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Mörgeli Christoph · Nationalrat · 2013-09-25

Mörgeli Christoph · Nationalrat · Zürich · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2013-09-25

Wortprotokoll

Ich habe es gesagt und möchte es nochmals sagen: Die Europäische Union ist ein politisches Projekt. Ihre Bildungsprogramme sind politisch. Die EU verfolgt nicht die Förderung der Besten und Begabtesten, wie sie unsere hochentwickelte Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft braucht, sondern sie will den Segen der Bildung möglichst breit verteilen, von Nord nach Süd, von West nach Ost. Nur so erhält die EU nämlich den Zuspruch aller ihrer Mitgliedländer. Schauen Sie sich die EU-Bildungsprogramme, schauen Sie sich das EU-System von Bologna an! Das ist Gleichmacherei, das ist Bildungsegalitarismus, ich würde sagen, das ist Bildungsjakobinismus.

Gerade in der weitentwickelten Spezialisierung brauchen wir Gebildete, die geistige Ordnung halten, die zusammenfassen, gewichten und führen können. Mit einer Massen- und Schnellabrichtung ist es nicht getan. Die Gelehrten und auch die guten Berufsleute brauchen einen weiten Horizont, geistige Disziplin, eine möglichst universelle Bildung.

Die EU züchtet die spezialistische Gescheitheit. Die EU ist ein Apparat, die EU ist eine Organisation; die EU bedeutet Zentralismus, Verwaltung, sie bedeutet Forschungsbeamte statt Forschende. Die EU will möglichst grosse, teure, kollektiv organisierte und spektakuläre Forschungsprojekte, mit Kommissionen, Instituten, Kongressen, international zusammengesetzten Forschungsgruppen. Das führt zu steriler Geschäftigkeit, zu Leerlauf, zur Erstickung der schöpferischen, wissenschaftlichen Arbeit, die letztlich immer individuell bleibt. Ein Schweizer Nobelpreisträger hat treffend gesagt: "Wer keine Idee mehr hat, schliesst sich einem Forschungsprogramm an."

Hat die Kolossalorganisation EU morgen noch Geld? Wir wissen es nicht. Heute ist das Problem eher der Überfluss an Mitteln im Vergleich zu den wirklich fruchtbaren und echten Problemstellungen. Zuerst ist das Geld da, nachher sucht man nach Projekten. Diese kosten möglichst viel Geld und müssen nach etwas aussehen, sie müssen die Geldausgaben und die Institutionen rechtfertigen. Ich weiss selber, wie das geht: Wenn zuerst das Geld da ist, muss man überlegen, wie man es ausgibt, statt sich die Zeit zu nehmen für ruhige Überlegung. Der äussere Druck verlangt ein unverzügliches Budget, Organisations-, Personal-, Reisepläne: Wer vorher nachdenkt, gilt als wissenschaftlicher Versager. Es fehlt uns an wirklich schöpferischen Forschern in Wissenschaft und Berufsbildung; es fehlt an Grundlagenforschung - wir haben zunehmend eine Zweckforschung.

Ist diese Industrialisierung der Wissenschaft und der Bildung sinnvoll? Ich meine: Nein! Können Wissenschaft und Bildung nur gedeihen, wenn sie auf dem Prinzip von Organisation, Verwaltung, betrieblicher Arbeitsteilung beruhen? Ich glaube: Nein! Ist der oder die allein am Schreibtisch denkende Gelehrte, der oder die sich etwas einfallen lässt, ein Auslaufmodell? Ich glaube: Nein! Ist eine wissenschaftliche Arbeit zehnmal besser, nur weil zehn Leute daran gearbeitet haben? Ich meine: Nein!

Ich frage Sie zum Schluss: Wie viele Leute haben die "Zauberflöte" komponiert? Wie viele Leute haben die Relativitätstheorie entwickelt? Oder wer ist oder war besser: unsere Fussballnationalmannschaft oder Roger Federer?