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Kälin Irène · Nationalrat · 2019-06-05

Kälin Irène · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2019-06-05

Wortprotokoll

Mit meiner Motion möchte ich das Verschliessen der Zitzen der Kühe an Viehschauen verbieten: weil ein total überladenes Euter ein fragwürdiges Schönheitsideal ist, weil Kühe heute für dieses Schönheitsideal leiden, weil man sie an Viehschauen absichtlich leiden lässt, weil mit dem Leiden der Kühe die Tradition der Viehschauen zunehmend in Verruf gerät und weil es nicht angeht, dass mit Bundesgeldern Viehschauen finanziert werden und man beim Tierwohl einfach ein Auge zudrückt oder wegschaut.

Ich möchte vorwegschicken, dass ich absolut nichts gegen die Tradition der Viehschauen habe, solange das Tierwohl nicht beeinträchtigt wird. Im Gegenteil: Viehschauen sind nicht nur Teil der Schweizer Kulturtradition, sondern auch eine wichtige Plattform für die einheimische Viehzucht. Was ist nun das Problem?

Das wichtigste Kriterium an einer Milchviehschau ist das Euter - ein grosses Euter, ein riesiges Euter. Deshalb werden die Tiere vorher nicht mehr regelmässig gemolken, sondern die Zeit zwischen dem Melken wird ausgedehnt. Verschiedene Züchter dehnen diese so sehr aus, dass die Milch aus dem übervollen Euter zu tropfen beginnt. Das Abfliessen der Milch, was Erleichterung für die Kuh bringen würde, ist aber [PAGE 894] unerwünscht. Um gute Wettbewerbsnoten zu erzielen, verschliesst man also die Zitzen, denn für die perfekte Symmetrie und ein überladenes Euter darf die Milch nicht ausfliessen. Kann die Milch nicht ausfliessen, leidet die Kuh. Sogar Sekundenkleber kam zum Einsatz, bis dieser verboten wurde. Aber nicht nur das Verkleben der Zitzen mit Sekundenkleber ist qualvoll, sondern jegliches Verschliessen der Zitzen gefährdet die Gesundheit der Kühe. Denn es ist nicht der Kleber an sich - es gibt nun ein Verbot des Einsatzes von Sekundenkleber - der Schmerzen bereitet, sondern die Tatsache, dass die Euter überfüllt sind und die Milch nicht abfliessen kann.

2017 gab es eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen sowie der Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter betreffend die Eutergesundheit an Viehschauen. Die Forscher arbeiteten mit Ultraschall. Das Ergebnis: Von 321 untersuchten Kühen an vier grossen nationalen Viehausstellungen wiesen 72, also 23 Prozent bzw. jede fünfte Kuh, ein Euterödem auf. Euterödeme sind aber nur die Spitze des Eisbergs, denn bis ein Ödem vorliegt, hat die Kuh bereits mehrere Stunden gelitten. Weitere Folgen überladener Euter sind verhärtete Euter, Schmerzen, erhöhte Zellzahlen, vermehrter Milchfluss, Entzündungen, Gewebeschäden am Euter, Abduktion der Hinterbeine beim Gehen und erhöhte Werte von Stresshormonen im Blut der Kühe. Entsprechend hoch ist der Medikamenteneinsatz: Entzündungshemmer, Antibiotika und Hormone sind an der Tagesordnung.

Da kann man nur sagen: furchtbar. Das schadet dem Ruf der Viehschauen, das schadet dem Ruf all jener Züchter, die das Tierwohl an die erste Stelle setzen, was eine Mehrheit tut. Es schadet auch dem Ruf der Milchwirtschaft, und es schadet dem Ruf aller Milchbäuerinnen und -bauern in unserem Land.

Nun steht der Vorwurf im Raum, ich sei ja selber keine Bäuerin und hätte keine Ahnung. Mit Verlaub, liebe Bauern hier im Saal: Jede Mutter, die je einen Milchstau oder eine Mastitis hatte, kann sich sehr wohl vorstellen, was ein Euterödem ist. Fragen Sie Ihre Frauen.

Zudem glauben einige, die Branche müsse dieses Problem selber in den Griff kriegen. Ja, ich gebe Ihnen Recht: Das müsste sie. Das tut sie aber nicht. Sogar Sekundenkleber war an der Tagesordnung, und es musste ein Verbot gesprochen werden. Einige überehrgeizige Züchter gewichten ein fragwürdiges Schönheitsideal von übervollen Eutern offenbar auch heute noch höher als das Tierwohl, obwohl sie täglich mit Tieren zu tun haben. Sie werden ganz offensichtlich von der Branche gedeckt statt zur Vernunft gebracht. Wäre dies nicht der Fall, wäre auch die heute vorliegende Motion überflüssig.

Es kann nicht sein, dass unsere Kühe an Schönheitswettbewerben leiden müssen. Wenn der Bund die Viehschauen schon subventioniert, so soll er auch dafür besorgt sein, dass diese ohne tierquälerische Praktiken über die Bühne gehen. Genau das will meine Motion: Viehschauen ja, Zitzen verschliessen nein.

Ich danke Ihnen, wenn Sie meine Motion annehmen.