Lohr Christian · Nationalrat · 2014-06-03
Lohr Christian · Nationalrat · Thurgau · Fraktion CVP-EVP · 2014-06-03
Wortprotokoll
Ist alles, was technisch machbar ist, auch gesellschaftlich wünschbar und in einer weiteren, doch sehr wichtigen Betrachtungsweise auch wirklich ethisch vertretbar? Diese beiden Schlüsselfragen sind im Zusammenhang mit der Präimplantationsdiagnostik zu stellen. Es gibt aber auch noch weitere Bereiche, die wir ganz genau anschauen müssten und durchaus auch hier offen nennen sollten. Gibt es ein Recht auf Leben? Gibt es ein Recht auf ein Leben ohne Krankheit? Gibt es ein Recht auf ein Leben ohne Behinderung? Ich für mich persönlich beantworte diese Fragen klar mit einem Nein.
Mit der HLA-Typisierung gehen wir nun einen Schritt in eine Richtung, die die Grenze des Ertragbaren im Werteverständnis vieler Menschen in unserem Land deutlich - deutlich! - überschreitet. Bei dieser Praxis wird nun eben nicht mehr nur zwischen lebenswertem und sogenannt unlebenswertem Leben im Labor entschieden: Nein, der Laborant hat hier einen klaren Auftrag, und zwar den, aus bereits erzeugtem Leben nach einem gewünschten Merkmal zu suchen; wir nennen das eine positive Selektion. In der Konsequenz werden dann völlig gesunde, ja vitale Embryos so lange hergestellt und verworfen, bis der gewünschte Gewebetyp bei einer befruchteten Eizelle gefunden ist. Für mich ist das ein weiteres deutliches Warnsignal dafür, wie wir gegenüber menschlichem Leben zunehmend eine doch stark instrumentalisierende Haltung einnehmen. Der Anspruch, das menschliche Leben absolut kontrollieren und bereits im Keim verändern zu wollen, weitet sich aus. Die Menschenwürde des heranwachsenden Lebens - das ist für mich immer noch das höchste Gut, das wir haben! - wird bereits mit seiner Zeugung verletzt, sehr direkt berührt.
Das Kind ist nicht mehr Selbstzweck. Es muss auf die Welt kommen, um fremdbestimmt einen Zweck, die Spende von Geweben oder Organen, zu erfüllen. Das Spenderkind wird tatsächlich schon bei seiner Entstehung instrumentalisiert. Die Möglichkeit der späteren Spende ist die Motivation für den Kinderwunsch. Das Spenderkind wird nicht um seinetwillen, sondern für ein anderes Kind gezeugt. Denken wir hier ganz bewusst an die psychologischen Folgen für das Retterbaby, die nicht abzuschätzen sind.
Dramatische Einzelfälle führen dazu, dass wir heute über die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik zum Zweck der HLA-Typisierung diskutieren. Die verzweifelten Eltern, das leidende Kind - wieso sollte man nicht helfen, wenn es möglich ist zu helfen? Natürlich muss man sich diese Frage stellen. Aber für unzählige Menschen mit einem angeborenen, einem genetischen Defekt ergibt sich mit der unbegrenzten Zulassung der Präimplantationsdiagnostik eine dramatische Situation in der Gesellschaft: Die Weichen sind deutlich auf Selektion gestellt. Das haben mir auch die verschiedenen Voten heute gezeigt, obwohl es jeder bestreitet. Der Kinderwunsch ist nicht mehr nur ein solcher, ihm haften bereits etliche Vorbehalte an. Die Kinder sollen in Zukunft leistungsfähig sein, das ist anscheinend das, was wir uns wünschen. Sie sollen einen vorbestimmten Zweck für Menschen erfüllen. Damit wird für Menschen mit Trisomie 21 beispielsweise der Platz in einer immer mehr normierten Gesellschaft eng und enger. Soll es sie in Zukunft nicht mehr geben? Dazu sage ich deutlich: Nein!
Ich bitte Sie, meiner Minderheit zu folgen und heute das Retterbaby nicht zuzulassen.