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Engler Stefan · Ständerat · 2015-09-09

Engler Stefan · Ständerat · Graubünden · Fraktion CVP-EVP · 2015-09-09

Wortprotokoll

Wir sprechen über den Bundesbeschluss über die Finanzhilfe an Schweiz Tourismus für die Jahre 2016-2019. Sie gestatten mir, dass ich gleich auch den Antrag der Mehrheit begründe. Es gibt, neben dem Entwurf des Bundesrates, drei Anträge. Der Bundesrat schlägt vor, die Mittel für die Jahre 2016 bis 2019 auf 220,5 Millionen Franken zu beschränken. Die Mehrheit will die Mittel um 9,5 auf 230 Millionen Franken erhöhen. Eine Minderheit will sich dem Nationalrat anschliessen, das heisst den Entwurf des Bundesrates übernehmen. Es gibt zusätzlich den Einzelantrag Minder, der die Mittel für Schweiz Tourismus auf 270 Millionen Franken erhöhen möchte.

Ich möchte mit dem Antrag der Mehrheit beginnen. Die Kommissionsmehrheit beantragt eine massvolle und verhältnismässige Aufstockung der Mittel für Schweiz Tourismus von 220,5 auf 230 Millionen Franken. Ich will meine Begründung mit einem Werbespot für das Ferienland Schweiz beginnen. Es wird ja vieles schlechtgeredet, aber wir alle machen die Erfahrung, dass es in unserem Land viele wunderbare Orte gibt, um Ferien zu verbringen. Der Schweizer Tourismus hat gewaltige Stärken: Nirgends im Alpenraum präsentiert sich die Landschaft dramatischer, nirgends ist die Vielfalt so kompakt und so greifbar wie bei uns. Die Schweiz bietet einen Erlebnisrausch - von Gletschern zu Palmen, von der Stadt aufs Land -, und das über vier identitätsstarke Kulturen hinweg. Ich weiss auch, dass die Schweiz über viele Infrastrukturen für Meetings und über Kunsthäuser der Spitzenklasse verfügt. Und diese vielen Perlen in unserem Land werden durch ein weltweit einzigartiges Transportsystem miteinander verbunden. Das Tourismusland Schweiz kann also durchaus selbstbewusst in die Zukunft blicken - allem momentanen Gegenwind zum Trotz.

Man muss wissen, dass 15,4 der 34,9 Milliarden Franken an Einnahmen aus dem Tourismus von ausländischen Gästen stammen. Etwas weniger als die Hälfte der gesamten touristischen Wertschöpfung in der Schweiz stammt also aus dem Ausland. Damit ist der Tourismus die viertstärkste Exportindustrie, was gelegentlich übersehen wird. Für die ländlichen und alpinen Gebiete ist der Tourismus sogar der wichtigste Wirtschaftszweig; Alternativen dazu gibt es eigentlich keine.

Vom Tourismus und vom Tourismusmarketing profitieren auch andere Branchen in sehr grossem Masse; ich glaube, das würden Sie alle unterschreiben. Zwei von drei Franken, die unsere Gäste ausgeben, fliessen nämlich in ganz andere Bereiche: Uhren, Bekleidung, Lebensmittel, Kultur oder öffentlicher Verkehr.

Ich nenne Ihnen noch einige Zahlen zu den Beschäftigten: Gegen 25 000 Tourismus-KMU erbringen täglich ihre Leistungen, und sie beschäftigen in der Schweiz gegen 175 000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Es soll also niemand sagen, es handle sich um einen unbedeutenden Wirtschaftszweig, den man sich selber überlassen könne.

Damit bin ich bei der Exportrelevanz des Tourismus: Als standortgebundener Wirtschaftszweig muss sich der Tourismus derzeit mit zahlreichen Herausforderungen herumschlagen. Zu diesen gehören einmal hohe Löhne, teure Lebensmittel und viele behördliche Auflagen. Seit dem Entscheid der Nationalbank ist bekanntlich ein zusätzliches Erschwernis hinzugekommen: Die touristische Schweiz ist für gegen 40 Prozent ihrer europäischen Gäste ein teures Pflaster geworden - mit unverkennbaren Folgen. 30 Prozent der deutschen Gäste hat der Schweizer Tourismus bereits in der ersten Phase der Frankenstärke ab 2011 verloren; den Verlust weiterer 13 Prozent sagt die Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich in ihrer kürzlich veröffentlichten Tourismusprognose vorher.

Zudem hält die KOF-Prognose fest, dass die Bruttowertschöpfung stärker rückläufig sein wird als die Anzahl der Logiernächte selber. Die Anfang August dieses Jahres veröffentlichte Halbjahresstatistik 2015 bestätigt diese KOF-Prognose und weist einen Rückgang von 8 Prozent der Logiernächte der Eurozonen-Herkunftsländer aus. Dass der gesamte Rückgang sämtlicher Logiernächte in allen Regionen der Schweiz nur 0,6 Prozent beträgt, darf uns keinen Moment lang beruhigen: Darin verpackt sind nämlich die Effekte der florierenden Städte, des schönen Sommerwetters und der erfreulichen Zunahme der asiatischen Gäste. Davon profitiert der Tourismus in den ländlichen und in den alpinen Gebieten aber praktisch nicht und ist darum im ersten Halbjahr mit minus 4,5 Prozent der Logiernächte auch sehr stark rückläufig. Dies wird sich im zweiten Halbjahr und leider dann auch im Winter des nächsten Jahres aufgrund der Verzögerungseffekte noch akzentuieren.

Der harte Franken trifft primär also den alpinen und ländlichen Tourismus und beschleunigt den Strukturwandel hin zu weniger, aber grösseren Einheiten. Erstmals sind aber auch erfolgreiche Betriebe an guten Standorten - und das nicht nur in Graubünden, sondern auch im Kanton Wallis und im Kanton Bern - davon betroffen. Der Städtetourismus wiederum ist dank dem soliden Geschäftsreisesegment, welches der Konjunktur und nicht der Währungsentwicklung folgt, stabiler. Dennoch werden die Währungsschwankungen aufgrund der Planungsunsicherheit einen negativen Einfluss auch auf das Seminar- und Kongressland Schweiz haben.

Der Tourismus als personenintensive und standortgebundene Branche kann keine Arbeitsprozesse in Günstigländer auslagern und profitiert kaum von Importvergünstigungen. Die Kosten können deshalb nur bedingt gesenkt werden, und für eine Preisdumpingstrategie fehlt schlicht die Marge. Für den Schweizer Tourismus existiert also nur eine Strategieoption: ein konsequenter Fokus auf Qualität, Innovation [PAGE 760] und ein virtuoses, beherztes Gastgebertum. Dass in allen drei Bereichen noch Möglichkeiten bestehen und es noch Luft nach oben hat, möchte ich nicht bestreiten.

Der europäische Mittelstand, jene Schicht also, die unseren Tourismus gross machte, bricht zunehmend weg. Dieser Mittelstand kann und will sich die Schweiz immer weniger leisten. Die Schweiz punktet in Europa aber dann, wenn die Erlebnisse differenziert anders sind. Ist die Schweiz teurer, muss sie folglich besser sein. Nur so lassen sich Preisnachteile überwinden. Konsequenterweise richtet sich Schweiz Tourismus deshalb vor allem auf jene Einkommenssegmente aus, in denen man bereit ist, für helvetische Qualität und Freundlichkeit zu bezahlen. Folgerichtig verabschiedete sich Schweiz Tourismus in Europa vom Massentourismus und bearbeitet ausgewählte, lukrative Nischen. Als motivierter Gastgeber will sich die Schweiz kompromisslos auf die Stärken konzentrieren sowie neue Potenziale wie Well Aging, Volunteering oder Bildungsferien erschliessen. Zudem vollzieht Schweiz Tourismus auch den Wandel von der Breitenansprache zum Precision Marketing. Das ist zweifellos komplex und aufwendig.

Für die anstehende Periode 2016-2019 will Schweiz Tourismus auch in Zukunft einen Beitrag zur Abdämpfung der Auswirkungen des Nachfrageschocks leisten. Beschleunigte Diversifikation in neuen Märkten bei gleichzeitiger starker Bearbeitung des Marktes der Europagäste und des Heimmarktes: So lautet die Marktstrategie.

Der von der Mehrheit unserer WAK jetzt vorgeschlagene Rahmenkredit sieht dafür eine moderate Erhöhung - wir sprechen von 2,5 Millionen Franken pro Jahr - auf neu 230 Millionen Franken vor. Damit kann Schweiz Tourismus die Frankenstärke nicht ungeschehen machen, jedoch mit rund 1,25 Millionen erwarteten zusätzlichen Logiernächten pro Jahr abdämpfen. Der Tourismus braucht den Rahmenkredit dringend, weil keine Branche so direkt und unausweichlich vom Frankenschock getroffen ist. Schweiz Tourismus ist - das wurde, glaube ich, von Kollege Schmid gesagt - das einzige Instrument des Bundes, mit dem die Nachfrageförderung kurz- und mittelfristig angekurbelt werden kann. Alle anderen Instrumente sind langfristig ausgerichtet. Der Schweizer Tourismus braucht diese kurzfristige Stimulation, um sich langfristig auf die Qualitätssicherung und die Förderung von Gastfreundschaft ausrichten zu können.

Noch ein Wort zur Wirkungsmessung: Die Wirkungsmessung für das Tourismusjahr 2013 hat gezeigt, dass Schweiz Tourismus bei 16 Prozent der Übernachtungen in der Schweizer Hotellerie und Parahotellerie die Reiseziel- und Übernachtungsentscheide direkt beeinflusste. Dies entspricht jährlich 11,1 Millionen Übernachtungen bzw. einem Umsatz von jährlich 2 Milliarden Franken. In asiatischen Märkten beläuft sich die Beeinflussungsquote von Schweiz Tourismus sogar auf über 30 Prozent. Die Erfolge von Schweiz Tourismus sind für die Hotellerie wichtig, um die Zukunft dieses wichtigen Wirtschaftszweigs zu sichern, gerade seit der Schwächung des Euros.

Es ist zweifellos erwiesen, dass die Schweiz im Winter Marktanteile verloren hat, und zwar zugunsten von Österreich und Frankreich. Gerade auch aufgrund der Ereignisse in diesem Jahr tun wir gut daran, den Rahmenkredit für Schweiz Tourismus für die Finanzperiode 2016-2019 um 9,5 auf 230 Millionen Franken zu erhöhen. Die Mehrheit der Kommission empfiehlt Ihnen, dies zu tun.

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