Graber Konrad · Ständerat · 2014-09-23
Graber Konrad · Ständerat · Luzern · Fraktion CVP-EVP · 2014-09-23
Wortprotokoll
Ich danke zuerst dem Bundesrat, dass er bereit ist, die von mir gewünschte Prüfung durchzuführen. Es scheint mir wichtig, dass wir - neben den nachfolgenden Vorstössen, die sich mit der Arbeitssituation von über 50-Jährigen befassen - auch das Thema "Wiedereinsteigerinnen" in der ganzen Breite ausleuchten. Dass der Bundesrat dies im Rahmen der Fachkräfteinitiative tun will, scheint mir sehr sinnvoll zu sein. Tatsächlich verfügen wir in der Schweiz über bestens ausgebildete Frauen, die möglicherweise in den Arbeitsprozess zurückzukehren wünschen, dies aber aufgrund verschiedener Barrieren nicht tun. Sinn und Zweck der Prüfung soll es sein, diese Hemmnisse anzusprechen, zu analysieren und, wo sinnvoll, abzubauen.
Ich möchte mein Postulat in einen breiteren politischen Zusammenhang stellen. Ich habe den Eindruck, dass sich die Wirtschaft heute noch zu wenig mit diesen Themen auseinandersetzt. Auf meine Frage an die Strategieverantwortlichen verschiedener Firmen, was für eine spezifische Bedeutung ein Rückgang ausländischer Fachkräfte für sie habe, habe ich bis heute in der Regel als Antwort Gemeinplätze zu hören gekriegt wie etwa: Es sei bereits heute schwierig, die richtigen Fachleute zu rekrutieren; wahrscheinlich müssten gewisse Aktivitäten ins Ausland verlegt werden; ehrlicherweise müsse man eingestehen, dass die Kosten wahrscheinlich steigen würden, wenn für die gleichen Positionen das Angebot kleiner sei oder wenn Schweizerinnen und Schweizer eingesetzt würden.
So richtig scheint niemand daran zu glauben, dass wir in der Schweiz in nächster Zeit wesentlich weniger Einstellungen von ausländischen Fachkräften verzeichnen werden. Realistisch beurteilt ist dies aber eine krasse politische Fehleinschätzung. Unabhängig vom Weg der Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative muss sich die Wirtschaft darauf einstellen, weniger Rekrutierungen aus dem Ausland vornehmen zu können. Wünschenswert wäre es aus meiner Sicht, wenn Unternehmen dies bereits heute täten, damit uns dann nicht einmal vorgeworfen wird, wir hätten das Gegenteil dessen getan, was das Volk beschlossen habe.
Diese Initiative ist aber, das möchte ich betonen, nicht der einzige Treiber dieses Postulates. Auch ohne diese Initiative sieht sich die Schweizer Wirtschaft mit einem Fachkräftemangel konfrontiert, weil sich die Generation der Babyboomer Richtung Pensionierung bewegt. Das Postulat ist also nicht in erster Linie der Ausfluss einer Volksabstimmung, ihm liegt vielmehr eine ganz nüchterne Analyse der Arbeitsmarktsituation, auf die wir in vielleicht zehn Jahren zusteuern, zugrunde. Der Synthesebericht zur Studie "Angebote im Bereich beruflicher Wiedereinstieg", die das Forschungsinstitut GfS Bern im Auftrag des damaligen BBT durchführte, bringt bereits interessante Erkenntnisse.
Ich habe die Prüfung im Postulat bewusst auf Wiedereinsteigerinnen ausgerichtet, weil zurzeit vor allem Frauen aus familiären Gründen eine längere Auszeit nehmen und sich deshalb häufiger mit dem beruflichen Wiedereinstieg auseinandersetzen. Gudrun Sander, zuständig für den Lehrgang für Wiedereinsteigerinnen "Women Back to Business" an der Universität St. Gallen, und andere Experten nennen folgende Gründe, weshalb der berufliche Wiedereinstieg heute gebremst wird: mangelndes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, je länger die Abwesenheit vom Arbeitsmarkt dauert; gleichzeitig auch mangelndes Zutrauen auf Arbeitgeberseite, dass Wiedereinsteigerinnen schnell wieder Tritt fassen; Wiedereinsteigende bringen zwangsläufig ein fachliches Defizit, aber auch Vorteile in Bezug auf Motivation und ausserberufliche Lebenserfahrung mit; es wird bei Bewerbungen zu stark auf mögliche Defizite statt auf Schlüsselqualifikationen fokussiert; keine professionelle Beratung durch die RAV; keine Möglichkeit, Weiterbildungskosten steuerlich abzuziehen, solange kein Erwerbseinkommen vorliegt; keine Einarbeitungszuschüsse, keine "traineeship" und "returnship", die es den zukünftigen Arbeitgebern erlauben würden, die Rekrutierungsrisiken zu minimieren, die Stärken von Interessierten kennenzulernen usw.
Von der Prüfung erhoffe ich mir Antworten zu diesen Punkten und daraus abgeleitet ein Konzept, wie mit dieser Fragestellung umzugehen ist. Wichtig scheint mir, dass diese Abklärungen unter Einbezug der Arbeitgeber erfolgen. Die Wirtschaft muss heute mit politischer Unterstützung sicherstellen, dass wir morgen über die benötigten Fachkräfte verfügen.
Ich danke dem Bundesrat deshalb nochmals für die positive Aufnahme des Postulates und Ihnen, dass Sie bis jetzt keinen anderslautenden Antrag eingereicht haben.