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Rieder Beat · Ständerat · 2017-12-11

Rieder Beat · Ständerat · Wallis · CVP-Fraktion · 2017-12-11

Wortprotokoll

Ich falle gleich mit der Tür ins Haus: Wir stehen ja kurz vor Weihnachten, und da könnte man sich ein Weihnachtsgeschenk wünschen. Ich wüsste für das Alpenland Schweiz ein wunderbares Weihnachtsgeschenk, nämlich ein Murgangbulletin analog dem Lawinenbulletin der Schweiz.

Ich versuche, Ihnen nun zu erklären, wieso dieses Weihnachtsgeschenk für die Schweiz und für das Berggebiet so wichtig wäre. Wir haben in der Antwort auf meine Interpellation zu Recht vernommen, dass der Bundesrat mit dem Projekt Owarna das Problem der Warnung vor Naturgefahren ernst nimmt und mit Hochdruck an einer Weiterentwicklung der Gefahrenwarnung arbeitet. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob man die Stossrichtung der Interpellation richtig verstanden hat, da in der Antwort des Bundesrates verschiedentlich darauf hingewiesen wird, dass eine Warnung für Massenbewegungen - analog dem Lawinenbulletin - nie alle Ereignisse zeitlich und räumlich genau vorhersagen könnte und daher keine entsprechend detaillierte Warnung abgegeben werden könne. Hier scheint mir doch, dass diese Aussagen des Bundesrates weit über das Ziel der Interpellation hinausschiessen.

Wir kennen alle das nationale Lawinenbulletin. Dieses hat weltweit einen hervorragenden Ruf und wird tagtäglich von Tausenden von Personen genutzt, obwohl es räumlich keine präzisen Vorhersagen macht und die Lawinen auch nicht auf den Punkt genau voraussagen kann. Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) beschreibt die Lawinengefahr mit einer fünfteiligen europäischen Lawinengefahrenskala. Dabei hängt die Gefahrenstufe von verschiedenen Grössen ab, insbesondere von der Auslösewahrscheinlichkeit von Lawinen, der Verbreitung der Gefahrenstellen und der Lawinengrösse. Eine Gefahrenstufe gilt aber immer nur für eine Region und nicht für ein bestimmtes Ereignis oder einen Einzelhang. Die im Lawinenbulletin beschriebene Gefahrenstufe ist immer eine Prognose.

Das Lawinenbulletin macht eine flächendeckende, allgemeine Warnung in den fünf bekannten Gefahrenstufen gering, mässig, erheblich, gross und sehr gross - und genau darum geht es mir auch bei meiner Interpellation. Analog zum Naturereignis Lawine könnte man eben auch die Murganggefahr mit einer Gefahrenskala auf dem Naturgefahrenportal des Bundes veröffentlichen. Dabei ist eine zeitlich und räumlich genaue Vorhersage eines Murgangs gar nicht notwendig; das Lawinenbulletin orientiert sich ja auch nur an der Auslösewahrscheinlichkeit in einer Region und geniesst trotzdem Weltruf.

Der Inhalt der Interpellation zielt auf ein Murgangbulletin und nicht, wie es aus der Antwort des Bundesrates herauszulesen wäre, auf eine Vorhersage jeder potenziellen Massenbewegung in den Alpen. Dass namentlich Steinschläge, Blockstürze und zum Teil auch Felsstürze schwierig vorherzusagen sind, dürfte wohl jedermann klar sein, der sich in den Schweizer Alpen bewegt. Ich begrüsse daher die wissenschaftliche Weiterentwicklung bei der Erforschung von Murgängen und den Auslösemechanismen von Murgängen. Diese Projekte sind vorzüglich und können am Ende selbstverständlich zur besseren Vorhersage eines solchen Naturereignisses beitragen.

Mir geht es aber um den Praktiker vor Ort. Der Praktiker vor Ort muss in Kürze und zum Teil in weniger als dreissig Minuten einen Entscheid über Leben und Tod treffen, und zwar ex ante. Ihm stehen keine oder nur wenige Online-Messdaten zur Verfügung, im Gegensatz zu den Wissenschaftern. Da würden eben Faustregeln oder eine regionale Murgangvorhersage genügend helfen. Konkret ist eine Murgangvorhersage gefordert, welche zwar die Disposition, soweit bekannt, berücksichtigt, aber vor allem den bisherigen Niederschlag sowie die kurz- und mittelfristige Entwicklung von Niederschlag und Temperatur berücksichtigt - und Sie verfügen über alle Daten, Sie haben die besten Hydrologiedaten der Welt, die besten Geologiedaten der Welt und die beste Meteorologie.

Der Bundesrat meint, dass im Fall von schnellen Murgängen automatische Alarmsysteme notwendig sind. Weit effizienter wäre es meines Erachtens, einen Bruchteil der Mittel für diese Alarmsysteme in eine effiziente Murgangvorhersage zu investieren. Es gäbe für den Praktiker vor Ort viele praktische Anwendungsmöglichkeiten von Murganggefahrenstufen.

In diesem Sinne schwebt dem Interpellanten nicht etwa ein hundertprozentiger Schutz vor Murgängen oder vor Massenbewegungen in den Bergen vor, sondern ein Warnsystem analog dem Lawinenbulletin, welches von jedem Praktiker, von jedem Alpinisten, von jeder Person, welche sich in den entsprechenden Gebieten bewegt, abgerufen und eingeordnet werden kann. Selbstverständlich gibt ein solches Warnsystem nicht etwa die Gewissheit, gegen die Risiken solcher Ereignisse gefeit zu sein. Davon will auch niemand reden, sondern es wäre eine Entscheidhilfe im praktischen Alltag. Ich wäre daher froh, wenn der Bundesrat das Anliegen in diesem Sinne weiterverfolgen könnte und analog dem schweizerischen Lawinenbulletin ein schweizerisches Murgangbulletin entwickeln und auf dem Naturgefahrenportal des Bundes aufschalten würde. Dem Alpenland Schweiz fehlt ein Murgangbulletin analog dem Lawinenbulletin. Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass die zukünftige höchste Gefahr in den Bergen der Murgang ist und nicht mehr die Lawine. Ich wünsche daher vor allem eine Antwort auf die vierte Frage meiner Interpellation. Ich möchte wissen, ob der Bundesrat kurzfristig - nicht mittel- oder langfristig, sondern kurzfristig - bereit ist, mit einem solchen Murgangbulletin voranzumachen.