Baumann Isidor · Ständerat · 2016-03-09
Baumann Isidor · Ständerat · Uri · CVP-Fraktion · 2016-03-09
Wortprotokoll
Ich habe auch gelesen, dass auf der Traktandenliste von heute steht: "Fertig lustig!" Ich könnte mir gut vorstellen, dass die meisten Kolleginnen und Kollegen froh wären, es wäre fertig lustig mit den vielen Rednern. Da aber viel für den Wolf und wenig für die Geschädigten gesprochen wurde, zwingt mich das, hier auch ein paar Ausführungen zu machen.
Ich habe die Motion unterschrieben, im Wissen, dass sie weit geht. Ich habe aber auch in der Hoffnung unterschrieben, dass der Bundesrat reagiert und damit schnell - endlich - auf die hängigen Motionen, insbesondere auf die Motionen Engler und Fournier, eingehen wird. Leider ist aber in der Zwischenzeit nichts geschehen. Das Märchen geht weiter. Es regieren die Freiheit und die zu kleine Sensibilität von Einzelpersonen in der Verwaltung.
Die Politik muss leider ohne Massnahmen zuschauen. Sie ist bei diesem Thema degradiert. Ja, die Kritik, die spüre ich. Man fühlt sich ausgesetzt und meint, wir tun nichts und haben kein Verständnis und kein Empfinden für die Betroffenen und die Geschädigten. Das ist Fakt, das ist spürbar, wenn man im Berggebiet lebt: Bäuerinnen und Bauern, Jäger und andere Menschen, die der Region treu sein wollen, dort leben und für die Allgemeinheit etwas tun, fühlen sich bei diesem Thema nicht mehr ernst genommen und alleingelassen. Alpen werden bereits heute aufgegeben, und ich bin überzeugt - auch wenn ich es heute nicht beweisen kann, aber Sie werden sich daran erinnern -: Wir werden spätestens übermorgen die Zeche dafür bezahlen. Wir haben Kulturlandverlust und einen Verlust bei verschiedenen attraktiven Tourismusaktivitäten. Wir werden später aktiv Pflegemassnahmen einleiten müssen, die von der öffentlichen Hand, von Bund und Kantonen, finanziert werden müssen.
Am schlimmsten finde ich den Frust der Leute, die mich in diesen Regionen angesprochen haben. Sie sind unterschiedlich betroffen, aber haben eine Empfindung, nämlich die, dass sie nicht ernst genommen werden. Ihre Reaktion darauf ist: Sie werden passiv - passiv in öffentlichen Ämtern, sie stellen sich nicht mehr zur Verfügung. Ja, Sie schmunzeln. Das ist eine simple - aber ernstzunehmende Reaktion auf dieses Thema.
Ich habe gesagt, das Märchen gehe weiter. Genau genommen hätte ich sagen müssen: Das Märchen wird neu geschrieben, aber nicht mehr von den Gebrüdern Grimm, sondern von der Verwaltung, vom Bundesrat und von verschiedenen Organisationen. Denn es geht nicht mehr, wie früher im Märchen, um den bösen Wolf und die sieben Geisslein oder um den bösen Wolf, Rotkäppchen und die Grossmutter. Neu sind es die bösen Älpler, die bösen Bauern, die bösen Jäger und die dummen Lämmer gegen den armen Wolf. Das ist das neue Märchen.
Ich lege für meine Aussagen noch meine Befangenheit offen. Ich war vor rund zehn Jahren als Schafbesitzer von Wolfsrissen betroffen. Das ist Geschichte für mich. Ich habe mich mit diesem Ereignis abgefunden. Auch habe ich mich trotz dieser Erfahrung nie für eine Ausrottung der Wölfe eingesetzt, und ich werde auch nicht für eine Ausrottung zur Verfügung stehen. Ich bin der Meinung, es gibt Lösungen, die zu erarbeiten sind, und zwar kurzfristig, und die Rücksicht auf die Betroffenen nehmen. Vorstösse aus unseren Kreisen wären dazu tauglich gewesen. Leider sind sie nicht weiterbearbeitet worden.
Ich erzähle Ihnen nun nicht ein Märchen, sondern eine Begebenheit aus einem Bergdorf im Sommer 2015. Ich versuche das in Kurzform. Rund zwölf Älplerinnen und Älpler haben Schafe auf eine Alp aufgetrieben, 400 Tiere. Es gab ein Ereignis mit rund 30 gerissenen Schafen, ein Ereignis, bei dem jeder und jede feststellen konnte, dass es nur der Wolf gewesen sein konnte. Das reichte nicht. Es wurde eine DNA-Analyse in Auftrag gegeben. Es verstrichen vierzehn Tage. Es musste herausgefunden werden, ob es tatsächlich der Wolf war. Er war es. Es musste herausgefunden werden, [PAGE 145] ob es ein Wolf aus Italien war oder bereits ein "Secondo", also einer, der in der Schweiz aufgewachsen war. Das war die Frage. Als dieses Resultat auf dem Tisch lag, fehlte die nächste Entscheidung. Es musste zuerst abgeklärt werden, ob man jetzt trotzdem, mit dem Einverständnis des Bafu und dem Einverständnis der Kantone nach interkantonalen Absprachen - es gibt mehrere Kantone, die mitsprechen -, diesen Wolf abschiessen durfte. Es vergingen weitere vierzehn Tage. Der Entscheid war dann: Man darf. Man definierte einen Perimeter. Der endete an einem Strassenrand, und auf der anderen Strassenseite wurde der Wolf weiterhin als geschützt bezeichnet. Sind das Verhältnismässigkeiten? Das Märchen ist zu Ende, und wie heisst es am Schluss des Märchens? "Wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute." Leider muss ich Ihnen mitteilen - das hat eine DNA-Analyse anscheinend belegt -, dass dieser Wolf in Bayern einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen ist.
Mit der Zustimmung zur heute zu entscheidenden Motion wird der Bundesrat zum Handeln gezwungen. Ich traue dem Bundesrat zu, basierend auf der Motion Imoberdorf eine Vorlage zu erarbeiten, die den Wolf nicht ausrottet, aber akzeptable und praktikable Lösungen beinhaltet, mit denen Betroffene auch mit einem Restrisiko leben werden und - ich betone das - leben müssen. Wenn der Bundesrat heute sagt, er müsse die Motion wortgetreu umsetzen und könne da keine Erleichterungen einbauen, dann frage ich mich: Was hat er gemacht bei der ersten Botschaft zur Mineralölsteuer? Da hat er auch nicht wortwörtlich umgesetzt.
Damit bitte ich Sie, nehmen Sie die Motion an.