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Fässler-Osterwalder Hildegard · Nationalrat · 2010-09-30

Fässler-Osterwalder Hildegard · Nationalrat · St. Gallen · Sozialdemokratische Fraktion · 2010-09-30

Wortprotokoll

Mit Herrn Lustenberger teile ich zwei Dinge: Wir haben beide noch nie einen Wolf gesehen, und wir wohnen beide auf dem Land. So viel zum Gemeinsamen - der Rest ist eher entgegengesetzt.

Wildlebende Tiere gehören niemandem. Diesen Grundsatz gilt es zu respektieren. Das bedeutet, dass es kein Grundrecht auf Jagd geben kann und auch keinen Rechtsanspruch auf staatliche Einnahmen durch die Jagd. Beides sind Resultate einer staatlichen Regulierung und ermöglichen ein dem Menschen - und eben nicht immer dem Tier - entsprechendes Zusammenleben von Mensch und Tier! Die Motionen Schmidt Roberto 09.3812 und Lustenberger 09.3951 verlangen eine Verschärfung der Jagdverordnung unter anderem, wenn Jagdausfälle zu befürchten sind; in der Motion Lustenberger heisst es: "bedeutende Einbussen am jagdwirtschaftlichen Ertrag". In der Motion Schmidt Roberto heisst es: wenn sie "eine angemessene jagdliche Nutzung der Wildbestände verunmöglichen". Das soll jetzt über die Jagdverordnung angepasst werden.

Wir haben es hier mit einem sehr emotionalen Thema zu tun. Trotzdem sollten wir es nüchtern betrachten; wir sollten insbesondere bei neuen Regulierungen die Proportionen nicht aus den Augen verlieren. Augenmass ist ja auch eine wichtige Eigenschaft eines Jägers oder eine Jägerin.

Fakten: Grossraubtiere, insbesondere Wölfe, ernähren sich von Wild; sie werden einfach nicht zu Vegetariern. Durch die Einwanderung von Wolf und Luchs wird das Wild scheuer und vitaler, da Grossraubtiere vorwiegend schwächere Tiere erlegen. Wölfe räumen auch Aas weg. Sie regulieren insbesondere auch den Fuchsbestand. Weil das Wild eben scheuer wird, aber auch zäher, ist es natürlich etwas schwieriger, es zu jagen. Ich denke aber, dass das den Jägern kein Problem machen sollte. Andererseits gilt, dass die Wölfe ihren eigenen Bestand über die Anzahl ihrer Nachkommen selbst regulieren; sie vermehren sich nicht beliebig, sondern ihrem Habitat angemessen. Deshalb, Herr Hassler, ist nicht zu befürchten, dass Wölfe rudelweise in die Schweiz einwandern werden. Das Gebiet hier ist für sie viel zu klein. Es macht für ein Tier keinen Sinn, die Beute wegzufressen und dann wegzusterben, weil es zu viele seinesgleichen gibt. Die Wölfe regulieren sich selber. Die Zahlen aus der Jagdstatistik 2009 sind zudem auch sehr interessant: Von den über 15 000 Rehen, die auf unnatürliche Weise ums Leben gekommen sind, sind 621 von Hunden gerissen worden; im Vergleich dazu sind 255, also weit weniger als halb so viele, von Wölfen getötet worden. An Schussverletzungen sind übrigens auch fast 200 Rehe gestorben - Rehe, die man zwar geschossen, aber nicht gefunden hat.

Ein Wort zu den Bildern, die Herr Schmidt, glaube ich, angesprochen hat: Diese Bilder von gerissenen Schafen sind wirklich unschön. Aber genauso unschön sind Bilder von von Hunden gerissenen Rehen, von überfahrenen Hirschen und [PAGE 1620] Ähnlichem. Hirsche kamen im Jahre 2009 übrigens 1823 auf unnatürlichem Weg ums Leben. Davon fielen 6, nämlich 0,3 Prozent, einem Wolf zum Opfer, aber 32, also mehr als das Fünffache, starben an Schussverletzungen. Kurz: Grossraubtiere sind keine ernsthafte Konkurrenz für Jäger, und deshalb braucht es diese beiden Motionen nicht.

Noch ein Wort zu den Nutztierschäden: Die Motionen verlangen im Bereich Herdenschutz für Nutztiere nichts Zusätzliches und sind daher für diesen Bereich unnötig. Hütehunde und Hirten sind der beste Schutz. Auch hierzu noch zwei Zahlen: Von den über 10 000 in einem Jahr verendeten Schafen wurden gerade mal 300 von einem Wolf gerissen. Herdenschutz hat zudem einen anderen Vorteil. Es ist zwar vorher bestritten worden, aber es ist eine Tatsache: Bei Überweidung durch zu viele Schafe kommen empfindliche Flächen unter Erosionsgefahr, und es wird insbesondere die Artenvielfalt gefährdet. Ist die Anzahl Schafe pro Fläche richtig, ist das kein Problem. Aber wir haben wirklich Gegenden, wo wir zu viele Schafe haben, und dort gibt es Schäden an Pflanzen und am Boden.

Zum Schluss: Ich stimme mit dem WWF und Pro Natura überein, die sagen: Luchse, Wölfe und Bären sollen nicht wegen Einbussen bei Einnahmen aus Jagdregalen und wegen ihres natürlichen Fressverhaltens abgeschossen werden; aber Grossraubtiere sollen, wenn sie sich auf Nutztiere spezialisiert haben und wenn Präventionsmassnahmen versagt haben, im Rahmen einer langfristigen Strategie im Einzelfall abgeschossen werden können.