Glanzmann-Hunkeler Ida · Nationalrat · 2017-06-15
Glanzmann-Hunkeler Ida · Nationalrat · Luzern · CVP-Fraktion · 2017-06-15
Wortprotokoll
Von den Kindern wechseln wir nun zu den älteren Menschen. In letzter Zeit wurde vermehrt über Gewalt in Heimen berichtet. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass dies sicher nur wenige Heime betrifft respektive dass da über Einzelfälle berichtet wurde. Denn ich habe bei der Betreuung meiner Schwiegermutter und meines Vaters im Heim sehr gute Erfahrungen gemacht. Nie hätte ich auch nur ansatzweise den Einsatz von Gewalt gespürt oder gesehen, und ich habe oft über die Geduld der Pflegenden gestaunt.
Trotzdem ist es leider ein Thema, das wir in unserer Gesellschaft nicht ausblenden dürfen. Meistens werden Extremsituationen aufgezeigt, wenn man auf ein Thema aufmerksam machen will. Gewalt im Alter ist mit vielen Problemen verbunden. Die Zeit für Pflegeaufgaben wird immer mehr verkürzt; [PAGE 1171] die Betreuung bezieht sich auf minutiöse Pflege; es müssen in immer grösserem Ausmass administrative Aufgaben erledigt werden. Das lässt kaum mehr Raum für Gespräche mit den Betreuten und mit den Angehörigen. Ältere Menschen können dann mit Unzufriedenheit reagieren, Pflegende können an ihre Grenzen stossen, weil die Situation für sie oft auch nicht zufriedenstellend ist. All dies trägt dazu bei, dass man schneller gereizt ist und überfordert reagiert. Mit Gewalt zu reagieren ist keine Lösung und darf auch nie toleriert werden.
Gewalt im Alter zeigt sich aber nicht nur in Heimen, wo sie vielleicht sogar noch schneller öffentlich wird. Gewaltanwendung findet gerade auch zu Hause statt, wenn Angehörige, die oft jahrelang ihre Eltern oder ihre Partner pflegen, ganz einfach überfordert sind. Diese Gewalt muss nicht immer physisch sein, sie kann durchaus auch psychisch angewandt werden. Entzug von Liebe und gemeinsamer Zeit kann von kranken Menschen oft nicht nachvollzogen werden, und sie ziehen sich entweder zurück oder reagieren mit Frust. Manchmal ist dies für Pflegende aber auch ein Schutz, weil sie selber nicht mehr fähig sind, jeden Tag, meist während 24 Stunden, die Kraft aufzubringen, immer da zu sein. Wenn kranke Menschen infolge der Überforderung der Pflegenden vernachlässigt werden, kann dies schwerwiegende Folgen haben, bis hin zur Vereinsamung oder zu körperlichen Krankheiten.
Der Umgang mit häuslicher Gewalt wird über das Gesetz geregelt, vor allem was partnerschaftliche Beziehungen angeht. Häusliche Gewalt wird im Zusammenhang mit Familien thematisiert. Häusliche Gewalt durch Pflegende und ganz besonders im Zusammenhang mit älteren Menschen ist immer noch ein Tabuthema. Oft können sich Betroffene nicht äussern und ganz besonders nicht an die Öffentlichkeit treten, und für Nahestehende ist es schwierig, Gewalt nachzuweisen - oder man will nicht darüber sprechen.
Die Diskussion über die innerste Sicherheit darf nicht im privaten Bereich bleiben. Der Staat darf hier die Augen nicht verschliessen. Der Bundesrat weist in seinen Stellungnahmen zu meinen Vorstössen auf zwei Vernehmlassungsvorlagen vom Oktober 2015 hin. Aber auch darin wird häusliche Gewalt allgemein thematisiert, wobei besonders ältere Menschen mit ihren Problemen nicht wahrgenommen werden.
Meine Frage an den Bundesrat ist denn auch: Ist das Interesse, eine gemeinsame Hotline zu verwirklichen, noch vorhanden? Angehörige und Betroffene müssen kurze und einfache Wege haben, um Hilfe und Unterstützung zu holen. Die Kraft, dafür mehrere Wege gehen zu müssen, fehlt oft. Ebenso sind Leute, die Unterstützung brauchen, oft nicht in der Lage, diese auf einem komplizierten Weg einzuholen oder sich lange damit auseinanderzusetzen, wer denn nun helfen könnte. Eine Hotline wäre ein guter Weg. Der Umstand, dass es viele verschiedene Organisationen gibt, die heute Hilfe anbieten, trägt nicht dazu bei, die Wege zu vereinfachen. Als Präsidentin einer kantonalen Pro-Senectute-Organisation weiss ich, dass viele ältere Menschen mit ihren Problemen zur Pro Senectute kommen. Trotzdem würde ich es begrüssen, wenn es eine einheitliche Hotline gäbe, die einfach und klar Auskunft geben und damit für die Lösung solcher Probleme zur Verfügung stehen würde. Ich denke aber, dass dank eines Anstosses des Bundes die Organisationen vielleicht aktiv werden könnten.
Ich begrüsse jedenfalls, dass man einen kurzen Bericht verfasst, der sich auf die Gewalt im Alter fokussiert, und dass man sich die Mühe nimmt, mit aktuellen Zahlen aufzuzeigen, was der Bund zum Thema Gewalt im Alter konkret macht, und Wege aufzuzeigen, wie man die Leute informieren und sensibilisieren kann.
Ihre Stellungnahme, Herr Bundesrat, befriedigt mich nicht, da sie sich sehr auf die häusliche Gewalt im Allgemeinen bezieht. Ich hätte aber konkrete Aussagen zur Gewalt im Alter erwartet. Darum halte ich an meinem Postulat fest. Die Motion 15.3946 ziehe ich zurück. Prävention kann nämlich nur erfolgen, wenn gute und ausführliche Unterlagen zum Thema Gewalt im Alter vorliegen. Hierzu würde das Postulat bestens dienen.[GZ]
Ich bitte Sie, mein Postulat anzunehmen.