RRB Nr. 1107/2025
Anfrage Barbara Franzen, Niederweningen, und Mitunterzeichnende betreffend Sprachaustausch im Kanton Zürich, Beantwortung
Rubrum
Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich KR-Nr. 277/2025
Sitzung vom 5. November 2025
1107. Anfrage (Sprachaustausch im Kanton Zürich) Kantonsrätin Barbara Franzen, Niederweningen, und Mitunterzeichnende haben am 8. September 2025 folgende Anfrage eingereicht: Im Zürcher Parlament sind bereits mehrere Vorstösse zur Förderung von Sprachaufenthalten behandelt worden. Darunter zuletzt auch das Postulat betreffend «Vom Schlusslicht in die Spitzengruppe», welches im Dezember 2023 abgeschrieben worden ist. Während der obligatorischen Schulzeit sollen die Schülerinnen und Schüler mindestens eine Woche in einem anderssprachigen Landesteil, vorzugsweise in der Romandie, verbringen; so die Forderung des Postulates. Gemäss Ausführungen der Regierung wird nach einem Pilotprojekt die Fachstelle «Austausch und Mobilität» geschaffen, welche auf Volksschul-, Mittel- und Berufsschulebene Schulleitungen, Lehrpersonen, Erziehungsberechtigte und Lehrbetriebe mit niederschwelligen Angeboten bei der Organisation von Austauschprojekten unterstützen soll. Zudem haben die Kantone Waadt und Zürich vereinbart, als Leuchttürme bezüglich der Förderung von Austauschaktivitäten voranzugehen. Wir bitten den Regierungsrat, folgende Fragen zu beantworten:
Erwägungen
1. Wann hat die Fachstelle «Austausch und Mobilität» ihre Tätigkeit aufgenommen?
2. Welches sind die grundsätzlichen Erfahrungen der Fachstelle? Hat sie in den französisch- und italienischsprachigen Kantonen Pendants? Gibt es Leitfäden, an denen sie ihre Arbeit orientiert?
3. Wie erfolgte die Zusammenarbeit mit den betroffenen Schulen und wie wurde der Austausch gefördert?
4. Welches sind die Leuchtturmprojekte zwischen den Kantonen Waadt und Zürich und wie sind die gemachten Erfahrungen?
5. Möchte der Regierungsrat auch mit anderen Kantonen Leuchtturmprojekte ausarbeiten?
6. Wie haben sich die Zahlen von Schülerinnen und Schüler, die den Austausch wahrgenommen haben, in den letzten fünf Jahren entwickelt?
7. Hat der Regierungsrat Kenntnisse über die Wirksamkeit von Austauschmöglichkeiten (beispielsweise verbesserte Französischkenntnisse), namentlich in den Kantonsschulen?
8. Wie sieht der Kanton den weiteren Prozess?
Dispositiv
Auf Antrag der Bildungsdirektion beschliesst der Regierungsrat:
I. Die Anfrage Barbara Franzen, Niederweningen, und Mitunterzeichnende wird wie folgt beantwortet: Zu Frage 1: Zur Förderung von Austausch- und Mobilitätsaktivitäten im Kanton Zürich hat die Bildungsdirektion im Rahmen eines Pilotprojekts im August 2020 eine auf zwei Jahre befristete, ämterübergreifende (Volksschulamt sowie Mittelschul- und Berufsbildungsamt) Fachstelle Austausch und Mobilität geschaffen. Gestützt auf RRB Nr. 642/2022 konnte die Fachstelle ausgebaut und in den Regelbetrieb übergeführt werden. Im Vollausbau umfasst die Geschäftsstelle 300 Stellenprozente. Zusätzlich wird die Fachstelle von amtierenden Lehrpersonen (Fachspezialistinnen und Fachspezialisten) im Umfang von 100 Stellenprozenten unterstützt. Zu Frage 2: Die Erfahrungen der Fachstelle zeigen, wie wichtig eine kantonale Anlaufstelle ist, um Austausch und Mobilität nachhaltig zu verankern. Die Fachstelle ist in der Lage, Konzepte, Strategien und konkrete Programme zur Förderung des interkulturellen Sprachaustauschs zu entwickeln, sie in den Schulen umzusetzen und auszuwerten. Die Fachstelle leistet zentrale Vernetzungs- und Sensibilisierungsarbeit, damit das Thema Austausch und Mobilität über die verschiedenen Schulstufen hinweg sichtbar und Teil des schulischen Werdegangs aller Schülerinnen und Schüler, Lernenden und Lehrpersonen wird. Durch den Einbezug von Lehrpersonen stellt die Fachstelle den Kontakt zum Schulfeld sicher. In den Kantonen Genf, Wallis, Neuenburg und Tessin gibt es vergleichbare stufenübergreifende Fachstellen. Die meisten anderen Kantone haben pro Schulstufe kantonale Austauschverantwortliche ohne gemeinsame Schnittstelle. Die Zürcher Fachstelle hat als Impulsgeberin und Modell auch eine interkantonale Rolle inne. Mit dem Kanton Waadt hat der Kanton Zürich gezielt eine Partnerschaft angestrebt, um Mobilitäts- und Austauschaktivitäten zu fördern. Auf nationaler Ebene ist Movetia als Agentur der Schweiz für das nationale Netzwerk der kantonalen Austauschverantwortlichen zuständig. Drei bis vier Mal pro Jahr organisiert Movetia Treffen oder Tagungen zum Wissensaustausch zwischen den Kantonen. Zudem richtet Movetia zu relevanten Themen interkantonale Arbeitsgruppen ein. Die Fachstelle orientiert sich an der Schweizerischen Strategie Austausch und Mobilität, die 2017 von Bund und Kantonen verabschiedet
wurde. Sie verfolgt zudem die Empfehlungen der Konferenz der kanto- nalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren in Sachen Austausch und Mobilität. Die Fachstelle unterstützt ebenfalls die Umsetzung des Art. 22 der Maturitätsanerkennungsverordnung vom 28. Juni 2023 (SR 413.11) zur Förderung von Austausch und Mobilität. Auf kantonaler Ebene setzt sich die Fachstelle dafür ein, Austausch und Mobilität langfristig institutionell zu verankern. Während der Pilotphase hat die Fachstelle ein Konzept für ihren Ausbau mit Zielsetzungen und Massnahmen entwickelt. Im Online- Jubiläumsbericht (jubilaeumsbericht.fsam.zh.ch/), der im August 2025 anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Fachstelle veröffentlicht wurde, werden die Ergebnisse der Fachstelle präsentiert und die Zielsetzungen und Massnahmen für die Zukunft geschärft. Zu Frage 3: Die Fachstelle Austausch und Mobilität ist die zentrale Anlaufstelle für Schulleitungen, Lehrpersonen, Lernende, Erziehungsberechtigte sowie Lehrbetriebe. Sie unterstützt ihre Zielgruppen von der Planung bis zur Umsetzung von Austausch- und Mobilitätsaktivitäten und bietet einen schnellen Überblick über bestehende Programme und Finanzierungsmöglichkeiten. Die Fachstelle vermittelt Partnerschulen, fördert den Aufbau und die Pflege von Kontaktnetzwerken und unterstützt den Wissenstransfer über Onlineplattformen, Veranstaltungen und Weiterbildungen. Zudem stellt sie sicher, dass kantonale Daten zu Austausch- und Mobilitätsaktivitäten auf allen Schulstufen systematisch gesammelt und ausgewertet werden. Sie identifiziert Angebotslücken und entwickelt zielgerichtete, innovative und effiziente Dienstleistungen und Programme. Zu Frage 4: Die wesentlichsten Leuchtturmprojekte, welche die Fachstelle Austausch und Mobilität gemeinsam mit dem Kanton Waadt seit Unterzeichnung der Absichtserklärung zur Förderung von Austausch und Mobilität im September 2021 in die Wege leiten konnte, werden nachfolgend vorgestellt: – Klassenlager «Deux im Wald» (Sekundarstufe I, Untergymnasium) I m Rahmen der Zusammenarbeit der Kantone Zürich und Waadt wurde gemeinsam mit der Stiftung Bergwald das zweisprachige Wochenlager «Deux im Wald» konzipiert. Neben verschiedenen körperlichen Aktivitäten entdecken die Schülerinnen und Schüler die Vielfalt der Waldberufe und setzen sich mit Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel, Baumarten und Waldtiere auseinander. Seit dem
Startjahr 2021/2022 haben bereits zehn Klassenlager mit insgesamt 400 Schülerinnen und Schülern der Kantone Zürich und Waadt stattgefunden. Aufgrund des Erfolgs wurde das Programm auch für andere Kantone geöffnet.
– Tagung «Rencontres» (Primarschule, Sekundarstufe I, Untergymnasium) Die Weiterbildungs- und Vernetzungstagung «Rencontres» für Lehrpersonen aus dem Kanton Zürich und der Romandie wurde 2021 geschaffen, um Lehrkräften beider Sprachregionen die Möglichkeit zu geben, Partnerschulen für Sprachaustausche zu finden. Die Veranstaltungen finden alternierend in Zürich und Lausanne statt. Im Durchschnitt nehmen 100 Lehrpersonen an den Tagungen teil. Aufgrund des Interesses der nationalen Agentur Movetia und weiterer Kantone ist ab 2029 eine gesamtschweizerische Durchführung der Tagung im Zweijahresrhythmus geplant. Diese soll unter der Obhut der Pädagogischen Hochschulen in Zusammenarbeit mit den kantonalen Austauschverantwortlichen stattfinden. – «E-tandem» (Mittelschulen, Berufsfachschulen, Berufsmaturitätsschulen) Beim Programm «E-tandem» werden Zürcher Klassen mit Klassen aus der Romandie gepaart und Sprachtandems gebildet, die sich regelmässig online treffen, um gemeinsam Projektaufgaben anzugehen. Die Tandems sprechen zur Hälfte Deutsch und zur Hälfte Französisch. Oft finden zu Beginn, während oder am Ende des Programms persönliche Treffen statt. Das Programm wurde im Schuljahr 2021/ 2022 mit dem Kanton Neuenburg lanciert. Seit 2023/2024 wird «Etandem» in Zusammenarbeit mit den Kantonen Zürich und Waadt an den Mittelschulen des Kantons Zürich erfolgreich umgesetzt. Insgesamt nahmen bisher 132 Mittelschulklassen und 16 Berufsfachschulklassen teil. Im Herbst 2024 haben die Fachstellen Austausch und Mobilität der Kantone Zürich und Neuenburg die Plattform «edu2. e-tandem.ch/» eingeführt, um das Programm schweizweit zu öffnen und Zugang zu den erarbeiteten didaktischen Materialien und Vorlagen zu gewährleisten. – «Culture mobile» (Primarschule und Sekundarstufe I) «Culture mobile» wurde 2021 ins Leben gerufen, um den Französischunterricht an Zürcher Volksschulen zu fördern. Lehrpersonen aus der Romandie unterrichten dabei einen Tag lang an Zürcher Schulen Französisch. Oft entstehen durch die persönlichen Kontakte zwischen den Lehrkräften Klassenaustausche, die teilweise sogar zu Schulpartnerschaften führen. Seit Beginn des Programms fanden etwa 170 Besuche statt, bei denen etwa 10 200 Schülerinnen und Schüler einbezogen waren. Seit 2022/2023 besteht mit «Kultur mobil» das gleiche Angebot für Zürcher Volksschullehrpersonen, die
als Gastlehrpersonen an einer Schule in der Romandie Deutschunterricht erteilen möchten. Aufgrund des grossen Interesses wurde unter der Koordination des Kantons Zürich das Programm «culture mobile» schweizweit eröffnet. Zurzeit haben sich elf Kantone (AG, BL, FR, LU, NW, OW, TG, SH, VD, VS, ZG) dem Programm angeschlossen. Zu Frage 5: Die Fachstelle arbeitet eng mit allen Kantonen zusammen, um die Verankerung von Austausch und Mobilität in der Schweiz zu stärken, Synergien zu erkennen und gemeinsam mit Movetia nachhaltige Programme mit nationaler Reichweite zu entwickeln. Aufgrund des grossen Interesses anderer Kantone sowie von Movetia wurden bereits viele der Programme schweizweit geöffnet (vgl. Beantwortung der Frage 4). Zu Frage 6: Die Nationalagentur für Austausch und Mobilität Movetia hat von 2017 bis 2023 jährlich eine Statistik auf Grundlage der Angaben der Kantone erstellt (movetia.ch/de/ueber-uns/zahlen-und-statistiken). Die Zahlen für den Kanton Zürich sind jedoch nicht aussagekräftig, da ohne zuständige Fachstelle keine flächendeckende Erhebung möglich war. Im März 2025 hat die Fachstelle für Austausch und Mobilität eine eigene Online-Erhebungsplattform für die Sekundarstufe II eingeführt. Die Ergebnisse für das Schuljahr 2023/24 sind im Jubiläumsbericht der Fachstelle unter jubilaeumsbericht.fsam.zh.ch/mittelschule/facts-figures und jubilaeumsbericht.fsam.zh.ch/berufliche-grundbildung/facts-figures einsehbar. Eine ähnliche Plattform für Volksschulen soll 2026 eingeführt werden. Zu Frage 7: Auf nationaler Ebene gibt es mehrere Studien, die sich mit dem Kompetenzfortschritt beim Sprachenerwerb im Zusammenhang mit Austausch- und Mobilitätsaktivitäten befassen. Allerdings gibt es nur wenige, die spezifisch auf die Gymnasialstufe ausgerichtet sind. Grundsätzlich ist die Wirkung von Austausch und Mobilität unbestritten. So wird auch im Vorwort der Schweizerischen Strategie Austausch und Mobilität von Bund und Kantonen (2017) festgehalten, dass Austausch- und Mobilitätsaktivitäten einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt der kulturell und sprachlich vielfältigen Schweiz leisten und das Land in den europäischen und globalen Kontext einbinden. Wichtig ist hervorzuheben, dass Austausch- und Mobilitätsaktivitäten
nicht nur Sprachkompetenzen fördern, sondern auch den Erwerb interkultureller, gesellschaftlicher und persönlicher Kompetenzen einschliessen. Der Kompetenzfortschritt hängt zudem stark von der Dauer des Austauschs ab. Die Literatursynthese von Sybille Heinzmann, Catherine Ferris, Thomas Roderer und Kristina Ehrsam von der Pädagogi- schen Hochschule St. Gallen aus dem Jahr 2023 präsentiert einen umfassenden Überblick über die Forschung zur Wirksamkeit von Sprachaustauschprogrammen in der obligatorischen Schule und auf Sekundarstufe II. Die Überblicksstudie zeigt, dass die positiven Effekte auf die Sprechfertigkeiten relativ gut belegt sind. Längere oder kürzere Sprachaustauschformen bieten als Ergänzung zum regulären Fremdsprachenunterricht die Gelegenheit, in die Zielsprache und -kultur einzutauchen. Im Kanton Zürich wurden bei der Überführung der zweisprachigen Maturität Deutsch/Französisch in den Regelbetrieb an den Kantonsschulen Freudenberg und Zürich Nord 2014 eine externe Evaluation durchgeführt und ein Schlussbericht verfasst (Bildungsratsbeschluss Nr. 44/2014). Dabei wurde hervorgehoben, dass die meisten Schülerinnen und Schüler angaben, ihre Französischkenntnisse hätten sich verbessert und sie seien durch den Aufenthalt in der Romandie autonomer, reifer und unabhängiger geworden. Zu Frage 8: Der Regierungsrat verfolgt das Ziel, die Austausch- und Mobilitätsaktivitäten im Kanton Zürich langfristig zu festigen und weiter auszubauen. Dabei stehen Qualitätssicherung, Koordination und Wirkung im Zentrum. In den kommenden Jahren wird sich die Fachstelle insbesondere auf folgende Schwerpunkte und Herausforderungen konzentrieren: – Erhebung umfangreicher Daten aus Bildungsinstitutionen der Volksschule und Sekundarstufe II: Auf der Sekundarstufe II muss sich die Erhebungsplattform in den kommenden zwei bis drei Jahren als Arbeitsinstrument etablieren. Die Fachstelle wird eng mit den Schulen zusammenarbeiten, um Prozesse zu etablieren, die eine systematische Erfassung der Aktivitäten vereinfachen. Für die Volksschulen möchte die Fachstelle 2026 eine analoge Erhebungsplattform einführen. – Aufbau effektiver und regelmässiger Kommunikationswege: Die Fachstelle möchte langfristig einen direkten Kontakt zu den Kommunikationsverantwortlichen der Schulen aufbauen. Das Ziel besteht darin, jährlich Beiträge in deren Kommunikationskanälen (Newsletter,
soziale Medien, Gemeindezeitungen usw.) zu veröffentlichen, um über aktuelle Programme und Fördermittel von Movetia zu informieren. – Aufbau engerer strategischer Zusammenarbeit mit der Nationalagentur für Austausch und Mobilität Movetia: Die Fachstelle arbeitet auf verschiedenen Ebenen eng mit Movetia zusammen. Jährlich reicht sie Gesuche im nationalen und internationalen Bereich für ihre eigenen Programme sowie für Programme verschiedener Zürcher Bildungsstätten (Poolprogramm) ein. Langfristig ist die Fachstelle an einer gemeinsamen strategischen Ausrichtung interessiert, um eine noch engere und effizientere Zusammenarbeit mit Movetia zu etablieren. – Förderung und Verankerung von Austausch und Mobilität an Schulen: Zürcher Kinder und Jugendliche sollen während ihrer schulischen und beruflichen Ausbildung regelmässig die Gelegenheit bekommen, an kurzen und längeren Austausch- und Mobilitätsaktivitäten teilzunehmen, um ihre sprachlichen, persönlichen, sozialen und methodischen Kompetenzen zu entwickeln. Ziel ist es, Zürich als bevölkerungsreichsten Kanton der Schweiz mit seinen zahlreichen internationalen Beziehungen als Referenzkanton für Austausch und Mobilität innerhalb der Schweizer Bildungslandschaft zu etablieren. Die Fachstelle wird auch künftig daran arbeiten, Programme und Dienstleistungen zu entwickeln sowie innovative Kooperationen aufzubauen, um dies zu ermöglichen.
II. Mitteilung an die Mitglieder des Kantonsrates und des Regierungsrates sowie an die Bildungsdirektion.
Vor dem Regierungsrat Die Staatsschreiberin: Kathrin Arioli