Engler Stefan · Ständerat · 2017-05-31
Engler Stefan · Ständerat · Graubünden · CVP-Fraktion · 2017-05-31
Wortprotokoll
Ich habe diesen Vorstoss aus der Besorgnis heraus eingereicht, dass die Mehrsprachigkeit und die Sprachenvielfalt in unserem Land zusehends an Wert verlieren, und ich würde das für einen grossen Verlust halten. Deshalb will ich mit diesem Vorstoss die Diskussion über Mehrsprachigkeit und Sprachenvielfalt ermöglichen.
Bekanntlich ist die offizielle Viersprachigkeit eines der bekanntesten Markenzeichen unseres Landes. Sie ist Teil unseres Selbstverständnisses und Basis der kulturellen Verständigung. Die zahlenmässige Dominanz der Deutschsprachigen, die Minderheitsposition der Französischsprachigen und der kleine Anteil der beiden anderen nationalen Sprachgemeinschaften sorgen jedoch zunehmend für Spannungen. Während die problematisierte Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften den Fokus fast ausschliesslich auf die Sprechenden der beiden grossen Landessprachen lenkt, drohen die beiden kleinen Sprachgruppen immer wieder vergessen zu gehen, insbesondere auch das halbe Prozent an Rätoromaninnen und Rätoromanen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass deren Sprechende in der Regel über sehr gute Kompetenzen in einer anderen Landessprache verfügen müssen und sich gewöhnlich anpassen. Der Sprachenalltag in der Schweiz ist somit geprägt durch die Dominanz der grossen Sprachgruppen und eine Einwegsolidarität, in welcher sich die kleinen Sprachgruppen nach den grossen ausrichten.
Dem Englischen wird in dieser Situation gerne die Rolle der neutralen Sprache zugeschrieben, die niemanden bevorzuge. Wohin das führt, hat Kollege Eder mit seiner Interpellation 17.3161, "Dominanz des Englischen in der Wissenschaft. Warum werden unsere Landessprachen vernachlässigt?", aufmerksam gemacht. Die Diskussion in unserem Rat darüber ist für übernächste Woche vorgesehen.
Bekennt man sich zu einer echten Mehrsprachenpolitik, die mehr erreichen will als bloss die angemessene Vertretung der Sprachgemeinschaften innerhalb des Bundespersonals und die Ausgewogenheit in der Verwendung unserer Landessprachen, heisst dies, sich für eine gegenseitig mehrsprachige Verständigung zu engagieren. Zentral in diesem Zusammenhang ist die Förderung der Verständigung und des Austausches zwischen den Sprachgemeinschaften, was in der Kulturbotschaft 2016-2020 ja auch Platz gefunden hat. Darin wurde die Bedeutung der Mehrsprachigkeit für den sozialen und kulturellen Zusammenhalt des Landes sogar herausgestrichen.
Was kann nun eine ausserparlamentarische, aus Vertreterinnen und Vertretern der Sprachgemeinschaften zusammengesetzte Kommission dazu beitragen? Sie könnte sich in Zeiten, in denen etwa über Frühfremdsprachen im Primarschulunterricht debattiert wird und neue Sprachbarrieren drohen, unter Beachtung der föderalen Zuständigkeiten für die Sprachpolitik prospektiv mit Fragen der Vielsprachigkeit unseres Landes auseinandersetzen und als Dialogplattform dienen: etwa indem eine solche Sprachenplattform die Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Mehrsprachigkeit frühzeitig erkennt, indem sie den Einfluss der Migration auf die vielsprachige Schweiz im Auge behält, indem sie die Rolle der Medien zur Erhaltung der Sprachenvielfalt ausleuchtet und indem auch die Relevanz der jeweiligen Dialekte innerhalb der Landessprachen für die Zugehörigkeit und Identität einer Volksgruppe erforscht und gefördert wird - ich spreche von Dialekten der deutschen, der italienischen, der französischen und selbstverständlich auch der romanischen Sprache, meiner Muttersprache. Eine solche Kommission könnte Grundlagen für die Förderung der Mehrsprachigkeit erarbeiten oder aber ganz generell das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für den Wert der Mehrsprachigkeit in unserem Land wachhalten. Was ich von dieser Kommission nicht erwarte, ist, dass sie sich etwa anstelle der Sprachorganisationen oder der Kantone in die Sprachenpolitik der Kantone einmischt oder sich sogar Kompetenzen anmassen würde.
Ich kann, Herr Bundesrat, in der Sprachenpolitik des Bundes niemanden identifizieren, der heute diese Klammerfunktion zwischen den Sprachgemeinschaften wirklich erfüllen könnte. Der Bundesrat meint, es brauche keine ausserparlamentarische Kommission, die sich mit solchen Fragen der Mehrsprachigkeit befasst. Man verfüge innerhalb der Verwaltung schon über genügend Wissen, und falls nötig, ziehe man themenspezifisch Experten bei. Ich habe meine Zweifel, ob eine solche Verwaltungssichtweise der Tragweite und dem Wert einer mehrsprachigen Schweiz wirklich Rechnung trägt. Insofern steht auch das Argument des Bundesrates, nach dem Willen des Parlamentes nicht neue ausserparlamentarische Gremien ins Leben rufen zu wollen, ziemlich hilflos da, vor allem wenn man sieht, wofür der Bundesrat selber in der Vergangenheit solche Kommissionen und Plattformen gebildet hat. [PAGE 393]
(discurra surmiran) I vala da s'engaschar per la plurilinguitad da nossa terra. Sia valita paisa grev per la solidaritad, convivenza ed appartegnientscha.
Ich bitte Sie also, diesem Vorstoss zuzustimmen und damit einen kleinen Beitrag zu leisten, damit die Mehrsprachigkeit, die Sprachenvielfalt in unserem Land eine Plattform erhält, auf der sich die verschiedenen Sprachgemeinschaften einbringen sollen.