Triponez Pierre · Nationalrat · 2001-11-26
Triponez Pierre · Nationalrat · Bern · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2001-11-26
Wortprotokoll
Das Anliegen, die qualifizierten Psychologieberufe auf eidgenössischer Ebene mit einem Titelschutz adäquat und transparent zu regeln, schlummert schon seit Jahren in den Amtsstuben unserer Bundesverwaltung. Immer noch warten die rund 4500 akademisch ausgebildeten Psychologinnen und Psychologen unseres Landes, die im Dachverband der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) zusammengeschlossen sind, auf eine gesamtschweizerische Regelung. Dieses Anliegen wird nicht nur von zahlreichen Fachverbänden, sondern auch von den Vorständen der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Sanitätsdirektoren sowie der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren unterstützt - und das mit gutem Recht und guten Gründen!
Auch aus der Sicht der Bevölkerung ist es langsam unerträglich, dass sich in diesem Land nach wie vor jede Person ohne qualifizierte Ausbildung als Anbieter psychologischer Dienste auftreten kann, sich selber als Psychologin oder Psychologe bezeichnen darf. Auf dem schweizerischen "Psychomarkt" herrschen Intransparenz und Chaos. Selbst ernannte Heiler preisen in aller Öffentlichkeit fragwürdige, unrealistische oder gar abwegige und schädliche Beratungen und Dienstleistungen an. Es ist also höchste Zeit, dass auf Bundesebene eine transparente und adäquate Regelung der qualifizierten Psychologie erfolgt.
[PAGE 1537] Auch der Bundesrat bestreitet das nicht, möchte aber die Motion zu einem Postulat abschwächen. Dies ist umso erstaunlicher und umso weniger akzeptierbar, als der Bundesrat selbst vor mehr als drei Jahren, am 19. August 1998, das Bundesamt für Gesundheit mit der Ausarbeitung eines Gesetzesentwurfes beauftragt hat. Dieser Entwurf lässt aber immer noch auf sich warten.
Wenn jetzt der Bundesrat seine Empfehlung, die Motion Wicki bzw. die Motion Triponez - die beide gleich lauten - in ein Postulat umzuwandeln, mit dem Zeitdruck begründet, und wenn er argumentiert, es sei zeitlich nicht möglich und auch sachlich nicht zwingend, einen Titelschutz bis zum Inkrafttreten des Freizügigkeitsabkommens im Rahmen der bilateralen Verträge mit der EU zu realisieren, so ist das fadenscheinig und nicht überzeugend. Die Motion verlangt das nämlich gar nicht; sie will aber sicherstellen, dass die qualifizierten Psychologinnen und Psychologen in ihrer Berufsausbildung auch im Ausland nicht wegen fehlendem Titelschutz benachteiligt werden, und zwar möglichst bald. Alle unsere Nachbarstaaten - Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Liechtenstein - haben bereits heute die universitäre Psychologieausbildung mit staatlichem Diplom geregelt, und es darf doch nicht sein, dass unsere akademischen Psychologinnen und Psychologen wegen fehlender eidgenössischer Anerkennung in diesen und anderen europäischen Ländern faktisch diskriminiert werden können! Umgekehrt muss auch verhindert werden, dass die Schweiz zum europäischen Sammelbecken von abstrusen Esoterikern, sendungsbewussten Sektierern und anderen Heilverkündern wird, die unter dem Label der Psychologie ungestraft in diesem Lande agieren dürfen.
Meine Motion verlangt eine adäquate und transparente Regelung der qualifizierten Psychologieberufe, nicht nur im Interesse des schweizerischen Arbeitsmarktes und unserer Gesellschaft, sondern auch mit Blick auf die Berufschancen unserer Psychologinnen und Psychologen im Rahmen der europäischen Freizügigkeit. Die Motion wurde von 43 Ratskolleginnen und Ratskollegen aus sämtlichen Fraktionen mitunterzeichnet. Die gleich lautende Motion Wicki wurde vom Ständerat in der Session in Lugano gegen den Willen des Bundesrates mit 36 zu 0 Stimmen ohne Einschränkung als Motion überwiesen.
Ich bitte Sie, auch in diesem Rat vollumfänglich bei der Motion zu bleiben.