Lexipedia

Gugger Niklaus-Samuel · Nationalrat · 2018-09-19

Gugger Niklaus-Samuel · Nationalrat · Zürich · CVP-Fraktion · 2018-09-19

Wortprotokoll

Die Motion "Kinder und Jugendliche vor der Tabakwerbung in den klassischen und digitalen Medien schützen" will - ganz simpel - möglichst schnell eine Lücke schliessen, eine Lücke, die es der Tabakindustrie ermöglicht, Jugendliche nicht nur in den klassischen Medien mit tabak- und nikotinhaltigen Waren zu bewerben, sondern auch im schnell wachsenden Markt der digitalen Medien.

Um die Jugend vor den verheerenden Auswirkungen der Nikotinsucht zu schützen, muss Werbung für Tabakprodukte und E-Zigaretten aus Print- und Online-Produkten verbannt werden, wenn diese für Minderjährige leicht zugänglich sind. Ganz wichtig: Mit "leicht zugänglich" meine ich Werbeträger, welche weder über Bezahlabonnemente noch über eine andere Form der persönlichen Identifizierung verfügen. Nur um die geht es in der Motion.

Welche Werbung meine ich? Dass es sich bei der Werbung in den klassischen Medien vor allem um die Zigaretteninserate in den Gratiszeitungen und -magazinen handelt, die von Zehntausenden von Teenagern gelesen oder wenigstens angeschaut werden, ist uns allen klar. Aber was müssen wir uns unter "digitalen Medien" vorstellen?

Die Online-Medien umfassen heute neben der schon fast altmodischen Website das ganze Web 2.0: die Welt der[NB]Social Media und Apps. Wir reden hier beispielsweise von sogenannten Influencern, die über Facebook, Snapchat, Instagram oder Vero mit Text, Bild und Video Werbung für trendige E-Zigaretten machen. Bald wird die Schweiz - nicht nur die digitale - mit Werbung für Juul überschwemmt, eine total hippe E-Zigarette, unter anderem deretwegen die US-amerikanische Food and Drug Administration diese Woche von einer Epidemie gesprochen hat. Gemeint sind auch "lustige" Apps im App-Store, wo beispielsweise Tabakmischungen für Shishas bewertet werden können, wo man seine Fotos mit Raucheffekten aufpeppen kann oder wo junge Menschen virtuelle "E-Zigis" rauchen können.

Natürlich ist es die Aufgabe der Eltern, dafür zu sorgen, dass ihre Kinder nicht mit Rauchen anfangen. Aber wir sollten für Eltern faire Bedingungen schaffen und nicht zulassen, dass die Tabakindustrie ihnen bei ihren Erziehungsbemühungen aus allen Rohren in den Rücken schiesst und Werbeknüppel zwischen die Beine wirft.

Fakt ist: Zwei von fünf Teenagern schauen die Gratiszeitung "20 Minuten" an. Fakt ist: Teenager verbringen täglich mehrere Stunden in den Social Media. Fakt ist: Rund ein Viertel der Teenager raucht. Fakt ist: Von 1000 Personen, die als Jugendliche zu rauchen beginnen und als Erwachsene weiterrauchen, sterben 250 zwischen dem 35. und 69. Lebensjahr und 250 nach dem 70. Lebensjahr an tabakbedingten Krankheiten.

Fakt ist auch, dass Halb- und Unwahrheiten in die Welt gesetzt werden: Unter dem Logo des angesehenen Gewerbeverbandes kursiert im Rat ein Papier, in dem allen Ernstes behauptet wird, die einheimische Werbeindustrie würde mit einer Annahme der Motion gegenüber ausländischen Konkurrenten einseitig benachteiligt, da wir einen solchen Artikel bei Produkten und Internetseiten aus dem Ausland nicht durchsetzen könnten. Das müssen wir gar nicht! Wir alle wissen es, und Sie auch, Herr Bigler, Sie kennen genauso gut wie ich die EU-Richtlinie über Tabakwerbung und -sponsoring von 2003: EU-weit gilt in Zeitungen und Zeitschriften, im Radio sowie im Internet ein Tabakwerbeverbot. Ich frage Sie also: Von welcher ausländischen Konkurrenz sprechen wir?

Vermutlich gibt es hier im Saal einige Kolleginnen und Kollegen, welche sich von Fakten und Zahlen nicht beeindrucken lassen, weil sie sie einfach nicht glauben wollen. Als EVPler kann ich Ihnen aber versichern: Hier geht es nicht um Glauben, sondern um Zahlen und Zusammenhänge, die das Offensichtliche zeigen. Hinter den Zahlen stehen Menschen und ganz viele Einzelschicksale: Jährlich sterben in der Schweiz etwa 9000 Menschen an den Folgen der Nikotinsucht. Es braucht grosse Werbeanstrengungen, um die verlorene Kundschaft zu ersetzen. Jugendliche stehen deshalb ganz besonders im Fokus der Tabakwerbung.

In diesem Zusammenhang noch ein Wort an all diejenigen, die sich Gedanken zur Cannabis-Prävention machen: Wenn wir es schaffen, die Jugendlichen vom Einstieg ins Rauchen abzuhalten, wird sich die Cannabisthematik ganz gewaltig verkleinern, denn die allermeisten Jungen, die mit Kiffen beginnen, haben vorher mit herkömmlichen Zigaretten begonnen.

All die Tausende von Kindern und Jugendlichen, die von tödlichen Raucherkrankheiten verschont bleiben, danken für Ihre Unterstützung.

Gugger Niklaus-Samuel · Nationalrat · 2018-09-19 | Lexipedia | Lexipedia