Diener Lenz Verena · Ständerat · 2011-06-16
Diener Lenz Verena · Ständerat · Zürich · Fraktion CVP/EVP/glp · 2011-06-16
Wortprotokoll
Die Problematik dieser Motion gehört ins gleiche Kapitel wie jene des vorhergehenden Geschäftes. Wenn man einzig den Motionstext betrachtet, dann kann man sich sagen, dass man damit - je nach Interpretation - noch leben könnte. Wenn man dann aber die Begründung liest und wenn man den Titel genau liest, dann erklärt sich, weshalb der Entscheid in der Kommission sehr knapp ausgefallen ist; Kollege Büttiker hat es gesagt, das Verhältnis betrug 5 zu 4 Stimmen bei 1 Enthaltung. Auch diejenigen, die bei der Mehrheit waren, waren über die [PAGE 689] Formulierungen im Titel und in der Begründung nicht erbaut. Der Titel lautet "Waldbewirtschaftung für das Klima statt masslose Reservatsziele". Da sieht man auch, denke ich, was der Ursprung dieser Motion war: Es geht um die Nutzung. Ich glaube, dass Frau Flückiger auch explizit die Nutzer vertritt.
Was waren die Überlegungen der Minderheit, die beantragt, diese Motion abzulehnen? Wie ich schon gesagt habe, löst der Titel ein ungutes Gefühl aus und weckt Assoziationen, die wir dann auch vertieft diskutiert haben. Ich habe auch noch die ETH und die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) kontaktiert und wollte es genau wissen. Ich wollte wissen, wie es heute denn wirklich aussieht, da der Titel "Waldbewirtschaftung für das Klima statt masslose Reservatsziele" impliziert, dass der Bundesrat oder wir oder die Waldpolitik masslose Anforderungen an den Waldschutz stellen würden. Fakt ist - und ich vertraue den Zahlen der ETH -, dass in den letzten fünfzig Jahren durchschnittlich rund 17 Prozent des Waldes nicht genutzt wurden, allerdings nicht etwa wegen des Naturschutzes oder wegen Reservaten, gar nicht. Ein erster Grund hierfür ist die Wirtschaft, der schlechte Holzpreis. Ein zweiter Grund ist die Lage, da vor allem im alpinen Bereich die Steillagen die ohnehin schon anspruchsvolle Bewirtschaftung behindern. Ein dritter Grund ist die mangelnde Erschliessung, die überhaupt nichts mit Naturschutz- oder Reservatszielen zu tun hat.
Ich habe mich dann auch erkundigt, wie sich die Waldbewirtschaftung auf unsere Landesfläche verteilt. Da muss man schon sagen: Signifikant ist die Nichtnutzung auf der Alpensüdseite. Im Tessin und auf der Alpensüdseite generell werden 57 Prozent des Waldes nicht genutzt - aber nicht aus Naturschutzgründen, sondern wegen der erwähnten Gründe: Wegen der mangelnden Wirtschaftlichkeit, der mangelnden Erschliessung und der Steillagen. In den Alpen sind es 25 Prozent des Waldes, die nicht mehr genutzt werden, im voralpinen Hügelgebiet sind es noch 10 Prozent, auf den Jurahöhen 4 Prozent und im Mittelland noch knappe 2 Prozent. Hier von "masslosen Reservatszielen" zu sprechen scheint mir doch ziemlich danebengegriffen. Von all diesen Wäldern, die nicht mehr genutzt werden, ist nur ein Zehntel Naturschutzgebiet, d. h., 90 Prozent gehören in keiner Art und Weise zu einem Reservat.
Der Auslöser für diese Motion war wahrscheinlich die gemeinsam formulierte Politik des Bundesrates und der Kantone: Sie haben sich nämlich entschieden, bis 2030 rund 10 Prozent der Waldflächen als Waldreservate vertraglich unter Schutz zu stellen. Das hat mit der Biodiversität und mit dem Ökosystem Wald und seiner wichtigen Funktion für unsere Gesellschaft, für Pflanzen, Tiere und Menschen zu tun.
Diese Waldreservate sind nicht einfach vor jeglichen Eingriffen geschützt. Bei rund der Hälfte der Naturwaldreservate wird es Eingriffsmöglichkeiten geben, sprich: Holznutzung ist möglich. Heute sind erst 3,5 Prozent der Waldflächen Waldreservate, und das war wahrscheinlich der Auslöser dieser Motion. In der Begründung findet man es, im Titel findet man es auch, und im Motionstext ist es verdeckt eigentlich auch vorhanden. Das hat die Minderheit dazu bewogen, Ihnen die Ablehnung dieser Motion zu beantragen.
Die ETH hat dann auch Umfragen bei Revierförstern gemacht, und diese zeigen, dass die Naturschutzwälder zu ganz grossen Teilen weiterhin genutzt werden können. Es ist also nicht so, dass dieser Schutz den Nutzungsinteressen total zuwiderläuft. Aus diesen Gründen, und auch weil die Motion mit dieser Begründung vor allem auch die Gebiete betrifft, wo der Wald eigentlich schon massiv unter Druck ist - das Mittelland bzw. die Tieflagen -, möchte ich einfach noch eine Lanze für die Waldreservate in diesen Gebieten brechen. Waldreservate braucht es auch in den Tieflagen, nicht nur in den Alpen oder auf der Alpensüdseite. Die Ökosysteme von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen verlangen nach einer kongruenten Waldpolitik.
Darum bittet Sie die Minderheit, diese Motion abzulehnen.