Bänziger Marlies · Nationalrat · 2011-03-17
Bänziger Marlies · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2011-03-17
Wortprotokoll
Sie haben jetzt seit 8 Uhr heute Morgen sämtliche Details für und wider diese Initiative gehört. Wir werden uns noch in den nächsten zwei Stunden mit den Details dieser Initiative beschäftigen.
Ich gebe Ihnen einen etwas anderen Hinweis; ich frage Sie nämlich im Ernst: Wie viele Wochen Ferien machen Sie? Machen Sie zwei Wochen Ferien, vielleicht drei Wochen? Aber dann nehmen Sie vermutlich den Laptop mit, damit nicht so viel Arbeit liegenbleibt und Sie die 300 Mails nach einer Woche nicht an einem Sonntag zu Hause abarbeiten müssen. Oder leisten Sie sich vielleicht, wie ich, eine Sommerpause, in der Sie etwas reduziert arbeiten, um alles aufzuarbeiten und das abzuarbeiten, was während des ganzen Jahres liegengeblieben ist? Oder machen Sie einfach zwischendurch ein verlängertes Wochenende, von Samstagmorgen bis am frühen Sonntagabend, damit Sie etwas ausspannen können? Das heisst dann, dass Sie Ihre Ferien ausgesprochen flexibel beziehen können. Das finde ich angenehm, eigentlich sogar sympathisch. Denn gerade wir hier drinnen sollten darauf achten, dass wir die Life-Work-Balance halten. Wir sollten doch mit unserer Lebensart, die in aller Regel unserer politischen Haltung entspringen und zu ihr passen sollte, Vorbild für unsere politischen Sympathisanten sein - für sie, die uns allenfalls bewundern oder mindestens wählen sollten, jedenfalls im nächsten Herbst.
Ganz im Ernst: Wenn ich in meinem Umfeld nach den Ferien frage, stelle ich fest, dass es häufig zwei, drei Wochen sind. Wenn ich nach der täglichen Arbeitszeit frage, dann sind zehn Stunden noch rein gar nichts. Die Mails, die wir ab und zu erhalten, durchaus auch von den Parlamentsdiensten, allenfalls auch aus anderen Arbeitsbereichen, sind um 22 Uhr abgesendet worden; ich habe auch schon Mails um 00.14 Uhr erhalten. Ich nehme mich da nicht aus, ich stelle einfach fest, was ich zu hören bekomme. In aller Regel kommt das Bedauern hinzu, dass man es eigentlich gerne anders hätte, dass man gerne etwas mehr Musse und etwas weniger Stress hätte, dass man wenigstens das, was man eben macht, gerne in Ruhe machen würde.
Ich habe Bekannte, die irgendwann ins Nichts verschwinden und die ich auf einmal nicht mehr treffe. Wenn sie dann nach ein paar Monaten allenfalls wieder auftauchen, sind sie bestenfalls längerfristig noch zu 50 Prozent arbeitsfähig, denn sie tauchen nach einem Burnout auf. Burnout - Sie kennen das Wort - ist gerade in unseren Kreisen verbreitet; es taucht immer mal wieder auf. Das Burnout zählt zu den sogenannten neuen Zivilisationskrankheiten.
Solche Situationen gehören zum Alltag. Genauso gehört zum Alltag, dass wir kurzfristige Erschöpfungskopfschmerzen und andere Gründe für Ausfalltage haben oder eben eine Grippe, die einen geschwächten Körper schneller angreift als einen gesunden, in sich ruhenden Körper. Wir alle kennen solche Alltagssituationen. Wir sind manchmal schon fast ein bisschen stolz darauf, denn wir, die wir im Bundeshaus oder allenfalls in wichtigen Funktionen in der Privatwirtschaft oder in den Verbänden tätig sind, gehen ja davon aus, dass sich die Welt ohne uns nicht weiterdrehen kann. Wir gehen davon aus, dass das quasi der Obolus an unseren Erfolg ist, obwohl wir eigentlich nicht damit leben wollen oder nicht gut damit leben können. Wir wissen aber gleichermassen, dass dieses Leben, das viele von uns führen, nicht nur persönliche, sondern auch volkswirtschaftliche Risiken beinhaltet.
Wenn ich die Arbeitgeber, die hier vorne auch gesprochen haben, frage, wie das genau ist, so sagen sie mir, dass sie immer wieder damit rechnen müssen, dass bei ihrem Personal kurzfristig krankheitsbedingte Ausfälle stattfinden, und zwar desto mehr, je höher der Druck auf das Personal ist. Das führt zu einem grossen organisatorischen Aufwand. Sie haben einen Aufwand, und sie haben das notwendige Personal nicht, das kurzfristig einspringen könnte. Daraus resultieren Kosten, die sie in ihre Rechnung einbeziehen müssen.
Der Druck auf die Arbeitswelt nimmt zu. Wir merken das an uns selber. Es ist nicht immer nur das Alter, es ist eben auch der Druck. Wir wissen, dass es immer mehr IV-Bezüger gibt, wir haben in der IV-Revision darauf hingewiesen: Diese Leute finden keine Arbeitsplätze mehr, und trotzdem produzieren wir mit dem Druck auf die Arbeitswelt zusätzlich selber IV-Bezüger.
6 Wochen Ferien sind ein Ausweg, 6 Wochen Ferien sind preiswerter als die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgekosten. 6 Wochen Ferien sind nur schon darum bezahlbar, weil wir jetzt wissen, was die Unternehmenssteuerreform II, deren Kosten vor Kurzem an die Öffentlichkeit gelangt sind, an Umverteilungswirkungen zur Folge hat. Nur schon mit diesen Ausgaben wären die 6 Wochen Ferien für alle bezahlbar.
Ich bitte Sie gerade deswegen und auch uns selber zuliebe um Unterstützung dieser Initiative.