Büchel Roland Rino · Nationalrat · 2018-03-01
Büchel Roland Rino · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2018-03-01
Wortprotokoll
Ich bin gegen die Initiative und gegen den Gegenvorschlag. Ich habe den vielen Pro-Voten heute gut zugehört und bin jetzt noch überzeugter, als ich es vorhin war, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die Initianten möchten - ich zitiere - der Schweiz eine starke Velokultur geben. Sie, Frau Allemann, haben das auch hier im Rat gesagt und betont. Ganz ehrlich, ich bin fast schon allergisch darauf, wenn jemand anderen Leuten eine Kultur geben will. Eine Kultur, davon bin ich überzeugt, muss sich entwickeln. Die kann man dem Menschen nicht aufzwingen, auch eine "Velokultur" nicht.
Seit ich Mitglied dieses Rates bin, habe ich die Strecke zwischen Oberriet im St. Galler Rheintal und Bern - ich weiss es nicht mehr ganz genau - neun- oder zehnmal mit dem Velo zurückgelegt. Dabei benutzte ich einmal ein Mountainbike und einmal ein siebzig Jahre altes Militärvelo. Dieses Vehikel hat übrigens etwas, wovor vielen in diesem Raum offenbar graut. Es hat einen Rücktritt. Das war ein kleiner Scherz. Der Ritt auf dem Condor war übrigens die lustigste aller Fahrten. Auf dem ganzen Weg war es immer kälter als null Grad, und Frau Holle war an jenen beiden Tagen sehr fleissig: Es hatte mindestens zwanzig Zentimeter Schnee. Man kann also auch bei Schnee Velo fahren - dies an diejenigen, die meinten, es ginge nicht. Das war im November 2010. Meistens fuhr ich die Strecke mit einem sogenannten Halbrenner, einem Velo mit Gepäckträger und so. Je nach Route betrug die Distanz zwischen 250 und 400 Kilometern. Die Fahrt dauerte - ich habe es gesagt - einen oder zwei Tage, je nach verfügbarer Zeit, Lust und Laune. Es war nicht immer kalt, manchmal war es sehr heiss, aber es war immer cool.
Frau Munz, wahrscheinlich meinen Sie mit "Bike to work" so etwas wie diese Fahrten. Wenn man unser Tun hier als Arbeit bezeichnet, dann scheint der Begriff zu passen.
Frau Rytz, mir kam auf den Fahrten sogar das eine oder andere Votum in den Sinn, aber so weit wie Herr Einstein, der die Relativitätstheorie offenbar auf dem Velo entwickelt hat, werde ich es nie schaffen, selbst wenn ich eine Million Kilometer fahre wie Herr Cattaneo. Es wird natürlich nie so weit kommen.
Aber ganz ehrlich gesagt: Das eine oder andere Votum heute Morgen kam mir schon relativ theoretisch vor. Was immer wir heute beschliessen, wir werden damit, Herr Glättli, das Klima nicht retten, und wir werden auch, Frau Munz, nicht Gleichberechtigung herstellen. Da müssen wir uns schon ein bisschen in Bescheidenheit üben.
Aber zurück zum Velo: Ich hatte es schon einfacher als Herr Cattaneo, als er mit dem Velo kam, weil die Alpen höher sind als die Berge zwischen Osten und Westen. Ich konnte immer über mehr oder weniger flaches Gelände hierher. Ich geniesse das Velofahren nicht nur auf diesen Fahrten, ich geniesse es seit fünfzig Jahren. Aber warum geniesse ich es? Gerade weil mir niemand sagte, ich müsse Freude daran haben. Ich habe einfach Freude daran. Ich will es mir nicht aufzwingen lassen. Ich will mir nicht von jemandem eine "Velokultur" aufoktroyieren lassen. Ich will einfach Velo fahren und Spass daran haben.
Kollege Hardegger, so schön wie Joe Dassin werde ich nie singen können, sicher nicht auf dem Velo und auch nicht nachher unter der Dusche. Aber die Velowege in der Schweiz sind hervorragend. Das Land ist hervorragend erschlossen. Was verzapfen Sie da von Veloentwicklungsland? Ich habe in zwanzig Ländern gearbeitet. Ich kann Ihnen sagen, es gibt in diesem Bereich schon noch gewisse Entwicklungsländer. Wenn Sie Rom usw. als Veloparadiese erwähnen, dann weiss ich wirklich nicht, auf welchem Planeten Sie leben.
Wenn es noch die eine oder andere Lücke im Velowegnetz gibt, dann soll sie von den Kantonen oder den Gemeinden geschlossen werden. Das ist doch überhaupt kein Problem. Aber was sagt die Initiative? Der Bund habe dafür zu sorgen, dass der Verkehr unter anderem kinderfreundlich werde. Ich bin überzeugt, dass es eben genau nicht der Bund ist, der das tun muss. Es ist eben genau nicht der Bund, der diese Aufgabe hat.
Damit komme ich zum Schluss und sage ganz klar: Entweder nützt es nichts, oder es kostet. Das sind mindestens zwei Gründe, um gegen die Initiative und gegen den Gegenvorschlag zu sein.