Anfrage Markus Bopp, Otelfingen, und Urs Wegmann, Neftenbach, betreffend Wird der Zürcher Wald übernutzt?, Beantwortung
Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich KR-Nr. 90/2025
Sitzung vom 11. Juni 2025
622. Anfrage (Wird der Zürcher Wald übernutzt?) Die Kantonsräte Markus Bopp, Otelfingen, und Urs Wegmann, Neften- bach, haben am 24. März 2025 folgende Anfrage eingereicht: In forstlichen Diskussionen wird erwähnt, dass die Hiebsätze (Ober- grenze einer nachhaltigen Holznutzung in m 3) in den Zürcher Wäldern in den letzten Jahren gesunken sind. Die Gründe dafür sind jedoch nicht ganz klar. Der neueste Waldbericht des Bundes erwähnt diverse Fakto- ren wie Hitze, Trockenheit, Schädlinge oder Bodenverdichtung, welche in der Summe dazu führen, dass die hiesigen Wälder gestresst seien. Vor diesem Hintergrund ist eine verstärkte Förderung von Holzheizungen zu hinterfragen, denn möglicherweise liegt das Potential des Holzzu- wachses in Zürich tiefer als bisher angenommen. In diesem Zusammenhang stellen wir dem Regierungsrat folgende Fragen:
Erwägungen
1. Wie haben sich die Hiebsätze im Kanton Zürich in den letzten 20 Jah- ren verändert?
2. Sind die Zürcher Wälder gestresst und wenn ja, welche hauptsächlichen Faktoren könnten hierbei mitverantwortlich sein?
3. Besteht die Gefahr, dass aufgrund der steigenden Anzahl an Holz- heizungen im Kanton Zürich unsere Wälder durch den erhöhten Brenn- holzbedarf übernutzt werden?
4. Wie wird das Potential an Energieholz im Kanton berechnet? Wird dabei zwischen Nutzholz und Energieholz unterschieden und kann der erhöhte Bedarf an Energieholz dazu führen, dass weniger Holz als Nutzholz geerntet wird?
5. Wird der möglicherweise tiefere Holzzuwachs bei der Berechnung des Energieholzpotenzials berücksichtigt?
Dispositiv
Auf Antrag der Baudirektion beschliesst der Regierungsrat:
I. Die Anfrage Markus Bopp, Otelfingen, und Urs Wegmann, Neften- bach, wird wie folgt beantwortet:
Holz hat vielfältige Verwendungsmöglichkeiten als Baustoff, Rohstoff und Energieträger. Bei einer stofflichen Verwertung kann es nicht nur energieintensive Materialien wie Beton oder Stahl ersetzen, sondern gleichzeitig CO2 speichern. Damit leistet Holz einen wichtigen Beitrag zur langfristigen Klimastrategie des Kantons Zürich (RRB Nr. 128/2022). Als Energieträger ersetzt es zwar auch fossile Brennstoffe, der Speicher- effekt fällt dabei allerdings weg. Deshalb sollte die energetische Verwer- tung auf jenes Holz beschränkt werden, das stofflich nicht sinnvoll ver- wendbar ist. Dem tragen die Bemühungen des Kantons Rechnung, für eigene, aber auch für private Bauten die Verwendung von Holz als Bau- stoff zu fördern. Zu Frage 1: Betriebspläne sind erst ab 50 ha Waldeigentum auszuarbeiten (§ 8 Abs. 1 Kantonale Waldverordnung vom 28. Oktober 1998; LS 921.11) und darin die voraussichtlichen nachhaltigen Nutzungsmengen, die so genannten Hiebsätze, zu bestimmen und festzulegen. Im nicht organi- sierten Kleinprivatwald (rund 45% der gesamtkantonalen Waldfläche) – der oft über einen verhältnismässig grossen Holzvorrat verfügt – müs- sen keine Hiebsätze bestimmt werden. Deshalb beziehen sich die folgen- den Aussagen über die Hiebsatzentwicklung lediglich auf ungefähr die halbe Waldfläche des Kantons. Im kantonalen Durchschnitt bewegte sich der Hiebsatz der betriebs- planpflichtigen Wälder in den letzten 20 Jahren um rund 10 m 3 pro Hek- tar und Jahr. Insgesamt ist eine Verkleinerung des nachhaltig nutzbaren Holzvolumens zu verzeichnen, was neben den bereits genannten Ereig- nissen auch darauf zurückzuführen ist, dass der Zürcher Wald durch die Förderung von hitze- und trockenheitsresistenteren Laubbaumarten an den Klimawandel angepasst wird. Laubbäume verfügen über mehr Holz- volumen in der Krone als Nadelbäume. Dieses zusätzliche, energetisch nutzbare Holzvolumen fliesst nur teilweise in die Hiebsatzberechnungen ein. Zu Frage 2: Die Zürcher Wälder – wie alle mitteleuropäischen Wälder – sind ge- stresst. Hauptfaktoren sind Trockenheit, Hitze, Schadorganismen und grosse Stickstoffeinträge aus der Luft. Dabei stehen diese Einflussfak- toren in einer Wechselwirkung und verstärken sich teilweise gegenseitig.
Der starke Eintrag von Luftstickstoff führt zu einer Bodenversauerung und verändert die Bodenchemie und wichtige Nährstoffe werden ver- mehrt ausgewaschen. Dadurch sind die Bäume schlechter mit wichtigen Nährstoffen versorgt und zudem leiden die Feinwurzeln. Die Wider- standskraft der Bäume gegen Witterungsextreme (z. B. Sommertrocken- heit) und Schädlinge (z. B. Borkenkäfer) wird dadurch kleiner. Dazu liefert das vom Kanton seit 40 Jahren unterstützte Programm der Wald- dauerbeobachtung des Instituts für Angewandte Pflanzenbiologie wert- volle Langzeitdaten (vgl. IAP – Institut für Angewandte Pflanzenbio- logie). Zahlreiche Schadorganismen können bei höheren Temperaturen mehrere Generationen innerhalb eines Jahres entwickeln; bekanntestes Beispiel dazu ist der Borkenkäfer der Fichte. Schaderregende Pilze pro- fitieren durch hohe Wintertemperaturen, da sie auch in der Ruhephase von Laubbäumen aktiv bleiben und so einfacher Abwehrmechanismen überwinden können. Im Umweltbericht des Regierungsrates wird über den Zustand des Zürcher Waldes alle vier Jahre Bericht erstattet. Die wesentlichen He- rausforderungen sind darin dargestellt (zh.ch/de/umwelt-tiere/umwelt- schutz/umweltbericht/umweltbericht-wald.html). Zu Frage 3: Holz darf nur mit Zustimmung der Forstbehörden geschlagen werden (§ 17 Kantonales Waldgesetz vom 7. Juni 1998, LS 921.1). Diese verfügen über geeignete Kontrollinstrumente und überwachen die Nachhaltigkeit der Waldnutzung. Grundsätzlich darf nur so viel Holz genutzt werden, wie nachwächst. Abgewichen wird von diesen Grundsätzen, wenn der stehende Vorrat des zukünftigen Waldes tiefer eingeschätzt wird als der des bestehenden Waldes. Nadelholzreiche Wälder haben grössere Holz- vorräte als laubholzreiche – die Zürcher Wälder werden aufgrund der gewünschten Klimafitness und der natürlich vorhandenen Waldgesell- schaften laubholzreicher und damit vorratsärmer. Diese geplante Ver- kleinerung der Holzvorräte zeigt sich auch in den Indikatoren W3 und W4 der Leistungsgruppe Nr. 8800, Amt für Landschaft und Natur, welche die Nutzung im privaten und öffentlichen Wald im Vergleich zum Zu- wachs aufzeigen (Konsolidierter Entwicklungs- und Finanzplan 2025– 2028). Die gestiegene Nachfrage nach Energieholz führt jedoch bereits heute zu einem Verbrauch, der das regionale Potenzial und teilweise auch das Angebot übersteigt, wodurch Sortimentsverschiebungen stattfinden oder Importe nötig werden (siehe Beantwortung der Frage 4).
Zu Frage 4: Generell hat in den letzten 20 Jahren die Nutzung von Stammholz (für Sägereien) ab- und jene von Energieholz zugenommen, unter an- derem weil der erhöhte Bedarf an Energieholz zu besseren Preisen ge- führt hat als für schwaches oder qualitativ schlechtes Stammholz erzielt werden konnte. Ab 2020 nahm auch die Menge an Industrieholz (für Papier- und Plattenherstellung) markant ab, weil zum Energieholz keine Preisdifferenz mehr besteht.
Holznutzung nach Sortimenten 600 000
500 000
400 000 Total m3 300 000 Stammholz
200 000 Energieholz Industrieholz 100 000
2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024
Gemäss den Waldinventuren, die der gesamtkantonalen und regiona- len Kontrolle der Vorratshaltung und -nutzung dienen, hat der beschrie- bene Trend keine Auswirkungen auf die nachhaltige Bewirtschaftung. Hingegen zeigt die Forststatistik, dass wegen der Sortimentsverschiebung zwar der heutige Energieholzbedarf gedeckt wird, jedoch die aus Klima- und Kreislaufsicht erwünschte stoffliche Verwendung von schwächerem/ schlechterem Stammholz und Industrieholz zunehmend unter Druck gerät. Das Energieholzpotenzial im Kanton Zürich wird als Stichtagsbe- trachtung auf der Grundlage einer nachhaltigen Holznutzung berechnet (vgl. Bericht «Potenzial Energieholz Kanton & Stadt Zürich» 2023). Da- bei werden Stammholz und Industrieholz priorisiert und von der gesam- ten Holzmenge abgezogen. Das Energieholzpotenzial umfasst also jenes Holz, das nicht stofflich genutzt werden kann. Als theoretisch berech- nete Grösse ist das Potenzial von der marktbedingten Sortimentsver- schiebung nicht betroffen – faktisch wird aber eine über das Potenzial hinausgehende Menge energetisch verwertet.
Zu Frage 5: Der künftig geringere Holzzuwachs wird bei der Berechnung des Energieholzpotenzials nicht direkt berücksichtigt; sie beruht auf dem Nutzungspotenzial gemäss forstlicher Planung. Da es sich um eine Stich- tagsbetrachtung handelt, fliessen Änderungen im tatsächlichen Zuwachs (z. B. aufgrund des Klimawandels oder von Schädlingen) bisher nicht dynamisch in die Berechnung ein. Es ist also davon auszugehen, dass die aktuelle Potenzialberechnung von 2023 das künftige Potenzial tendenziell überschätzt, weil der Zu- wachs wegen des Klimawandels und der veränderten Baumartenzusam- mensetzung abnehmen wird. Auf den Energieertrag schlägt die Verklei- nerung des Volumens allerdings nur teilweise durch, weil Laubholz eine höhere Energiedichte hat.
II. Mitteilung an die Mitglieder des Kantonsrates und des Regierungs- rates sowie an die Baudirektion.
Vor dem Regierungsrat Die Staatsschreiberin: Kathrin Arioli