Leumann-Würsch Helen · Ständerat · 2001-06-19
Leumann-Würsch Helen · Ständerat · Luzern · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2001-06-19
Wortprotokoll
Es tut mir leid: Ich bin jetzt die erste "Grimmige". Es ist zwar unbestritten - und es ist richtig und war auch nötig -, dass vernünftige Rahmenbedingungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschaffen worden sind. So gibt es nebst der Wochenarbeitszeit auch die Ferienansprüche oder beispielsweise das Kinderarbeitsverbot. Ich finde es auch gut, dass 1877 für den Elfstundentag gekämpft worden ist und dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heute keinen Elfstundentag mehr kennen. Nur, lieber Herr Kollege Leuenberger, muss ich als Hausfrau und Mutter natürlich sagen: Diese Elfstundentage sind für die Zunft der Hausfrauen und Mütter heute noch absolut an der Tagesordnung. Manchmal ist man sogar sehr froh, wenn man nach elf Stunden endlich seine Ruhe hat.
Es ist unbestritten, dass die vorliegende Volksinitiative "für eine kürzere Arbeitszeit" nicht einfach die 36-Stunden-Woche verlangt, sondern dass sie, von einer Jahresarbeitszeit ausgehend, die Flexibilität bejaht, die für viele Betriebe zum Ausgleich saisonaler Schwankungen notwendig ist. Trotzdem kann ich nicht darauf eingehen. Ich unterstütze den Bundesrat aus folgenden Gründen: Das in der Initiative als grosse Flexibilität gepriesene Plus kommt zu spät. Mit dem neuen Arbeitsgesetz ist es heute durchaus möglich, saisonale Schwankungen auszugleichen. Deshalb ist es eindeutig, dass betriebliche und sozialpartnerschaftliche Lösungen einer gesamtwirtschaftlichen Einheitslösung immer vorzuziehen sind. Dies ist nicht nur im Interesse der Unternehmen, sondern auch im Interesse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Von der Flexibilität sowie von der Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, wird bereits vielfach profitiert. Nicht nur Frauen wählen oftmals reduzierte Wochenstunden, sondern auch Männer nehmen immer mehr die Gelegenheit wahr, mehr Zeit für ihre Kinder zu haben. Ich erlebe das in unserem eigenen Betrieb, wobei ich dann immer wieder ein wenig staune, dass das vielgepriesene Jobsharing in Bezug auf die Hausarbeit oftmals zulasten der Frauen geht. Männer betreiben in ihrer Freizeit gerne Sport, kümmern sich auch reizend um ihre Kinder, aber man trifft sie eher selten in Waschküchen an.
Auch das Argument der Initianten, die vorhandene Arbeit sei auf mehr Hände zu verteilen, ist nicht stichhaltig. Das mag zwar für gewisse grosse Industriebetriebe in Zeiten der Rezession gut sein. Ich erinnere an das VW-Modell in Deutschland. Bei uns aber sieht das anders aus. Wir sind das Land der Klein- und Mittelbetriebe. Grossbetriebe wie VW in Deutschland gibt es bei uns nur sehr wenige. Gerade aber den KMU, die oftmals in Nischen tätig sind, fehlen selbst in Rezessionszeiten oftmals die Fachleute. Dank der heute besseren Wirtschaftslage zeichnet sich der Arbeitsmarkt entsprechend mehr durch einen Mangel als durch einen Überfluss an gut ausgebildeten Fachkräften und Spezialisten aus. Oder denken Sie an die Gastronomie, die Krankenpflege oder den sich abzeichnenden, immer grösser werdenden Ausbau in der Alterspflege. Wo sollen alle die fehlenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rekrutiert werden? Bis jetzt liegen Anträge auf zusätzliche Kontingente beim Bund, aber das Konzept kann ja nicht sein, dass wir immer mehr Leute aus dem Ausland rekrutieren.
Die Initiative fördert auch die Schwarzarbeit, die heute schon ein Problem ist. Mehr Freizeit würde - des Entgeltes wegen - oftmals zu einer Nebenbeschäftigung führen. Nach wie vor höre ich von Mitarbeitern, dass sie unzufrieden sind, weil wir mit der Revision des Arbeitsgesetzes die Kompensation und nicht die Wahl zwischen Kompensation und Entgelt festgeschrieben haben.
Das letzte Argument: Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnsenkungen führen zu einem Anstieg der Arbeitskosten. Zunächst werden Arbeitgeber versuchen, das geringere Arbeitsvolumen durch Rationalisierungen aufzufangen. Vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen würden in grosser Zahl vor schwierige betriebs- und arbeitsorganisatorische Probleme gestellt. Nicht zu vergessen ist die Konkurrenz im Ausland. Solange ein T-Shirt "made in China" bei uns im Verkauf weniger kostet, als der Lohn für die Herstellung in der Schweiz beträgt, sollten wir uns gut überlegen, wie weit die Kosten in der Schweiz noch in die Höhe getrieben werden können.
Wir haben einen Betrieb im Elsass. Frankreich kennt die 35-Stunden-Woche, wobei sich diese 35 Stunden auf die effektive Arbeitszeit beziehen. Pausen, Umkleidezeiten usw. sind nicht einbezogen. Lassen Sie mich von den Erfahrungen der französischen KMU mit der 35-Stunden-Woche berichten. Die Umsetzung zwang Unternehmen, bestehende Prozesse zu überdenken. Dieses Vorgehen bewirkt teilweise Vereinfachungen, d. h., man lässt gewisse "Nice to have"-Prozessschritte weg und investiert in Rationalisierungen, weil es billiger ist zu rationalisieren als neue Leute anzustellen. Problematischer wird es bei den Aussendienstmitarbeitern. Aber da auch in Frankreich äusserst flexible Lösungen möglich sind und das französische Gesetz äusserst grosszügige Gestaltungsmöglichkeiten offen lässt, kann das ausgeglichen werden. Umfragen bei KMU in Frankreich bestätigen denn auch, dass die 35-Stunden-Woche eher ein Konzept für Grossbetriebe ist, dass die Tendenz zur Rationalisierung gefördert wird und dass das Ganze politisch nach wie vor umstritten ist. Umfragen bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zeigen unterschiedliche Reaktionen. Während die einen mit der reduzierten Wochenstundenzahl ganz zufrieden sind und davon auch profitieren, würden sich andere anstelle von mehr Freizeit höhere Saläre wünschen. Das hängt jeweils von der persönlichen Situation der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab.
Aus diesen Gründen unterstütze ich den Bundesrat.