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Bieri Peter · Ständerat · 2012-12-06

Bieri Peter · Ständerat · Zug · Fraktion CVP-EVP · 2012-12-06

Wortprotokoll

Nachdem uns "Lebenslüge" vorgeworfen wurde, fühle ich mich als Agronom betroffen, der in seinem bisherigen Leben in dieser Sache gearbeitet hat. Ich meine, ich hätte in meinem Leben keine solche Lebenslüge aufgebaut, sondern wir hätten in der Landwirtschaft versucht, mit unseren Ressourcen etwas Sinnvolles zu leisten und unsere Bevölkerung möglichst gut und umfassend zu ernähren. Dass das heute vielleicht etwas vergessen gegangen ist bei diesen offenen Grenzen, bei diesem Überfluss auf unserem Kontinent, muss man wahrscheinlich in Kauf nehmen. Aber von Lebenslüge zu sprechen, das scheint mir dann doch etwas dick aufgetragen.

In der Verfassung sehe ich nirgends, dass wir nicht verhungern sollten - das finde ich nicht! Hingegen finde ich in Artikel 104 Absatz 1, dass die Landwirtschaft für eine sichere Versorgung der Bevölkerung sorgen sollte. Ich glaube, dass die Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten viel dafür getan hat.

Es scheint jetzt die Stimmung aufzukommen, dass alles, was aus tierischer Produktion kommt, des Teufels sei. Da muss ich mich nun wirklich in aller Form dagegen wehren, zumal ich mich in der Agronomie in den Bereich der Nutztierwissenschaften vertieft habe und die Zusammenhänge in etwa kenne. Den grössten Teil dieses Landes können Sie gar nicht anders nutzen als über Grünland und die Veredelung über die tierische Produktion. Es ist einfach zu billig zu sagen: Dehnt die Ackerfläche aus! Der grösste Teil unseres Landes ist dafür nicht geeignet, Sie können nicht in Berggebieten, in den Zonen II und III, im grossen Umfang Ackerbau treiben, da wird nichts wachsen. In den grössten Teilen unseres Landes geht die Nutzung allein über die tierische Veredelung.

Es wurde auch der Eindruck erweckt, wir hätten hier eine Riesenansammlung und Dichte von Tieren. In den grössten Teilen unseres Landes haben wir eine sehr geringe Tierdichte. Wir haben verschiedenste Eck- und Rahmenbedingungen, sodass die Tierproduktion nicht zu intensiv [PAGE 1110] betrieben werden kann. Wir haben keine Betriebe, wie sie in Kalifornien entstanden, wo auf zwei, drei Hektaren tausend Tiere gehalten werden. Wir haben keine Mastbetriebe, wie sie im mittleren Teil von Amerika betrieben werden, sondern wir haben aufgrund des maximalen Tierbesatzes, der unter anderem durch die Gewässerschutzgesetzgebung vorgeschrieben wird, eine sehr verhältnismässige und verantwortbare Tierhaltung.

Wir haben die Rechnung für die Ernährungssouveränität mit der Energie und den Rohstoffen gemacht, die wir einführen müssen. Wenn wir so rechnen, dann produzieren wir auch in der Metallindustrie nichts mehr. Wir produzieren keine einzige Uhr mehr, wir produzieren auch in der Chemie nichts mehr, ja, wir können keine Medikamente mehr produzieren. Wenn wir die Rechnung so machen, wenn wir alles zu 100 Prozent im eigenen Land produzieren müssen, dann können wir unsere Pharmaindustrie vergessen, denn ihre Rohstoffe basieren zum grössten Teil auf Erdölprodukten. Ich glaube, man muss diese Rechnung vernünftig und angepasst machen, dann macht der Begriff der Ernährungssouveränität, über den wir übrigens lange und breit diskutiert haben, durchaus Sinn. Wir müssen den Begriff korrekt interpretieren. So darf man ihn in diesem Gesetz auch erwähnen. Ich verwahre mich aber, nochmals, gegen den Vorwurf der "Lebenslüge".