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Das Vereinigte Königreich hat eine Strategie für die Ersetzung von Tierversuchen. Wo steht die Schweiz?

26.3422 · Interpellation · 2026-03-20

Departement des Innern

Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor

Wortlaut

Ich bitte den Bundesrat um Beantwortung der folgenden Fragen:

1. Welche der Massnahmen aus der Strategie «Replacing Animals in Science» der britischen Regierung ergreift die Schweiz heute bereits?

2. Welche der Massnahmen sind in der Schweiz nicht anwendbar und warum nicht?

3. Welche der Massnahmen aus jener Strategie werden in der Schweiz noch nicht ergriffen, kommen aber in Frage?

4. In welcher Form wäre es möglich, dass der Bund eine Strategie über die zukünftige Entwicklung von Alternativmethoden und Tierversuchen in der Schweiz erarbeitet? Welche gesetzliche Grundlage ist bzw. wäre hierfür erforderlich?

Begründung

Im November 2025 veröffentliche die britische Regierung die Strategie «Replacing Animals in Science: A strategy to support the development, validation and uptake of alternative methods» (1). Die Strategie enthält Massnahmen, um Forschung an und mit Alternativmethoden stärker zu fördern, neue Forschungsinstitutionen und -schwerpunkte zu finanzieren und bestimmte veraltete Tierversuche ganz abzuschaffen. Diese Massnahmen sind an konkrete Ziele geknüpft wie zum Beispiel, dass bis 2030 mindestens 35% weniger Hunde und Primaten in Studien über die Verarbeitung von Wirkstoffen im Körper eingesetzt werden sollen. Dahinter steht das Ziel, die Zahl der belastenden Tierversuche nachhaltig zu reduzieren und dabei den Forschungs- und Industriestandort zu fördern. Die Schweiz teilt zwar dieses Ziel, hat dafür aber bisher keine vergleichbare Strategie.

(1) https://www.gov.uk/government/publications/replacing-animals-in-science-strategy/replacing-animals-in-science-a-strategy-to-support-the-development-validation-and-uptake-of-alternative-methods

Stellungnahme des Bundesrates

1. und 2. Das Vereinigte Königreich hat Ende 2025 eine Strategie publiziert, wie eine Zukunft ohne Einsatz von Tieren in der Forschung anzustreben ist (unter www.gov.uk «Policy paper Replacing animals in science strategy» ins Suchfeld eingeben). Wie in der EU gilt dabei der Vorbehalt, dass Alternativen zu Tierversuchen tatsächlich bestehen. Die Strategie, alle Tierversuche bis zu einem bestimmten künftigen Datum zu ersetzen, wird heute auch im Vereinigten Königreich als nicht geeignet erachtet. Hingegen werden kurzfristige und möglichst realistische Ziele aufgeführt, die grösstenteils in fünf Jahren erreichbar sein sollten. Dies erfordert erhebliche finanzielle Ressourcen.

Die Schweiz verfolgt keine solche explizite Strategie, verfügt aber mit dem Schweizerischen 3R-Kompetenzzentrum (3RCC) über eine Einrichtung, die vergleichbar ist mit dem britischen National Centre for the 3Rs (NC3Rs). Das 3RCC fördert Forschungsprojekte zu tierversuchsfreien Methoden, bietet Weiterbildung an zu den 3R, d.h. dem Ersatz (replace), der Verfeinerung (refine) und der Reduktion (reduce) von Tierversuchen und informiert über die Thematik. Zudem wurde im Februar 2021 das Nationale Forschungsprogramm NFP 79 «Advancing 3R – Tiere, Forschung und Gesellschaft» lanciert (https://www.admin.ch/de/nsb?id=82212). Die Schweiz investiert dabei über fünf Jahre 20 Millionen Franken in die Erforschung von Innovation, Implementierung sowie von ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Fragen rund um Tierversuche. Sie ist damit in ähnlichen Handlungsfeldern aktiv wie das Vereinigte Königreich. Der Ersatz von Tierversuchen im regulatorischen Kontext hat – wie im Vereinigten Königreich – auch in der Schweiz hohe Priorität. So können bspw. für die Zulassung von Humanarzneimitteln auch Alternativmethoden akzeptiert werden, sofern sie qualifiziert oder validiert und wissenschaftlich geeignet sind (Art. 4 Arzneimittel-Zulassungsverordnung [AMZV; SR 812.212.22]). Die britische Strategie erfordert weitergehende Massnahmen als die in der Schweiz vorgesehenen, wie zum Beispiel die Einrichtung eines Zentrums für präklinische translationale Forschung. Ebenso geht die britische Strategie weiter bei der Validierung, Entwicklung und Förderung von Alternativmethoden und beim Zugang und der Bearbeitung von Forschungsdaten. Einige im Vereinigten Königreich priorisierte Massnahmen sind in der Schweiz auf regulatorischer Ebene bereits realisiert, wie bspw. die Einführung der teilweise unter Mitarbeit der Schweiz entwickelten tierversuchsfreien und validierten Tests für die Augenreizung und die Hautsensibilisierung. 3. Die priorisierten Massnahmen (vgl. oben) im Vereinigten Königreich sind auch für die Schweiz wesentlich. Verschiedene Massnahmen werden gegenwärtig im Rahmen der parlamentarischen Initiative Christ (21.426) «Mehr Ressourcen und Anreize für die 3R-Forschung, um Alternativen zu den Tierversuchen rascher voranzutreiben» diskutiert. Ihr Ziel ist die Förderung der 3R-Forschung. Ebenfalls sollen Lehre und Ausbildung, 3R-Strukturen (z.B. Fachgremien, welche innovative 3R-Lösungen erarbeiten) und 3R-Infrastruktur (z.B. Kompetenzzentren, die Forschende zu Alternativmethoden ausbilden) sowie die Validierung von alternativen Methoden gefördert werden. Schliesslich sollen die nationale und internationale Zusammenarbeit sowie die Qualität der Bewilligungsverfahren für Tierversuche verbessert werden. 4. Gegenwärtig werden im Rahmen des NFP 79 Grundlagen erforscht, die für eine Ausstiegs- oder Übergangsstrategie zu einer tierversuchsfreien Zukunft nötig sind. Die Synthese der Ergebnisse wird ab dem 2. Quartal 2029 erwartet und kann die Meinungsbildung und die Erarbeitung einer Strategie unterstützen. Eine transitorische Strategie der Entwicklung von Alternativmethoden (phase in) und Tierversuchen (phase out) ist ein politischer Entscheid, der eine entsprechende Interessenabwägung erfordert. Für die Umsetzung einer ähnlichen Strategie wie im Vereinigten Königreich müssten eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden und Ressourcen zur Verfügung stehen.

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