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Sommaruga Simonetta · Nationalrat · 2000-03-08

Sommaruga Simonetta · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2000-03-08

Wortprotokoll

"Dies ist ein Heilmittel, lesen Sie die Packungsbeilage." Diesen Satz haben Sie bestimmt alle schon oft gehört und gemerkt, dass Sie die Packungsbeilage erst lesen können, wenn Sie die Medikamente schon gekauft haben.

Um etwas Zeit zu gewinnen, werde ich zu den beiden Artikeln 31 und 32 gleichzeitig sprechen. Bei den dazu vorliegenden Minderheitsanträgen handelt es sich definitiv um kein Heilmittel. Ich möchte Ihnen die Packungsbeilage dazu jetzt liefern.

Den Satz "Lesen Sie die Packungsbeilage, dies ist ein Heilmittel" lesen Sie bis heute nur, wenn es sich um nicht rezeptpflichtige Medikamente handelt. Genau diesen Tatbestand möchten die Minderheiten mit den Anträgen in den Artikel 31 und 32 ändern und möchten Werbung auch für rezeptpflichtige Medikamente zulassen.

Warum sind rezeptpflichtige Medikamente überhaupt rezeptpflichtig? Sie sind es deshalb, weil sie nur von einer Fachperson verschrieben werden können, weil es eine Person mit einer speziellen Ausbildung braucht, um ein solches Medikament zu verschreiben und um entscheiden zu können, ob ein Einsatz eines Medikamentes sinnvoll, notwendig oder angemessen ist. Es ist klar, dass diese Fachperson darüber informiert sein muss, was auf dem Markt läuft und welche Angebote vorhanden sind. Diese Fachpersonen sollen Informationen und Werbung erhalten können. Das können sie und sollen sie auch in Zukunft tun können. Dort, wo es keine spezifischen Fachkenntnisse braucht, bei den nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten, ist Werbung heute schon erlaubt. Diese wird auch intensiv genutzt - wir haben es gehört -, obwohl das Radio- und Fernsehgesetz noch nicht einmal entsprechend angepasst ist.

Dass jetzt die Pharmaindustrie auch für rezeptpflichtige Medikamente Werbung machen will, kann ich gut verstehen. Schliesslich sind es diese Medikamente, die die Kassen der Pharmaindustrie füllen. Von den 4,5 Milliarden Franken, die wir jährlich für Medikamente ausgeben, entfallen über 3 Milliarden Franken auf rezeptpflichtige Medikamente. Das ist der Pharmaindustrie aber offenbar noch zu wenig.

Es scheint, dass die Pharmaindustrie mit der Werbung bei den Entscheidträgern, also bei den Ärztinnen und Ärzten, an Grenzen stösst und die Industrie diese Absatzgrenzen jetzt durchbrechen will. Diese Grenzen sind offenbar auch bei den Ärztinnen und Ärzten dank einem zunehmenden Kostenbewusstsein vorhanden.

Jetzt will sich also die Pharmaindustrie mit Werbung ausgerechnet an jene Personen wenden können, die gar nicht selber entscheiden, ob die Einnahme eines solchen Medikaments sinnvoll ist oder nicht. Das ist nicht nur ein Widerspruch, sondern das ist auch gefährlich; denn Werbung ist immer dazu da, den Anreiz zum Kauf und zum Konsum anzukurbeln. Oder würden Sie etwa einen Franken investieren, wenn Sie nicht wüssten, dass dieses Geld irgendwann wieder zurückkommt - wenn möglich in doppelter Höhe? Das geschieht dann, wenn diese Anreize ausgerechnet bei jenen Leuten geschaffen werden, die gar keine entsprechenden Fachkenntnisse haben. Der Druck auf die Ärztinnen und Ärzte wird zunehmen; sie sollen Medikamente verschreiben, die beworben wurden.

Wir haben es gehört: Es ist attraktiv, man kann Medikamente wie Produkte attraktiv verkaufen. Man kann auch mit Medikamenten - wie das sonst durch die Werbung suggeriert wird - den Leuten das Gefühl geben, dass ihre Lebensqualität besser wird. Sie werden auch mit emotionaler Werbung dazu angehalten, solche Produkte zu konsumieren. Damit steigt der Druck auf die Ärztinnen und Ärzte, diese Produkte zu verschreiben. Ich bin sicher, es wird immer einen Arzt oder eine Ärztin geben, die eine solche Verschreibung macht.

Das Argument, dass die Konsumenten und Patienten dank Werbung mündig würden, gehört für mich zu der heuchlerischen Sorte. Will irgendjemand etwa suggerieren, dass die Informationen und die Werbung der Pharmaindustrie bald ein Medizinstudium ersetzen können? Solange in der Schweiz pro Jahr Medikamente im Wert von mehreren hundert Millionen Franken weggeschmissen werden - nicht nur die Medikamente, die in die Apotheken zurückgebracht werden, sondern auch jene, die daheim verschwinden; ich vermute, das haben Sie alle auch schon getan -, müssen wir jede Form von unnötigem Konsum, jede Form von Konsumanreiz in diesem Bereich verhindern.

Ich bitte Sie deshalb im Namen der SP-Fraktion, der Kommissionsmehrheit zu folgen und sowohl bei Artikel 31 als auch bei Artikel 32 die Anträge der Minderheit abzulehnen.