Lexipedia

Noser Ruedi · Nationalrat · 2010-09-27

Noser Ruedi · Nationalrat · Zürich · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2010-09-27

Wortprotokoll

Anscheinend singen wir in diesem Ratssaal heute das Hohelied der Musik. Ich möchte es nicht verhehlen: Auch ich höre gerne Musik - das wäre es dann aber auch schon bezüglich Interessenbindung.

Es wird hier sehr viel darüber gesprochen, wie gut die Musik für alles sei, und es wird eigentlich der Schluss gezogen, ohne Musik habe ein Kind im Leben keine Chance. Ich möchte das so deutlich sagen, weil man das den Aussagen der Vorredner durchaus hätte entnehmen können. Ich glaube, es wäre wichtig, dass wir hier einmal objektiv feststellen, dass der Tatsache, ob jemand kreativ und intelligent ist und sich in der Schule gut entwickelt, ganz viele Einflussfaktoren zugrunde liegen. Es kann sein, dass die Musik einer dieser Einflussfaktoren ist. Wenn Sie aber z. B. mit den Bildungsdirektoren der Kantone sprechen und entsprechende Studien suchen, sagen Ihnen die Bildungsdirektoren, es gebe keine schlüssigen Studien, die sagen würden, Musik sei "dasjenige, welches", oder sie sei es nicht. Ich möchte damit einfach einmal festhalten, dass gewisse Dinge, die vorhin gesagt wurden, durchaus auch pseudowissenschaftlich sein könnten.

Wenn Sie die Sache einmal von Grund auf anschauen, ist klar, dass es zwei, drei Dinge gibt, deren wir uns bewusst sein müssen:

1. Von den Initianten wird beklagt, dass Musik die Familie etwas kostet. Das Problem ist aber nicht primär, dass Musik etwas kostet. Das primäre Problem ist: Musikbildung muss zu Hause, im Elternhaus unterstützt werden, denn es geht [PAGE 1505] einfach nicht, ohne dass die Kinder üben. Das hat nichts mit Geld zu tun. Wenn Sie den Unterricht gratis machen und die Kinder nicht gezwungen oder motiviert werden oder wie man das auch immer macht - als Vater von vier Kindern kann ich Ihnen sagen, dass es nicht immer nur Motivation ist, dass man ab und zu auch deutlich sagen muss: "Jetzt machst du zuerst das, bevor du spielen gehst" -, wenn das also nicht gegeben ist, können Sie den Unterricht zwar gratis anbieten, aber Sie werden trotzdem keinen Erfolg haben. Genau die gleiche Diskussion haben wir mit den Hausaufgaben. Kinder von Eltern, die zu Hause nach den Hausaufgaben schauen, sind bevorteilt. Kinder von Eltern, die nicht nach den Hausaufgaben schauen, sind nicht bevorteilt. Es gibt ja sehr grosse Diskussionen um dieses Thema, und es gibt Leute, die aus diesem Grund Hausaufgaben verbieten wollen. Wenn Sie aber beim Musikunterricht das Zu-Hause-Üben verbieten wollen, werden Sie keinen Erfolg haben. Es braucht Unterstützung im Elternhaus. Das ist auch ein Grund, warum dieser Unterricht im Moment nicht unentgeltlich ist: Man will sich die Unterstützung sichern. In fortschrittlichen Gemeinden oder Kantonen gibt es im Übrigen einen Sozialtarif.

2. Die Kantone geben heute für die musikalische Bildung als Schulfach im Vergleich zu allen anderen Schulfächern am meisten Geld aus - zum Teil viel mehr als für andere Schulfächer. Das muss man hier einfach einmal deutlich sagen. Der Musikunterricht ist das teuerste Schulfach in den Kantonen. Wie man da von zusätzlicher Förderung sprechen oder wie man dann aus dem Verfassungsartikel herleiten will, dass er dazu führen soll, dass zusätzliche Mittel gesprochen werden können, das würde mich dann schon sehr interessieren. Wenn man vom Bund her wirklich etwas machen will, dann werden Sie, das kann ich Ihnen sagen, relativ schnell nicht nur mit dem Sportbudget kommen dürfen, sondern mit ganz anderen Zahlen kommen müssen. Zur Erinnerung: "Jugend und Sport" hat ein Budget von rund 70 Millionen Franken, die gesamte Sportförderung hat ein Budget von rund 150 Millionen Franken. Wenn Sie die Ziele wirklich erreichen wollen und die Kantone motivieren wollen, noch mehr Geld auszugeben, und der Bund sich da beteiligen soll, kann ich Ihnen jetzt schon sagen: Vermutlich wird das Sportbudget nicht genügen - darüber sprechen wir!

3. Ich habe vorhin gesagt, es werde hier im Ratssaal das Hohelied der Musik gesungen. Doch worum geht es eigentlich? Im Votum meiner Vorrednerin wurde es etwas angesprochen. Gemeint ist handfeste Standespolitik. Die Zielsetzung ist, dass die Musiklehrer die gleichen Anstellungsbedingungen bekommen wie die Turnlehrer - das ist die Zielsetzung der Initiative. Wozu führt das? Das führt dazu, und es ist heute zum Teil schon so, dass die Autodidakten - das ist vorher von Herrn Föhn angesprochen worden - aus der musikalischen Bildung hinausgetrieben werden. Man wird dann formale Abschlüsse vorweisen müssen, damit man Musikunterricht geben kann. Es wird nicht mehr darum gehen, ob die Person, die den Unterricht gibt, sehr motiviert und sehr talentiert ist, sondern es wird dann nur darauf ankommen, dass man die richtige Ausbildung hat, da man nur mit der richtigen Ausbildung als Musiklehrer zugelassen wird. Ich habe nichts dagegen, dass man die richtige Ausbildung fordert. Unsere Schulen bieten eine sehr hochstehende Lehrerausbildung an - ich bin sehr froh darüber. Unsere Schulen bilden aber auch in ganz anderen sehr wichtigen Kompetenzen aus. Aber ist es wirklich sinnvoll, dass in jedem Gebiet schlussendlich nur die Personen mit der besten Ausbildung auf die Kinder zugehen dürfen? Es wäre doch sehr gut, wenn auch wieder einmal ein Autodidakt in diesem Schulsystem auftauchen würde und seinen Beitrag leisten würde. Wenn Sie dann schauen gehen, wo die Kinder motiviert musizieren, dann werden Sie feststellen, dass das relativ wenig mit dem Studienabschluss des Musiklehrers zu tun hat.

Es wird reklamiert, dass an den Musikhochschulen zu wenig Plätze vorhanden seien und dass diesbezüglich zu wenig laufe. Für die Musikhochschulen ist heute schon der Bund zuständig; das sind meistens Fachhochschulen. Wenn wir etwas ändern wollen: Die Grundlagen dafür haben wir. Man kann hier beim Fachhochschulgesetz jederzeit aktiv werden. Dafür brauchen wir keinen Verfassungsartikel. Was es hingegen natürlich braucht, sind Arbeitsplätze in den Gebieten, in welchen wir die Leute ausbilden, damit diese nachher auf ihrem Gebiet auch arbeiten können.

Musik ist ein wichtiges Schulfach. Wenn Sie die politische Debatte verfolgen, sehen Sie, was aktuell alles auch noch wichtig ist: Kochen ist wichtig, Nähen ist wichtig, Handarbeit ist wichtig, Umgang mit Geld ist wichtig, neue Medien sind wichtig, Computerwissenschaft ist wichtig, unternehmerisches Denken ist wichtig, und nicht zuletzt sind Anstand, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Hygiene und Gesundheit wichtig. Tatsache ist doch schlicht und einfach, dass man eine Triage machen muss, wenn jeder aus seiner Ecke heraus der Schule sagt, was er im Lehrplan haben will. Es ist nicht möglich, alles drin zu haben. Es ist doch so, dass wir die 800 bis 1200 Stunden, die ein Schüler pro Jahr in der Schule verbringt, auf Deutsch, Mathematik, Geschichte, Wissenschaft, Naturwissenschaft und natürlich auch auf gestalterische Fächer wie Zeichnen und Malen usw. aufteilen müssen. Da stellt sich die Frage: Wie teilen wir das auf? Möchten Sie denn mehr Musik- und weniger Malunterricht? Schlussendlich werden Sie beim Lehrplan nämlich solche Fragen stellen müssen; darum geht es.

Wenn jeder, dessen Fach im Lehrplan seines Kantons vielleicht weniger stark berücksichtigt wird, als er gern möchte, eine Verfassungsinitiative macht, dann müssen wir nicht lange warten, bis wir weitere solche Initiativen haben. Es kann objektiv doch nicht richtig sein, dass in unserer Bundesverfassung zwei Schulfächer geregelt sind, nämlich Sport und Musik, und alle anderen Fächer nicht. Man muss nicht sehr intelligent sein, um festzustellen, dass es wohl nicht sehr lange geht, bis wir weitere Initiativen auf dem Tisch haben.

In meiner politischen Karriere habe ich Folgendes gelernt: Wenn sich die Parlamentarier direkt in die Lehrplangestaltung einmischen, kommt selten etwas Gutes heraus. Ich bin aber überzeugt, dass das Volk diese Initiative sehr genau anschauen wird. Wir hatten schon öfter Initiativen, die, wie zum Beispiel die Tierschutzanwalt-Initiative, im Vorfeld eine sehr breite Unterstützung fanden, vom Volk dann aber abgelehnt wurden. Das Volk schätzt so etwas wie Kantonsautonomie oder eben auch Bildungsautonomie - Bildungsfragen werden zum Teil sogar in den Gemeinden geregelt - nämlich durchaus.

In diesem Sinne bitte ich Sie, die Initiative zur Ablehnung zu empfehlen. Ein Teil unserer Fraktion wird den Gegenvorschlag unterstützen. Der Gegenvorschlag achtet wenigstens die Kantonsautonomie, wie der Vertreter des Gegenvorschlages gesagt hat.