folgen notwendig ist. Sie übernimmt auch die Kosten der Behandlung von Schäden des Kausystems, die durch einen Unfall verursacht worden sind (Art. 31 Abs. 2 KVG). Die Voraussetzungen von Art. 31 Abs. 1 lit. b und c KVG sind unbestrittenermassen von vornherein nicht gegeben, ebenso liegt kein Unfall vor. Unter die Erkrankungen des Kausystems, deren Behandlung die Krankenkasse übernehmen muss, fällt gemäss Art. 17 KLV unter anderem auch ein idiopathisches (das heisst, ohne erkennbare Ursache entstandenes) internes Zahngranulom (Geschwulst an der Zahnwurzelspitze). Nicht leistungspflichtig ist aber die Behandlung des externen Granuloms, da es sich um eine vermeidbare Erkrankung, ausgehend vom Parodont, handelt (vgl. KVG, Atlas der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft SSO). Um was für ein Granulom es sich hier handelte, liesse sich, wie der Vertrauenszahnarzt der Krankenkasse zu Recht festhält, nur aufgrund von Röntgenaufnahmen vor der Extraktion feststellen. Es kommt dazu, dass gemäss Angaben von Zahnarzt K der Zahn wegen eines «paradentalen Granuloms» extrahiert werden musste. Dabei müsste es wohl richtigerweise «parodontales Granulom» heissen, was aber gemäss Art. 17 KLV nicht kassenpflichtig ist. Allerdings ist festzuhalten, dass die generelle Behauptung der Krankenkasse, Granulome des Zahnes seien nicht kassenpflichtig, in dieser absoluten Form nicht zutrifft. Im Übrigen spricht gegen eine Leistungspflicht auch der Umstand, dass keine Wurzelbehandlung durchgeführt wurde.

Entscheid vom 27. November 2002

Seither geänderte Bestimmungen

Dieser Entscheid legt Bestimmungen aus, deren Erlass seither erneut konsolidiert wurde. Ob der Artikel selbst geändert hat, ist nicht erfasst.

  • Verordnung des EDI über Leistungen in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung, Art. 17 — gelesen in der Fassung vom 1. Juli 2002; der Erlass wurde am 1. Januar 2003, 1. Januar 2004, 1. April 2004, 1. Mai 2004, 1. Juli 2004, 1. August 2004, 1. Januar 2005, 1. Juli 2005, 1. Januar 2006, 10. Mai 2006, 1. August 2006, 1. Januar 2007, 1. April 2007, 1. August 2007, 1. September 2007, 1. Oktober 2007, 1. Januar 2008, 1. Juli 2008, 1. August 2008, 1. Januar 2009, 1. Juli 2009, 1. August 2009, 1. Oktober 2009, 1. Januar 2010, 1. Juli 2010, 1. August 2010, 1. September 2010, 1. Januar 2011, 1. März 2011, 1. Juli 2011, 1. Januar 2012, 1. Mai 2012, 1. Juli 2012, 1. September 2012, 1. Januar 2013, 1. Juni 2013, 1. Juli 2013, 1. Januar 2014, 1. Juli 2014, 1. Januar 2015, 1. Juni 2015, 15. Juli 2015, 15. September 2015, 15. November 2015, 1. Januar 2016, 1. Mai 2016, 1. Juli 2016, 1. August 2016, 1. Januar 2017, 10. Januar 2017, 1. März 2017, 1. Juli 2017, 1. August 2017, 3. August 2017, 1. Januar 2018, 1. März 2018, 1. April 2018, 19. Juni 2018, 1. Juli 2018, 17. Juli 2018, 31. Juli 2018, 1. September 2018, 1. Oktober 2018, 1. Januar 2019, 19. Februar 2019, 1. März 2019, 1. April 2019, 1. Juli 2019, 9. Juli 2019, 1. Oktober 2019, 1. Januar 2020, 4. März 2020, 1. April 2020, 30. April 2020, 1. Juli 2020, 1. Oktober 2020, 1. Dezember 2020, 1. Januar 2021, 1. Februar 2021, 1. April 2021, 1. Juni 2021, 1. Juli 2021, 1. Oktober 2021, 4. November 2021, 1. Januar 2022, 1. Februar 2022, 1. April 2022, 1. Juli 2022, 1. August 2022, 1. Oktober 2022, 1. Januar 2023, 1. März 2023, 1. Mai 2023, 1. Juli 2023, 1. November 2023, 1. Januar 2024, 24. Januar 2024, 1. Juli 2024, 1. Januar 2025, 1. März 2025, 1. Juli 2025, 16. Dezember 2025, 1. Januar 2026, 11. Mai 2026, 1. Juli 2026 und 1. August 2026 erneut konsolidiert.
  • Bundesgesetz über die Krankenversicherung, Art. 31, Art. 35, Art. 36, Art. 37, Art. 38, Art. 39 und Art. 40 — gelesen in der Fassung vom 1. Oktober 2002; der Erlass wurde am 1. Januar 2003, 1. Februar 2003, 1. Januar 2005, 1. Januar 2006, 1. April 2006, 21. Dezember 2006, 1. Januar 2007, 1. Dezember 2007, 1. Januar 2008, 14. Juni 2008, 1. August 2008, 1. Januar 2009, 1. Juni 2009, 1. Januar 2010, 1. Januar 2011, 1. Januar 2012, 16. Juli 2012, 1. Januar 2013, 1. Juli 2013, 1. März 2014, 1. Januar 2015, 1. Januar 2016, 1. Juli 2016, 1. Januar 2017, 15. April 2017, 1. September 2017, 15. November 2017, 1. Januar 2018, 1. Januar 2019, 1. Juli 2019, 1. Januar 2020, 1. Januar 2021, 1. April 2021, 1. Juli 2021, 1. Oktober 2021, 1. Januar 2022, 1. Januar 2023, 18. März 2023, 1. September 2023, 1. Januar 2024, 1. März 2024, 1. Juli 2024, 1. Oktober 2024, 1. Januar 2025, 1. Juli 2025, 1. Januar 2026 und 1. Juli 2026 erneut konsolidiert.