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Gysin Remo · Nationalrat · 2001-12-03

Gysin Remo · Nationalrat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion · 2001-12-03

Wortprotokoll

Gute Arbeitsbedingungen sind eine zwingende Voraussetzung für ein hoch stehendes Gesundheitssystem. Wenn nun Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger auf die Strasse gehen und demonstrieren, wie das am 14. November 2001 in der ganzen Schweiz geschehen ist, so ist das ein Alarmzeichen. Das gesetzte Signal heisst "Notstand beim Pflegepersonal".

In der Tat - ich möchte die Aussagen meiner Vorrednerinnen und Vorredner unterstreichen - stehen die Pflegenden unter einem mehrfachen Druck. Sie stehen unter dem Druck der sich öffnenden Schere von immer mehr zu betreuenden Patientinnen und Patienten einerseits - mit einem immer grösser werdenden Anteil an Mehrfacherkrankungen - und einem stagnierenden oder sogar abnehmenden Personalbestand andererseits. Die Pflegenden stehen auch unter dem Kosten- und Spardruck, zugleich immer mehr und intensiver arbeiten zu müssen. Sie stehen unter dem Druck, der aus dem Paradox entspringt, dass die Spitaldirektionen und -leitungen immer mehr Autonomie und Freiheiten für sich verlangen und gleichzeitig den Spielraum für die unterstellten Arbeitsebenen immer mehr mit vorgegebenen Punkt-, Leistungs- und Kostenerfassungssystemen sowie Vorgaben aller Art einschränken. Am schlimmsten ist der Druck, die Patienten den Druck nicht spüren zu lassen. Diese vielschichtige Drucksituation muss im Interesse unseres Gesundheitssystems durchbrochen werden. Medizinische Versorgung basiert nicht nur auf ärztlichen Handlungen; auch die Pflege ist ein anspruchsvoller und eigenständiger Beruf. Es reicht nicht, sie als einen Hilfsberuf wahrzunehmen. Herr Raggenbass, ich möchte das auch für die Krankenversicherungen unterstreichen. Die Pflegewissenschaft ist eine in der Schweiz neu errungene universitäre Ausrichtung. Im Vergleich zu den USA, Grossbritannien oder den skandinavischen Ländern, aber auch Deutschland und den Benelux-Staaten hinken wir in der Anerkennung und der wissenschaftlichen Untermauerung der Pflege um Jahrzehnte hintennach.

Der Bundesrat macht es sich mit dem Hinweis auf die Kantone und mit der Hoffnung auf Selbstheilung bzw. Selbstlösung der Probleme tatsächlich zu einfach. Ich hoffe, dass der Bundesrat gelegentlich von seiner Rolle des passiven Beobachters wegkommt. Er muss vielmehr mit gesetzlichen Rahmenbedingungen sowohl im KVG wie auch im Berufsbildungsgesetz für eine bessere Situation der nicht universitären Gesundheitsberufe sorgen. Er muss die Krankenpflege im Gesundheitssystem aufwerten und die Eigenständigkeit und Attraktivität der Pflegeberufe so mitfördern. Der Bundesrat muss auch die Pflegeforschung aktiv fördern, wie dies in anderen Ländern längst der Fall ist.

Im Interesse der Gesundheitsberufe, unserer Bevölkerung und unseres guten Gesundheitssystems bitte ich Sie, die Motion Joder zu unterstützen.