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Hollenstein Pia · Nationalrat · 2001-10-04

Hollenstein Pia · Nationalrat · St. Gallen · Grüne Fraktion · 2001-10-04

Wortprotokoll

Ich beantrage Ihnen im Namen der Kommissionsminderheit, Volk und Ständen zu empfehlen, die Sonntags-Initiative anzunehmen.

Natürlich bin ich, realpolitisch betrachtet, froh, dass dank der Initiative ein Grossteil des Parlamentes und die Mehrheit der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen endlich auch finden, ein autofreier Sonntag sei ein nötiger Anfang und wenigstens einen Versuch wert. Eigentlich ist dies aber praktisch nichts; ich persönlich hätte am liebsten jeden Monat mindestens einen autofreien Sonntag. Dies wäre aufgrund der zu erwartenden besseren Lebensqualität ein echter Gewinn. Aber die Frage nach mehr als vier autofreien Sonntagen pro Jahr stellt sich hier nicht; das ist Zukunftsmusik.

Der Trend zu autofreien Sonntagen ist ein europäisches Phänomen geworden. Italien, Deutschland und auch Frankreich haben damit gute Erfahrungen gemacht. Ja, das "Autofreak-Land" Italien hat die bessere Lebensqualität mit autofreien Sonntagen entdeckt. Die autofreien Sonntage in Italien waren durchwegs ein Erfolg. Die EU-Initiative "In die Stadt - ohne mein Auto" hat in Hunderten von Städten Europas zu Erlebnistagen geführt. Die jahraus, jahrein von Verkehr geplagte Bevölkerung will sich die autofreien Tage nicht mehr nehmen lassen. Sowohl für das Gemeinschaftsleben als auch für die lokale Wirtschaft sind die autofreien Tage immer ein Gewinn. Die Schweiz sollte sich diesen Profit für alle nicht entgehen lassen und der Initiative für vier autofreie Sonntage pro Jahr zustimmen.

Die Mitglieder des Initiativkomitees haben bekannt gegeben, dass sie die Initiative zugunsten des indirekten Gegenentwurfes zurückziehen werden, wenn dieser mehrheitsfähig wird. Bis es aber so weit ist und der Gegenentwurf unter sicherem Dach und Fach ist, gilt es, die Initiative aufrechtzuerhalten. Sollte der Gegenentwurf nicht unverändert über die Runden kommen, wird die Initiative nämlich zur Abstimmung gebracht. Ob es den Gegnern von autofreien Tagen dann lieber ist, wenn ihr nächstes Jahr Volk und Stände zustimmen werden, bin ich mir in Anbetracht der oft geäusserten Vorbehalte nicht so sicher. Mir kann es ja recht sein. Denn Umfragen zeigen, dass die Zustimmung zu autofreien Sonntagen mit jedem Jahr wächst. Die junge Generation verspricht sich Fun ohne Auto, und meine Generation erinnert sich gerne an die autofreien Sonntage in den Siebzigerjahren. Das Leben stand damals deshalb nicht still. Im Gegenteil: Das Leben hat in einem viel angenehmeren Rhythmus [PAGE 1383] stattgefunden, mehr Lebensqualität war die gemachte Erfahrung.

Autofreie Sonntage bringen nicht nur der Bevölkerung viel, solche Tage kämen auch dem öffentlichen Verkehr zugute; sie würden dem öffentlichen Verkehr Mehreinnahmen gewähren und könnten auch sonst Autofahrende auf den Geschmack der Mobilität mit dem öffentlichen Verkehr bringen. Die Vorteile sind vielfältig. In Deutschland hat sich in den letzten Jahren an verschiedenen Orten dank der autofreien Tage eine neue Freizeitkultur entwickelt. Die sonst viel befahrenen Bundes- und Landesstrassen werden gesperrt und Hunderttausende von Besucherinnen und Besuchern nutzen die Gelegenheit und sind zu Fuss, mit dem Fahrrad, mit Rollschuhen oder Pferdekutschen unterwegs und geniessen den Tag an der frischen Luft ohne Verkehrslärm.

Autofreie Tage machten auch die Tourismusorte attraktiver, denn die sonst mit Autos voll gestopften touristischen Orte würden zum Anziehungspunkt für Touristinnen und Touristen. Schliesslich hat die Schweiz das weltbeste öffentliche Verkehrssystem.

Autofreie Tage werden von einem immer grösser werdenden Teil der Bevölkerung gewünscht. Die "Coop-Zeitung" veröffentlichte Resultate, wonach die vorliegende Initiative für vier autofreie Sonntage von Stadt und Land ungefähr gleich stark befürwortet wird. Etwa 75 Prozent der Befragten befürworten generell autofreie Sonntage.

Mit vier autofreien Tagen tun wir nichts Revolutionäres. Fast ohne Ausnahme lassen alle Autobesitzenden ihr Vehikel an einigen Sonntagen zu Hause. Weil dies aber nicht alle am selben Tag tun, geht der Profit für die Nichtautofahrenden verloren. Mit vier autofreien Sonntagen für den ganzen motorisierten Individualverkehr wäre der Profit für alle da.

Was bringen autofreie Tage der Ökologie? Natürlich wird wegen einem Sonntag im Jahr keine nennenswerte ökologische Verbesserung der Umweltbelastung eintreten. Trotzdem, auch für die Umwelt sind autofreie Tage positiv. Schliesslich stammt die grösste Umweltbelastung immer noch vom motorisierten Individualverkehr. Ein zunehmender Anteil des motorisierten Individualverkehrs ist Freizeitverkehr; deshalb ist jeder Verzicht auf Autofahren ein Gewinn. Es kommt dazu, dass die Erfahrung von autofreien Tagen positive Erfahrungen mit sich bringt und daraus durchaus ein Bedürfnis nach dem Verzicht aufs Autofahren entstehen kann. Dies wird nicht als Verzicht empfunden, sondern die neu erfahrene Lebensqualität verlangt nach mehr des Guten. Immer mehr Leute kommen auf den Geschmack der besseren Lebensqualität und realisieren und erfahren, dass autofreie Tage - sei es zu Hause oder mobil per Velo oder Zug - echte Lebensfreude bringen können. Erfahrungen in vielen Nachbarländern zeigen, dass autofreie Tage eben nicht als auferlegter Verzicht erlebt werden, sondern als wertvolles Erlebnis, das viele zusätzliche Möglichkeiten zur sinnvollen Freizeitgestaltung bietet.

Nur wenige "Autoverblendete" sind nicht fähig, autofreien Tagen etwas Positives abzugewinnen. Auch für jene Gebiete, die mit dem öffentlichen Verkehr nicht optimal erschlossen sind, bieten sich positive Aspekte. Ich nenne da eine meiner Ratskolleginnen aus dem bürgerlichen Lager, die sich freuen würde - das hat sie mir gestern gesagt -, wenn ihr Ehemann dann wenigstens an autofreien Sonntagen nicht mit dem Auto zur Arbeit in die Stadt fahren würde, sondern zu Hause bleiben würde oder eben müsste. Dies könnte für beide ein Gewinn sein. Diese Kollegin ist im Moment nicht im Saal.

Mit vier autofreien Sonntagen könnte die Schweiz ein über die Grenzen hinaus wirkendes Zeichen für mehr Lebensqualität setzen. Den vielen Menschen, die sich autofreie Sonntage wünschen, würde wenigstens vier Mal im Jahr entgegengekommen. Der langfristige Nutzen für die Umwelt wäre grösser als auf den ersten Blick messbar, denn autofreie Tage vermitteln auch jenen, die noch skeptisch sind, das wertvolle Gefühl, dass Freizeitgestaltung auch ohne Auto möglich ist und sogar lustvoller sein kann als mit dem Auto. Längerfristig kann dies Autofahrende dazu bewegen, auch ausserhalb der geschenkten autofreien Tage auf das Autofahren zu verzichten und die Freizeit sinnvoller zu gestalten.

Ich bitte Sie, mit Ihrer Zustimmung zur Kommissionsminderheit die Initiative auf dem politischen Parkett zu belassen, bis die Initiantinnen und Initianten die Initiative allenfalls zurückziehen.