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Leuthard Doris · Bundesrat · 2013-09-12

Leuthard Doris · Bundesrat · Aargau · 2013-09-12

Wortprotokoll

Wir nehmen das ernst. Ich weiss nicht, wie viele Stunden ich schon für die Wölfe, die Luchse, für den Bären und den Biber verwendet habe. Es ist immer dasselbe: Auf der einen Seite sind jene, die sagen, dass das nicht funktioniere, auf der anderen Seite jene, die einen Ausgleich suchen. Der Wolf ist da, und er wird bleiben; der Luchs ist da, und er wird bleiben; der Biber ist da, und er wird bleiben. Alle verursachen Schäden, aber Sie können sie nicht ausrotten - wir wollen das auch nicht. Es geht doch immer nur darum, zwischen dem berechtigten Anliegen der Tierhalter und dem berechtigten Anliegen der Natur - die Natur ist halt irgendwo auch zu respektieren - und dem Schutz der Bevölkerung eine Balance zu finden.

Man könnte schon meinen, dass wir jedes Jahr Tausende von Schadenfällen hätten. Wir haben pro Jahr im Durchschnitt zweihundert gerissene Tiere - zweihundert! Viertausend sterben eines natürlichen Todes, durch Krankheit, Unfall oder Blitzschlag. Wenn ich diese Zahlen einander gegenüberstelle, muss ich schon sagen, dass man dramatisiert. Die Wolfspopulationen werden zunehmen, das ist auch unsere Einschätzung. Deshalb sagen wir ja auch, dass wir die Konzepte laufend anpassen müssen. Wir stellen aber fest, dass von diesen im Durchschnitt zweihundert gerissenen Schafen 90 Prozent in nichtgeschützten Herden sind, Herr Ständerat Schwaller - in nichtgeschützten Herden! Dort, wo wir Herdenschutzmassnahmen haben, haben wir nur 10 Prozent der Anzahl der Fälle. Also, funktioniert das jetzt, oder funktioniert das nicht? Die Zahlen sprechen dafür, dass die Situation dort, wo wir Herdenschutzmassnahmen haben, besser ist.

Wir haben jetzt am Calanda zum ersten Mal eine Wolfsfamilie. Gerade dort, wo wir, wenn man so will, ein Wolfsrudel haben - das einzige, aber es existiert -, gibt es keine Schadenfälle. Auch dieses Jahr ist noch kein einziges Schaf von diesem Rudel gerissen worden, weil es rundherum Herdenschutzmassnahmen gibt. Ich akzeptiere nicht, dass man sagt, Herdenschutzmassnahmen funktionierten nicht. Herdenschutz ist schwierig. Ich habe da hohen Respekt vor diesen Bauern, vor diesen Schafhirten, die eine Ausbildung gemacht haben, wie mit dem Herdenschutzhund umzugehen ist, die ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufgebaut haben. Ich war selber vor Ort, ich habe das selber geprüft, ich weiss, wovon ich spreche. Ich habe hohen Respekt. Bei jenen, die es fertiggebracht haben, den Herdenschutz mit den speziell ausgebildeten Hunden zu organisieren, funktioniert er.

Wir stellen aber fest, dass wir noch nicht in allen Kantonen die entsprechenden Strukturen haben. Mit dem Wallis zum Beispiel ist man jetzt daran, in einer Arbeitsgruppe ein Alpplanungsprojekt zustande zu bekommen. Das wird helfen. Aber es wird immer gerissene Schafe geben, das werden Sie nicht ausmerzen können. Ich glaube effektiv, dass man, wegen der höheren Populationen, das Wolfskonzept laufend anpassen muss. Das tun wir ja gerade. Wenn sich die Zahl der Wölfe erhöht, kann man heute schauen: Was hat funktioniert? Was braucht es zusätzlich? Vielleicht muss man die Zahl, Herr Ständerat Jenny, wieder anpassen. Das ist eine mögliche Diskussion. Und ich habe wirklich den Eindruck, dass meine Fachstelle mit den Kantonen, mit den Jagdverantwortlichen eine sehr gute Zusammenarbeit pflegt. Ich bin froh, Herr Ständerat Engler, dass Sie das so sagen. Das ist unser Ansatz.

Die Philosophie "Das konsequente Schiessen des Wolfes ist die Lösung" ist ebenso falsch wie ein übertriebener Schutz des Wolfes, der es gar nicht erlaubt einzugreifen. Die Balance zu finden sollte doch möglich sein, und ich bin der Meinung, dass man hier auf einem sehr guten Weg ist.

Noch etwas: Der Bund investiert 21 Millionen Franken pro Jahr in die Schaf- und Ziegensömmerung. Das bekommen die Schaf- und Ziegenhalter, Herr Ständerat Baumann: 21 Millionen Franken pro Jahr als Alpungs- und Sömmerungsbeiträge für Schafe und Ziegen. Das ist ja nicht wenig. Und 1,2 Millionen Franken kostet der Herdenschutz. Auch das ist eine vernünftige Zahl. Dieser Betrag wird in den nächsten Jahren wahrscheinlich noch erhöht werden müssen, weil wir mehr Grossraubtiere haben werden. Wir sind bereit, darüber zu reden.

Aber ich glaube, man muss wirklich subtil mit der Natur leben und vorgehen. Ich erinnere Sie an die Diskussion über die Biber. Das wird die nächste Diskussion sein, und auch da geht es doch darum, die Balance zu finden: Es gibt Schäden durch Tiere, aber der Staat soll nicht unverhältnismässig reagieren. Ich glaube effektiv, es braucht den Willen zur Diskussion und zur Umsetzung von Konzepten. Und wir haben den Willen, die Konzepte laufend an die Entwicklungen anzupassen.

Man könnte noch die italienischen Zahlen den französischen anfügen, dann sieht das ganz anders aus. Ich war letzte Woche in Italien, wo der Schutz sehr hoch ist. Wir haben dort jetzt vereinbart, dass wir eine gemeinsame Arbeitsgruppe einsetzen wollen. Da die Wölfe mobil sind, ist es richtig, dass man versucht, im gesamten Alpenraum mit diesen Effekten umzugehen und, wenn möglich, ähnliche Konzepte für die Regulierung der Bestände und den Schutz der Tiere zu finden. Das ist, glaube ich, ein sinnvolles Vorgehen des Bundes. Die Wölfe machen an der Grenze schliesslich nicht halt. Wenn ein Land dann gar keine Regulierung betreibt, während andere sie betreiben, ist das auch nicht sehr sinnvoll.

Deshalb glaube ich, Herr Ständerat Imoberdorf, dass wir das Thema sehr ernst nehmen. Wir schauen aber auch die Zahlen an. Es muss am Schluss verhältnismässig sein. Deshalb glaube ich, dass die Gespräche, die geführt werden, und die Anpassung des Wolfskonzepts der richtige Weg sind.