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22.1058 · Anfrage · 2022-09-29

Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung

Erledigt

Wortlaut

Unternehmen, Hochschulen, Institute und andere wichtige Akteure des Arbeitsmarkts stellen fest: Der Mangel an ICT-Fachkräften in der Schweiz ist Realität und nimmt zu. Gemäss ICT-Journal werden in der Schweiz 2030 fast 40 000 Informatiker*innen fehlen. Aber nicht nur der Blick in die Zukunft erschreckt, der Fachkräftemangel in der Branche ICT existiert bereits heute: Viele Schweizer Unternehmen beklagen Rekrutierungsschwierigkeiten und an IT-Ausbildungsstätten gibt es nicht ausreichend Studierende, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Dass der Fachkräftemangel mehr als real ist, zeigt sich am aktuellsten Beispiel der Post, die ihren neuen IT-Entwicklungs-Standort in Portugal eröffnen wird. Die Post begründet den Schritt ins Ausland damit, dass sie die nötigen IT-Fachkräfte in der Schweiz schon heute nicht mehr ausreichend rekrutieren kann.

Umso erstaunlicher scheint die Stellungnahme des Bundesrats zur Ip. Gysin 22.3590 "Mangel an qualifizierten Arbeitskräften im IT-Sektor. Es braucht konkrete Massnahmen, um dem Talentmangel abzuhelfen", in der er "keinen zusätzlichen Handlungsbedarf" in Bezug auf den ICT-Fachkräftemangel sieht: Es bestünden bereits ausreichend Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten in der Schweiz.

Ausbildungsplätze zu schaffen ist wichtig, jedoch müssen dann auch genügend Personen vorhanden sein, die diese in Anspruch nehmen. Es müssen dringend Anreize geschaffen werden, um insbesondere die jüngere Generation (Generation Z, d.h. ab Jahrgang 2000) für ICT-Berufe zu begeistern, so dass sie sich für Ausbildungen in diesem Bereich entscheidet.

- Wie beurteilt der Bundesrat den Entscheid der Post, in Portugal einen IT-Entwicklungsstandort zu eröffnen?

- Ist sich der Bundesrat bewusst, dass Schweizer Unternehmen ihre IT-Standorte künftig vermehrt im Ausland aufbauen werden, wenn das Problem des Fachkräftemangels nicht deutlich und zeitnah entschärft wird?

- Teilt der Bundesrat die Meinung, dass der Wirtschaftsstandort Schweiz durch den Aufbau von Schweizer Entwicklungsstandorten im Ausland geschwächt wird?

- Bleibt der Bundesrat bei seiner Einschätzung, dass in der aktuellen Lage kein Handlungsbedarf besteht (vgl. Antwort Ip. Gysin 22.3590)?

Stellungnahme des Bundesrates

Der Bundesrat führt die Post mit der Vorgabe von strategischen Zielen. Auf das operative Geschäft nimmt er grundsätzlich keinen Einfluss. Die Post ist für ihre Geschäftstätigkeit auf umfassendes IT-Wissen angewiesen. Sie hat die Eignerdepartemente UVEK und EFD (EFV) über ihre Beweggründe zur Errichtung eines IT-Campus in Lissabon informiert. Dabei wurde auch dargelegt, dass es zu keiner Verlagerung von Mitarbeitenden oder Aufgaben nach Portugal kommen wird. Vielmehr will die Post nach eigenen Angaben in der Schweiz zusätzlich rund 200 neue IT-Arbeitsplätze schaffen. Die abschliessende Verantwortung für einen solchen Entscheid zu einem IT-Entwicklungs-Standort liegt beim Verwaltungsrat der Post.

Der Fachkräftemangel in Berufen mit stark wachsender Nachfrage, wozu die ICT-Berufe zweifellos gehören, ist ein internationales Phänomen. Der Bund sorgt mit guten Rahmenbedingungen dafür, dass sich Aus- und Weiterbildungsangebote auf Veränderungen in der Nachfrage nach unterschiedlichen Qualifikationen anpassen können. In Ergänzung dazu kann ein Teil der Nachfrage nach ICT-Spezialisten auch durch Rekrutierung von Fachkräften im Ausland gedeckt werden. Der Bundesrat erachtet die Attraktivität der Schweiz als Standort für ICT-Aktivitäten als hoch und will diese auch erhalten.

Dass Schweizer Unternehmen einen Teil ihrer Tätigkeiten ins Ausland verlagern und ausländische Direktinvestitionen tätigen, führt nicht zu einer Schwächung unseres Wirtschaftsstandorts. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Schweizer Unternehmen auch die Chancen einer internationalen Arbeitsteilung nutzen. Dadurch wird der Wirtschaftsstandort unmittelbar gestärkt, was letztlich auch der Beschäftigung im Inland zugutekommt. Umgekehrt profitiert die Schweiz von zahlreichen Direktinvestitionen ausländischer Firmen, dies auch im ICT-Bereich.

In seiner Antwort auf die Interpellation Gysin Greta (22.3590) brachte der Bundesrat zum Ausdruck, dass es aktuell tatsächlich an entsprechenden Lehrstellen "Informatiker/in EFZ" mangelt, nicht aber an interessierten Jugendlichen. Die Kantone setzen sich daher in Zusammenarbeit mit der Trägerschaft ICT-Berufsbildung für die Schaffung weiterer Lehrstellen ein. Auch wurden in den vergangenen Jahren neue Berufe in der beruflichen Grundbildung geschaffen wie beispielsweise "ICT-Fachfrau/Fachmann EFZ" und "Entwickler/in digitales Business EFZ". Die Gewinnung von Fachkräften liegt im ureigenen Interesse der Unternehmen und Organisationen der Arbeitswelt. Entsprechend sind primär die Unternehmen und Branchenorganisationen für das Berufsmarketing zuständig. Der Bund fördert gestützt auf das Berufsbildungsgesetz (Art. 54 und 55 BBG; SR 412.10) auf übergeordneter Ebene die Bekanntmachung der Berufsbildung, beispielsweise über die finanzielle Unterstützung von regionalen Berufsmessen oder von nationalen und internationalen Berufsmeisterschaften. In der höheren Berufsbildung werden die bestehenden Abschlüsse mit den eidgenössischen Prüfungen und den Höheren Fachschulen im Bereich der Informatik und Wirtschaftsinformatik laufend weiterentwickelt. Zudem wurden kürzlich die Berufsprüfungen "Cyber Security Specialist mit eidg. Fachausweis" und "Digital Collaboration Specialist mit eidg. Fachausweis" neu geschaffen, um den Bedarf an Spezialistinnen und Spezialisten in der Branche gerecht zu werden.

Auch im Hochschulbereich ist die Förderung des Nachwuchses im ICT-Bereich ein prioritärer Schwerpunkt von swissuniversities und der Schweizerischen Hochschulkonferenz (SHK). Die Anstrengungen der Hochschulen zeigen Wirkung: Die Zahl der Studierenden an universitären Hochschulen im Bereich Informatik ist zwischen 2012/13 und 2021/22 von 2368 auf 5862 Bachelor- und Masterstudierende (+148%) gestiegen. An den Fachhochschulen ist in der Informatik im gleichen Zeitraum ebenfalls eine Erhöhung von 4102 auf 7008 Bachelor- und Masterstudierende (+71%) zu verzeichnen.

Der Bundesrat anerkennt den Bedarf, er sieht jedoch in seinem Zuständigkeitsbereich keinen Anlass, über die zahlreichen bestehenden Initiativen hinaus aktiv zu werden. Wichtig bleibt für den Bundesrat, dass die Rahmendbedingungen für alle öffentlichen und privaten Initiativen gut sind.

Antwort des Bundesrates.