Gründung einer koordinierenden Organisation im Bereich Demenz (Projekt "Mäander"), Phase «Projektinitialisierung», Auftrag
Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich Sitzung vom 6. Juni 2018
517. Gründung einer koordinierenden Organisation im Bereich
Erwägungen
Demenz (Projekt «Mäander»), Phase «Projektinitialisierung», Auftrag
Ausgangslage Der Bund und die Kantone legten Ende 2013 die Nationale Demenz- strategie 2014–2019 fest. Diese Strategie ist hauptsächlich auf das Ge- sundheitswesen ausgerichtet, weshalb die Gesundheitsdirektion mit der Umsetzung im Kanton Zürich betraut ist. Sie nimmt dabei eine koordi- nierende und unterstützende Rolle ein. Dazu organisiert sie jährlich das Zürcher Demenzforum, das eine Plattform für die Diskussion der Situa- tion rund um das Thema Demenz im Kanton Zürich und für die Identifi- kation von Massnahmen zur Behebung von Problemen und Missständen in der Versorgung von Menschen mit Demenz sein soll. Am Demenzfo- rum nehmen jeweils die wichtigsten Anspruchsgruppen aus dem Gesund- heitswesen teil: Patientenorganisationen, Leistungserbringer, Bildungs- einrichtungen und Behörden. Zudem führt die Gesundheitsdirektion zusammen mit verschiedenen Partnern Projekte durch oder unterstützt sie mit finanziellen Beiträgen, um die wichtigsten Lücken in der Gesund- heitsversorgung zu schliessen. In den Diskussionen im Rahmen des Demenzforums und in den Pro- jekten zur Umsetzung der Nationalen Demenzstrategie im Kanton Zürich zeigte es sich allerdings, dass die Begrenzung der Massnahmen und Pro- jekte auf die Gesundheitsversorgung den gesamtgesellschaftlichen Di- mensionen des Themas Demenz nicht gerecht werden kann. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Anzahl Menschen mit Demenz in der Zürcher Gesellschaft weiter wachsen. Laut Zahlen der Alzheimer- vereinigung Schweiz lebten 2017 fast 25 000 Menschen mit Demenz im Kanton Zürich. Bis 2040 wird sich die Zahl der Betroffenen voraussicht- lich auf knapp 50 000 Personen verdoppeln. Pro betroffene Person sind durchschnittlich drei Angehörige direkt mitbetroffen, da sie in die Be- treuung einbezogen sind. Hochgerechnet heisst das, dass Demenz heute bei insgesamt 100 000 Zürcherinnen und Zürchern den Alltag mitbestimmt. Rund 40% der von Demenz betroffenen Menschen werden im Kanton Zü- rich institutionell in Alters- und Pflegeheimen, Pflegeheimen oder Pflege- wohnungen betreut. Das heisst im Umkehrschluss, dass rund 60% in ihrer angestammten Umgebung leben und dabei auf sich selbst gestellt sind oder durch das familiäre und gesellschaftliche Umfeld bzw. durch ambu- lante Pflege- und Betreuungsorganisationen betreut werden.
Dass Menschen mit Demenz so lange wie möglich im gesellschaftlichen Alltag integriert bleiben, ist eines der wichtigsten Ziele aller an der Ver- sorgung beteiligten Organisationen und Institutionen und nicht zuletzt der Betroffenen und ihrer Angehörigen selbst. Dazu müssen aber auch die Umfeldvoraussetzungen gegeben sein: Nur wenn das Umfeld – die Nachbarschaft, das lokale Gewerbe, die örtlichen Vereine und Kirchen, die Organisationen des öffentlichen Verkehrs usw. – den Menschen mit Demenz angemessen begegnet, können sie auch mit fortschreitenden Wahrnehmungsbeeinträchtigungen in der angestammten Umgebung ver- bleiben. Demenz ist deshalb ein gesamtgesellschaftlich anzugehendes Thema. Dies gilt umso mehr, weil es keine Therapie gibt, die Demenz vorbeugen oder heilen könnte, und weil sich auch keine solchen Durchbrüche in der Behandlung abzeichnen. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft, Strategien für den angemessenen Umgang mit Menschen mit Demenz und ihre best- mögliche und möglichst lange währende Integration in den Alltag zu ent- wickeln und entsprechende Massnahmen umzusetzen.
Bisherige Schritte Um die Umfeldgegebenheiten für Menschen mit Demenz günstig zu beeinflussen, ist eine Erweiterung der Aktivitäten aller zuständigen Stel- len vom engeren Blickwinkel auf die Gesundheitsversorgung zu einem sektorenübergreifenden Ansatz notwendig. Dies wurde auch von den am Zürcher Demenzforum beteiligten Interessengruppen ausdrücklich be- stätigt. Der Umgang mit Demenz und die Schaffung günstiger Alltags- gegebenheiten für Menschen mit Demenz müssen zu einer Querschnitt- aufgabe über alle gesellschaftliche Bereiche hinweg werden. Dies ist je- doch nur möglich, wenn entsprechende Aktionen an gemeinsamen Zielen ausgerichtet und koordiniert in die Wege geleitet werden, was wiederum zweckmässige organisationsbezogene Strukturen voraussetzt. Im Sommer 2017 hat sich der Regierungsrat durch die Gesundheits- direktion über diese Entwicklungen sowie die darauf beruhenden Über- legungen und abzuleitenden Aufgaben anlässlich einer Klausur informie- ren lassen. Der Handlungsbedarf wurde vom Regierungsrat anerkannt. Die skizzierte Lösung – die Gründung einer gesellschaftlich breit getra- genen Institution für die Initiierung und Koordinierung von Aktivitäten zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit Demenz – wurde für sinnvoll erachtet. Die Gesundheitsdirektion wurde aufgefor- dert, die Projektidee weiterzuentwickeln; die Direktion der Justiz und des Innern und die Sicherheitsdirektion erklärten sich bereit, bei der Wei- terentwicklung der Projektidee mitzuwirken.
Die weitere Ausarbeitung der Projektidee wurde schwergewichtig von der Gesundheitsdirektion übernommen und durch eine Projekt- gruppe begleitet, in der die drei Direktionen sowie eine Expertin von SwissFoundations, einer Dachorganisation der Schweizer Förderstiftun- gen, Einsitz nahmen. Zur Weiterentwicklung der Projektidee wurden wei- tere Abklärungen im Sozialbereich (Kirchen, Schweizerisches Rotes Kreuz Kanton Zürich), im Stiftungswesen (u. a. «Roundtable Alter» von Swiss- Foundations) und im Wirtschaftsbereich (Zürcher Handelskammer, KMU- und Gewerbeverband Kanton Zürich, Verband Zürcher Handelsfirmen, Zürcher Bankenverband) durchgeführt. Für das Projekt wurde als einprägsamer Arbeitstitel der Name «Mäan- der» nach dem Fluss in Kleinasien gewählt. Er soll das Bewegen und Fliessen und das «Wege finden» des Projektes versinnbildlichen. Hinder- nisse werden umgangen und gleichzeitig in die Mäanderlandschaft in- tegriert. Das Wasser ist sowohl Akteur als auch Objekt der Aktion. Das Wasser findet immer seinen Weg durch die Landschaft. Wie eine natür- liche Flusslandschaft ist eine Gesellschaft, die auch den Menschen mit Demenz Sorge trägt, vielgestaltig und vielgliedrig. Sie bietet kleinen und grossen Ideen Platz zur Entfaltung. Diese Vielfalt soll auch im Projekt ermöglicht werden.
Gründe für die kantonale Initiative Der angemessene Umgang mit Demenz betrifft wie erwähnt alle Be- reiche der Gesellschaft. Für die Initiierung und Koordination von Aktivi- täten auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene reicht aber das Vertrauen in die Selbstorganisation der Stakeholder nicht aus; es braucht eine Instanz, die das Heft in die Hand nimmt und die Prozesse zur Verbesserung der Alltagsbedingungen von Menschen mit Demenz unter Beteiligung aller Anspruchsgruppen in Gang setzen kann. Es ist sinnvoll, dass ein derartiges Projekt vom Staat eingeleitet wird, da nur er das gesellschaftliche Gesamtwohl des Staates und seiner Bürge- rinnen und Bürger institutionell umfassend verkörpert. Die kantonale Verwaltung als vorbereitende und ausführende Instanz des staatlichen Wirkens ist allerdings sektoriell organisiert, mit getrennten Zuständig- keiten für die Schlüsselthemen Wirtschaft, Bildung, Soziales, Sicherheit, Gesundheit, Lebensraum und Infrastruktur. Die Durchführung eines alle wesentlichen Sektoren der kantonalen Verwaltung betreffenden und sie einbeziehenden Projektes ist eine grosse Herausforderung und stellt in verschiedener Hinsicht Neuland dar. Vor diesem Hintergrund liegt es auf der Hand, dass der Regierungsrat als sektorenübergreifende Exekutiv- instanz die vorrangig, aber nicht allein in der Verantwortung stehenden Direktionen (Gesundheitsdirektion, Sicherheitsdirektion und Direktion
der Justiz und des Innern) mit der Durchführung des Projektes beauf- tragt. Auch die übrigen Direktionen sind von der Thematik direkt oder indirekt betroffen, beispielsweise über die Raumplanung und die Ge- staltung des öffentlichen Raums (Baudirektion), über die Arbeitswelt (Volkswirtschaftsdirektion) oder über die Vermittlung gesellschaftli- cher Kompetenzen in der Volksschule (Bildungsdirektion). Es ist daher notwendig, dass sie das Projekt im Rahmen ihrer Aufgabenbereiche unter- stützen. Dies gibt dem Vorhaben das Gewicht und die Bedeutung so- wohl nach innen gegenüber den übrigen Bereichen der Verwaltung als auch nach aussen gegenüber der Gesellschaft als Ganzes und ihrer ver- schiedenen Elemente. Es setzt auch ein Zeichen, dass die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit Demenz nicht nur bei jenen gemeinnützigen Organisationen und Anbietern von Versorgungsleis- tungen liegt, die sich schon heute um Menschen mit Demenz und ihre Angehörige kümmern, sondern auch bei bisher an der Seite stehenden Dritten, deren Beteiligung aber für die gesamtgesellschaftliche Durch- setzung der Leitidee entscheidend ist: die bestmögliche gesellschaftliche Integration von Demenzbetroffenen.
Vorgehen im Projekt «Mäander» Das Projekt folgt den üblichen Entwicklungsschritten, wie sie auch in den einschlägigen Projektmanagementsystemen (Hermes u. a.) berück- sichtigt sind (siehe Abbildung 1): – Auf die nun abgeschlossene Phase der Projektidentifikation (I) folgt die Phase Projektinitialisierung (II). In dieser Phase werden Vorgehens- varianten für das Projekt geprüft sowie die Projektorganisation und der Projektablauf festgelegt, der Mittelbedarf für das Projekt ermittelt und die Projektfinanzierung sichergestellt. Diese Initialisierungsphase nimmt voraussichtlich sechs bis acht Monate in Anspruch und soll Ende 2018 abgeschlossen sein. – Auf der Initialisierungsphase folgt die Konzeptphase (III); sie wird vor- aussichtlich drei Jahre dauern. Die Phase wird aus drei Teilen bestehen: – Erarbeitung der angedachten koordinierenden Organisation im Be- reich Demenz mit Zielen, Aufbau- und Ablauforganisation und Fi- nanzierungssystem (sechs Monate) – Testlauf der Aufbau- und Ablauforganisation in ein bis zwei Pilot- projekten (zwei Jahre) – Evaluation (sechs Monate) – Bei erfolgreichem Abschluss des Pilotversuches werden in der Realisie- rungsphase (IV) die Umsetzung vorbereitet und in der Einführungs- phase (V) schliesslich die Gründung der Organisation vorgenommen.
Abbildung 1: Projektphasen RR- RR- evtl. RR- RR- Entscheid Entscheid Entscheid Entscheid
Projekt- Projekt- Konzept Konzept Konzept Reali- Ein- identifikation initialis. (Vorbereit.) (Pilot) (Evaluation) sierung führ.
Phase I Phase II Phase III Phase IV Phase V
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Ziele und Inhalte der Projektinitialisierungsphase Ziele Das Projekt «Mäander» bezweckt die Ausarbeitung von Entscheid- grundlagen für die Gründung einer koordinierenden Organisation im Be- reich Demenz. In der Initialisierungsphase werden die Machbarkeit des Vorhabens geprüft und über einen Variantenentscheid die Voraussetzungen für die Konzipierung der Organisation und ihre Erprobung im Rahmen eines Pilotversuches geschaffen. Inhalte Inhaltlich umfasst die Projektinitialisierung im Wesentlichen: – eine Vertiefungsstudie zur Prüfung der Voraussetzungen für die Durch- führung von Programmen und Projekten zur Verbesserung der Situa- tion von Menschen mit Demenz – eine Stakeholderanalyse – die Erstellung des detaillierten Projektplans für die Konzeptphase mit Kostenschätzung – die Festlegung einer zweckmässigen Projektorganisation – die Konzipierung des Projektcontrollings (im Sinne des Qualitäts- und Risikomanagements) für das Projekt In der erwähnten Vertiefungsstudie werden der zu erwartende Mehr- wert des Projektes für die Beteiligten verifiziert, verschiedene grund- sätzliche Lösungsvarianten aufgezeichnet und auf ihre Tauglichkeit für die Erreichung der Projektziele geprüft. Die Studie bildet die Grundlage für die Erweiterung des Netzwerkes um Projektpartner und -sponsoren. Aufgrund der Ergebnisse der Studie und der Stakeholderanalyse werden in der Initialisierungsphase die Ziele für das Gesamtprojekt weiter prä- zisiert und die Anforderungen an die zu gründende Organisation defi- niert.
Zeithorizont Die Initialisierungsphase des Projektes «Mäander» wird voraussicht- lich Ende Dezember 2018 mit einem Bericht und Antrag an den Regie- rungsrat für die Freigabe der Konzeptphase abgeschlossen. Organisation Initialisierungsphase Für die Initialisierungsphase ist eine Projektorganisation auf zwei Ebenen vorgesehen: – Auftraggeber ist der Regierungsrat, in der Initialisierungsphase ver- treten durch den Vorsteher der Gesundheitsdirektion, der den Vorsitz innehat, die Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern und den Vorsteher der Sicherheitsdirektion. – Das Projektteam betreut die Initialisierungsphase inhaltlich. Die Ge- sundheitsdirektion stellt die Projektleitung. Administrative bzw. ope- rative Unterstützung erfolgt durch ein Projektoffice. Das Qualitäts- und Risikomanagement des Projektes wird in der Initia- lisierungsphase entwickelt und auf die Konzeptphase hin umgesetzt. Die definitive Projektorganisation ab Phase «Konzept» mit den voraus- sichtlichen Elementen Aufsicht, strategische Steuerung, Projektleitung, Beirat sowie Qualitäts- und Risikomanagement wird in der Initialisie- rungsphase ausgearbeitet. In den zentralen Gremien werden die antrag- stellenden Direktionen auf verschiedenen Ebenen vertreten sein. Mittel für die Initialisierungsphase Für die Initialisierungsphase ist von folgendem verwaltungsinternem Mittelbedarf auszugehen (in Vollzeitäquivalenten [VZÄ]): – Projektleitung: 0,6 VZÄ – Projektoffice: 0,3 VZÄ Die benötigten Mittel für die Projektleitung werden aus dem bestehen- den Stellenetat des Generalsekretariats der Gesundheitsdirektion bereit- gestellt. Das Projektoffice soll durch eine befristet angestellte studenti- sche Hilfskraft besetzt werden. Die Kosten dafür werden auf Fr. 15 000 geschätzt. Die Konzipierung des Qualitäts- und Risikomanagements sowie die Validierung der Projektidee in einer Vertiefungsstudie sollen extern in Auftrag gegeben werden. Dafür sowie für das Projektoffice und allfäl- lige projektmethodische Unterstützung (Hermes-Kompatibilität) fallen voraussichtlich folgende Kosten an: in Franken Vertiefungsstudie 80 000 Konzeption Qualitäts- und Risikomanagement 20 000 Projektoffice 15 000 Reserve für Unvorhergesehenes 5 000 Total 120 000
Die Kosten für die externen Mandate und für die befristete Unterstüt- zung durch das Projektoffice von voraussichtlich Fr. 120 000 sollen von den am Projekt beteiligten Direktionen zu je einem Drittel getragen werden. Über die Verwendung der Projektreserve entscheidet der Auftraggeber bzw. dessen Vertretung. Die Bewilligung der Ausgabe fällt in die Zuständigkeit der am Projekt beteiligten Direktionen (§ 39 lit. a Finanzcontrollingverordnung, LS 611.2), wobei je Fr. 40 000 zulasten der Leistungsgruppe Nr. 6000, Steuerung Gesundheitsversorgung, der Leistungsgruppe Nr. 2207, Gemeindeamt, und der Leistungsgruppe Nr. 3500, Sozialamt, gehen. Die Ausgaben sind in den jeweiligen zu belastenden Budgets enthalten.
Dispositiv
Auf Antrag der Gesundheitsdirektion beschliesst der Regierungsrat:
I. Die Gesundheitsdirektion wird beauftragt, zusammen mit der Di- rektion der Justiz und des Innern und der Sicherheitsdirektion das Pro- jekt «Mäander» zur Gründung einer koordinierenden Organisation im Bereich Demenz zu initialisieren.
II. Die weiteren Direktionen des Regierungsrates und die Staatskanz- lei werden aufgefordert, das Projekt im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu unterstützen.
III. Mitteilung an die Direktionen des Regierungsrates und die Staats- kanzlei.
Vor dem Regierungsrat Die Staatsschreiberin:
Kathrin Arioli