Tschäppät Alexander · Nationalrat · 2001-10-04
Tschäppät Alexander · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2001-10-04
Wortprotokoll
"Ausser Geld gibt es auch Menschen, Herr Ospel!" "Bringt die Banken ins Wanken!" Diese und andere Sprüche sind zurzeit an den Grossdemos des Swissair-Personals zu lesen. Getragen werden diese Transparente nicht von Linken und Netten oder Chaoten, sondern von Damen und Herren in schmucken Uniformen mit goldenen Streifen am Ärmel, aber auch von Arbeiterinnen und Arbeitern im Übergewand. Sie alle sind solidarisch, alle in Angst um ihren Arbeitsplatz, verunsichert ob ihrer Zukunft. Die Demos in den letzten Tagen haben eine neue Dimension erhalten; die Teilnahme ist plötzlich nicht mehr abhängig von Parteizugehörigkeit. Der Grenzverlauf hat sich verschoben; die Grenze muss neu gezogen werden zwischen verantwortungsvoll und verantwortungslos, zwischen anständig und unanständig. Wer dafür verantwortlich ist, ist allen bekannt: Ein finanziell und imagemässig hervorragend positioniertes Unternehmen wurde durch ein katastrophales Management in den Abgrund gesteuert. Mehrere Tausend Arbeitsplätze sind aufs Höchste gefährdet, die Verantwortlichen sind abgetaucht, einmal mehr. Dieses Verhalten ist unverantwortlich, und es ist vor allem unentschuldbar.
Herr Ospel, Frau Spoerry, Herr Mühlemann und wie Sie alle heissen, lassen Sie es mich nochmals klar und deutlich sagen: Ausser Geld gibt es auch Menschen! Ein Unternehmen besteht nicht nur aus Kapital, es besteht in erster Linie aus Menschen, und diese haben ein Anrecht darauf, fair und anständig behandelt zu werden. Diesen minimalen Anspruch haben Sie schändlich missachtet. Mit Ihrem Verhalten haben Sie einmal mehr demonstriert, wie Angestellte zur Manövriermasse degradiert werden können.
Die Angestellten der Swissair haben sich immer durch eine sehr hohe Identifikation mit dem Arbeitgeber ausgezeichnet. Sie alle haben nun bitter zur Kenntnis nehmen müssen, dass ihre Solidarität, ihre Identifikation und ihr Einsatz nicht honoriert werden. Sie haben zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie alleine die Folgen des unverantwortlichen Handelns einiger neoliberaler Heilsbringer zu tragen haben. Nahezu zynisch mutet es im Übrigen an, dass sich die Grossbanken nun freundlicherweise bereit erklärt haben, die von den Angestellten selbst erarbeiteten Ersparnisse zurückzuerstatten. Herzlichen Dank!
Als Präsident des Schweizerischen Kaufmännischen Verbandes und damit als direkter GAV-Partner der Swissair stelle ich im Namen der Angestellten folgende Forderungen:
1. Höchste Priorität muss die Sicherung der Arbeitsplätze haben.
2. Rund die Hälfte der Swissair-Angestellten gehen einem Monopolberuf nach. Ihre Ausbildung und ihre Qualifikationen sind gezielt auf den heutigen Arbeitsplatz ausgerichtet. Wir verlangen, dass unverzüglich, so weit nötig, umfassende Sozialpläne erarbeitet und vor allem zukunftsgerichtete Umschulungsmassnahmen eingeleitet werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Betroffenen innert kürzester Zeit wieder eine optimale Chance auf dem Arbeitsplatz erhalten.
3. Zur Aufrechterhaltung des Flugbetriebes bezahlt der Bund quasi à fonds perdu 450 Millionen Franken. Niemand in diesem Land wird verstehen, dass einmal mehr die öffentliche Hand diesen Schaden berappen muss, währenddem sich die beiden Grossbanken, UBS und CS, für 250 Millionen Franken eine Fluggesellschaft unter den Nagel reissen. Nebst Bundesgeldern sind für die sich aufdrängenden Sofortmassnahmen deshalb vor allem die Banken und die übrige Wirtschaft gefordert, genügend Mittel zur Verfügung zu stellen.
4. Wir fordern aber vor allem, dass diejenigen, die dieses menschenverachtende Verhalten zu verantworten haben, nicht noch durch Börsengewinne und den Erwerb einer Airline zum Discountpreis honoriert werden.