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Munz Martina · Nationalrat · 2016-09-29

Munz Martina · Nationalrat · Schaffhausen · Sozialdemokratische Fraktion · 2016-09-29

Wortprotokoll

Die Erfolgsquoten bei den Lehrabschlussprüfungen sind je nach Berufsfeld und auch Region unterschiedlich. Liegt die Erfolgsquote regelmässig bei nur 80 Prozent oder sogar tiefer, dann ist Handlungsbedarf angezeigt. Es ist für unser duales Berufsbildungssystem ein Schandfleck, wenn jeder oder jede fünfte Jugendliche nach einer drei- oder vierjährigen Lehre durch die Lehrabschlussprüfung fällt und damit ohne eidgenössisches Fähigkeitszeugnis dasteht. In gewissen Berufen ist die Durchfallquote regelmässig über 25 Prozent. Stellen Sie sich ein Gymnasium vor, das Schülerinnen und Schüler während vier Jahren ausbildet und am Schluss einen Viertel aller Lernenden durch die Matura sausen lässt. Diese Schule würde sehr schnell in Verruf geraten. Ganz anders bei der beruflichen Ausbildung: Die Lernenden werden in den Betrieben geschätzt, sie bestehen die Probezeit, werden von den Lehrbetrieben während vier Jahren ausgebildet und leisten dort gute Arbeit. Ohne erfolgreichen Abschluss ihrer Lehre erhalten sie aber den Stempel "ungelernt". Dieser Stempel darf doch den Jugendlichen nach einer absolvierten Lehrzeit nicht einfach so leichtfertig aufgedrückt werden. Das ist unfair und muss mit gezielten Massnahmen angegangen werden.

Selbstverständlich stehen die Berufsverbände und Kantone in der Pflicht, so, wie es der Bundesrat in seiner Antwort schreibt. Doch in dieser Angelegenheit schieben Bund, Kantone und Verbände den Schwarzen Peter gerne weiter. Leidtragende sind die Schwächsten in diesem System, die Jugendlichen. Diesen Missstand will ich mit diesem Postulat beheben. Der Bund steht in der Pflicht, bei Missständen einzuschreiten. Er trägt ausdrücklich die Verantwortung für die strategische Steuerung und Entwicklung der Berufsbildung.

Dazu braucht es ein Alarmsystem, das bei zweistelligen Durchfallquoten, das heisst, wenn mehr als 10 Prozent der Jugendlichen die Lehrabschlussprüfung nicht bestehen, ein Warnsignal aussendet. Kantone und Verbände sind dann ihrerseits in der Pflicht, auf diese Warnsignale zu reagieren. Sie müssen Massnahmen einleiten, damit diese hohe Durchfallquote rasch wieder auf ein erträgliches Niveau sinkt. Heute werden in einigen Branchen über Jahre oder Jahrzehnte Durchfallquoten von über 20 Prozent registriert, aber es passiert nichts. Das ist eine Verschleuderung unserer Ressourcen in der Bildung. Das gleicht auch einer Ausbeutung unserer Jugendlichen, die drei oder vier Jahre in einem Lehrbetrieb gearbeitet haben, um anschliessend als "ungelernt" in den Arbeitsmarkt entlassen zu werden.

Ich habe dieses Postulat eingereicht, weil ich als Berufsschullehrerin in der Elektrobranche Jahr für Jahr am Ende der Lehrzeit das immergleiche Drama miterleben musste. Ein Viertel der Absolventen rasselt regelmässig durch die Lehrabschlussprüfung - trotz intensiver Selektion.

Das Postulat selber hat schon einiges bewirkt. Die Verantwortlichen der Verbände und der Kantone haben den Handlungsbedarf erkannt und Massnahmen eingeleitet. Das freut mich sehr. Trotzdem ist auch in diesem Jahr die Misserfolgsquote wiederum hoch. Das zeigt, dass über längere Zeit viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, um eine entsprechende Kurskorrektur einzuleiten und erfolgreich umzusetzen, zumal man über Jahre so tiefe Erfolgsquoten als selbstverständlich hingenommen hat. Von den Automobilberufen über die Gebäudetechnikberufe, von den Gipsern bis zu den Gastroberufen - in vielen dieser Berufsfelder sind gleichzeitig auch hohe Lehrabbruchquoten zu verzeichnen. Damit stehen wir aber bereits im nächsten Problemfeld.

Der Bund steht in der Pflicht, diese Branchen zusammen mit den Kantonen zum Handeln aufzufordern. Der Bund darf dieses Schwarz-Peter-Spiel nicht mehr länger mitspielen; er steht in der Verantwortung und muss rechtzeitig die Alarmglocke läuten.