Minder Thomas · Ständerat · 2016-03-09
Minder Thomas · Ständerat · Schaffhausen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2016-03-09
Wortprotokoll
Wir haben mit der Annahme der Motion Engler 14.3151, "Zusammenleben von Wolf und Bergbevölkerung", das Thema aufgenommen; es braucht kein "Überschiessen", es ist aufgegleist. Vielleicht muss ich Sie in diesem Zusammenhang auch an Artikel 78 Absatz 4 unserer Bundesverfassung erinnern: Der Bund, so steht dort, "erlässt Vorschriften zum Schutz der Tier- und Pflanzenwelt und zur Erhaltung ihrer Lebensräume in der natürlichen Vielfalt. Er schützt bedrohte Arten vor Ausrottung". Diese Motion aber will den Wolf ausrotten, ihn das ganze Jahr - da hat Kollege Zanetti Recht, so steht es im Motionstext - jagdbar machen.
Bär, Luchs, Wolf und mittlerweile sogar der Schwan: Es muss nicht alles, was kreucht und fleucht, sofort abgeknallt werden. In der Schweiz gibt es keine ganzjährig jagdbaren Tierarten. Den Wolf ohne Schonzeit jagdbar zu machen bedeutet nichts anderes, als ihn ausrotten zu wollen. Wie gesagt: Dies widerspricht dem internationalen Schutz des Wolfes und ist verfassungswidrig. In der Schweiz gibt es seit langem die Möglichkeit, einzelne Wölfe abzuschiessen, wenn sie grossen Schaden angerichtet haben. Bisher wurden acht offizielle Abschüsse getätigt; für das Calanda-Rudel wurden zwei weitere Abschüsse bewilligt. Abschüsse, das wissen Sie, sind nicht ganz unproblematisch. Wird eines der beiden Alphatiere abgeschossen, so ist das Rudel führungslos und geht ziellos auf Beutefang. Dies verschlechtert die Situation. Immer wieder kommen auch Tiere natürlich um, so auch letztes Jahr zum Beispiel im Raume Zürich auf dem Bahngleis.
In der Schweiz wurden in den letzten zwei Jahren 21 Wölfe genetisch nachgewiesen. Es ist keineswegs so, dass bei jedem Waldspaziergang ein Wolf gesichtet wird oder sich in der Nähe jeder Schafherde ein Wolf befindet. Vielleicht ist den Befürwortern der Motion entgangen, dass die Bundesentschädigungen von heute 80 Prozent entfallen würden, wenn der Wolf wirklich zur jagdbaren Art würde. Ob dann die Kantone diese Lücke füllen würden, bleibt offen.
Jagd Schweiz, Pro Natura, WWF, der Schweizerische Forstverein, der Schweizer Tierschutz und viele andere Organisationen wollen den Wolf nicht ganzjährig jagdbar machen. Der Wolf ist nicht das Hauptproblem der Schafherde auf der Alp, sondern oftmals der fehlende Herdenschutz. Zu viele Tiere auf der Alp werden sich selbst überlassen oder nicht oder zu wenig geschützt; das ist das Hauptproblem. Der Schweizer Tierschutz rechnet, dass jährlich gegen 4000 Schafe wegen fehlender Aufsicht verlorengehen - und nicht wegen des Wolfes. Nicht einmal 1 Promille der gesömmerten Schafe, nämlich etwa 200 von 200 000, nimmt der Wolf - also weniger als 1 Promille. Ein weiterer Punkt, welcher ebenfalls angegangen werden muss, sind die Luderplätze, mit welchen die Jäger Füchse anlocken. Luderplätze locken jedoch nicht nur Füchse, sondern auch Wölfe an, insbesondere dann, wenn diese in der Nähe der Schafherden oder Siedlungen sind.
Ich bitte Sie daher, die Motion abzulehnen.