Lang Josef · Nationalrat · 2011-03-17
Lang Josef · Nationalrat · Zug · Grüne Fraktion · 2011-03-17
Wortprotokoll
Die meisten Einwände, die diesen Morgen gegen die Ferien-Initiative vorgebracht wurden, sind so alt wie der Kampf um sozialen Fortschritt in der modernen Industriewelt. Argumente wie jenes, dass Kleinbetriebe das nicht überleben würden, oder jenes, dass das Anliegen privatrechtlich geregelt werden solle, wurden schon gegen das Verbot der Kinderarbeit vorgebracht. Der soziale Fortschritt hat - das zeigt ein Rückblick auf die Schweizer Geschichte - nicht nur den Arbeiterinnen und Arbeitern zum Segen gereicht, er war auch für die Wirtschaft letztlich ein Segen und nicht ein Fluch. Er hat die Schweizer Wirtschaft gezwungen, das zu tun, was ihre Stärke ausmacht, nämlich die Produktivität zu erhöhen und auf Qualität, statt auf Quantität zu setzen.
Zugunsten der Volksinitiative "6 Wochen Ferien für alle" möchte ich grosse Veränderungen in zwei Bereichen unserer Gesellschaft zur Sprache bringen: erstens die Veränderungen in der Arbeitswelt, zweitens die Veränderungen in der Familienwelt.
Der wirtschaftliche Wandel hat zur Folge, dass von den Arbeiterinnen und Arbeitern immer mehr höchste zeitliche, organisatorische und inhaltliche Flexibilität und maximaler Leistungseinsatz verlangt wird. Die Intensität der Arbeitsprozesse nimmt zu, und der Arbeitsrhythmus wird stetig höher. Es gibt eine höhere Arbeitsbelastung, stärkeren Zeitdruck und längere Konzentrationsphasen. Gegen diesen gewachsenen Belastungsdruck gibt es letztlich nur eine verbindliche Massnahme: die Reduktion der Arbeitszeit. Eine Möglichkeit dazu ist die Verlängerung der Ferienzeit.
Nach mehr Ferienzeit rufen auch die geänderten Familienverhältnisse. Hier möchte ich mich auf ein Argument beschränken, das in der Diskussion viel zu kurz kommt. Die Zunahme von Patchworkfamilien erheischt mehr Freizeit, insbesondere auch mehr Ferien für ein lebendiges Familienleben. Sowohl die Mütter als auch die Väter benötigen mehr zeitlichen Freiraum für ihre Patchworkfamilien. Was speziell die Väter betrifft: Es reicht nicht, wenn die Männer mehr Interesse oder - ich denke jetzt an die Demonstration vom Montag auf dem Bundesplatz - mehr Rechte haben, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, sie müssen auch mehr Zeit dazu haben. Wer die Verhältnisse kennt, weiss: Der Schwachpunkt liegt in der Regel nicht beim Interesse und auch nicht beim Recht, sondern bei der Zeit.
Ich bitte Sie also, diese Initiative zu unterstützen, weil sie eine zeitgerechte Initiative ist.