Fehr Jacqueline · Nationalrat · 2012-09-24
Fehr Jacqueline · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2012-09-24
Wortprotokoll
Ich gebe es zu: Angesichts des provokativen Titels war ich ob des knappen Resultats in der Kommission positiv überrascht. Die Kommission hat diese Initiative mit 11 zu 10 Stimmen bei 3 Enthaltungen abgelehnt - ich bin fast versucht zu sagen: nur mit 11 zu 10 Stimmen abgelehnt. Der Titel hat in der Diskussion irritiert, aber letztlich geht es eben tatsächlich auch um diese Frage. Man darf sich vielleicht sogar die Frage stellen, wie verwöhnt ein Land sein muss, das, umzingelt von Freunden, das Geld in Kampfflieger investiert und nicht in die Zukunft der Kinder.
In der Schweiz fehlen nach wie vor Schulstrukturen, die sich an den heutigen gesellschaftlichen Gegebenheiten orientieren. Der Bund hat sich in den vergangenen Jahren im Bereich der familien- und schulergänzenden Betreuung mit der Anstossfinanzierung engagiert. In den vergangenen neun Jahren wurden damit in diesem Bereich über 35 000 neue Plätze geschaffen. Das ist eine Steigerung von 70 Prozent, und nach wie vor treffen Gesuche um Finanzhilfen ein. Über 95 Prozent dieser neugeschaffenen Plätze blieben auch bestehen, nachdem sich der Bund zurückgezogen hatte. Damit ist die Anstossfinanzierung für familienergänzende Betreuung das erfolgreichste und wirksamste aller je vom Bund beschlossenen Impulsprogramme. Diese Entwicklung soll mit dieser parlamentarischen Initiative nochmals etwas Schub bekommen, denn Tagesschulen sind für alle ein Gewinn.
Kinder haben mehr Ruhe und mehr Regelmässigkeit, Tagesschulen fördern den Gemeinsinn und erleichtern das Lernen auf allen Leistungsstufen. Das heutige Hin und Her zwischen Schule, Elternhaus, Musikunterricht und Sportclub schafft Tagesabläufe nach dem Muster des Zappens. Haben Sie sich schon mal an die Fersen eines Primarschulkindes geheftet? Würden Sie das tun, würden Sie merken, woher ein grosser Teil der Unruhe und damit auch der Konzentrationsschwierigkeiten bei den heutigen Kindern kommt.
Tagesschulen sind aus ähnlichen Gründen auch eine Entlastung für die Lehrkräfte. Der aufgesplittete Betrieb erschwert heute die Koordination. Unsere Volksschule ist in vielen Teilen schlicht zu unübersichtlich. Zu viel Zeit und zu viel Energie fliessen in die Organisation und in die Absprachen, weil immer wieder andere vor Ort sind und nie die richtigen. Selbstverständlich sind Tagesschulen auch von Vorteil für die Eltern, die ihrerseits ihre Erwerbstätigkeit besser planen können, und auch für die Wirtschaft: Regionen ohne Tagesschulen haben zunehmend Mühe, genügend Fachkräfte zu finden.
Aus all diesen Gründen bitte ich Sie, der parlamentarischen Initiative Folge zu geben.