Meyer Mattea · Nationalrat · 2019-09-11
Meyer Mattea · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-09-11
Wortprotokoll
Acht Stunden - acht Stunden! - arbeitsfrei kriegt ein Mann, wenn sein Baby auf die Welt kommt und sein Leben auf den Kopf stellt. Oder anders gesagt: Wir stellen es für einen Mann auf dieselbe Stufe, wie in eine neue Wohnung zu ziehen; für beides gibt es einen Tag frei. Einen Tag frei für den Vater heisst aber auch: Wir lassen Mütter nach nur 24 Stunden mit ihren Nachwehen und ihrem Nachwuchs alleine - auch dann, wenn schon ältere Kinder da sind. Das ist eine unglaubliche Geringschätzung gegenüber dem, was eine Mutter in diesem Moment leistet. Einen Tag frei für den Vater heisst auch: Es ist uns eigentlich egal, wie das Kind eine Beziehung zum Vater aufbauen kann. [PAGE 1468]
Noch wirkungsvoller könnte die traditionelle Rollenzuschreibung nicht zementiert werden; denn sobald der Vater wieder zurück bei der Arbeit ist, nimmt der Alltag zu Hause dann seinen Lauf. Wer den ganzen Tag mit dem Kleinkind verbringt, lernt schnell, ob es weint, weil es Hunger hat oder weil der Bauch wehtut. Wer im Stundentakt Windeln wechselt, weiss, wann diese aufgebraucht sind und wann der Strampler zu klein geworden ist, und wer zu Beginn bei jedem Mucks die angefangene Tätigkeit unterbricht, wird das wohl auch dann tun, wenn beide zu Hause sind. Die Gefahr ist sehr schnell da, dass diese anfängliche Rollenzuteilung auch dann noch den Alltag bestimmt, wenn beide längst wieder arbeitstätig sind. Da ist der eine Elternteil, der die Hauptverantwortung trägt, die Routine kennt, alles organisiert, dort der andere, der unterstützt, der sich in der zweiten Reihe zurücklehnen kann. Der Vorsatz der gleichberechtigten Elternschaft wird schneller als gewollt auf die Probe gestellt.
Deshalb ist es eben so zentral, dass beide Elternteile von Beginn an gemeinsam und gleichwertig diese Verantwortung tragen können. Viele Väter können bereits heute mehr als einen Tag zu Hause bleiben, weil sie einen Arbeitgeber haben, der die Zeichen der Zeit erkannt hat und einen Vaterschaftsurlaub gewährt, oder weil sie es sich leisten können, unbezahlten Urlaub zu nehmen. Das Nachsehen haben aber diejenigen Mitarbeiter in KMU, die den Vaterschaftsurlaub nicht aus der Firmenkasse berappen können. Sie sind auf eine gesetzliche Regelung angewiesen, die über die Erwerbsersatzordnung finanziert wird. Deswegen verstehe ich eben auch diesen vehementen Widerstand des Gewerbeverbands nicht, es sei denn, dass er ideologisch begründet ist.
Und das Nachsehen haben all die Familien, die sich unbezahlten Urlaub nicht leisten können. Benachteiligt sind aktuell aber auch alle Frauen. Sie erleben eine Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, weil nur sie unter Verdacht stehen, länger abwesend zu sein, wenn ein Kind auf die Welt kommt.
Ein 4-wöchiger Vaterschaftsurlaub ist das Mindeste und kann nur der erste, überfällige Schritt sein. Was es eigentlich braucht, ist eine Elternzeit. Wir haben von verschiedenen Modellen gehört, nicht von zweihundert unterschiedlichen. Wir haben von konkreten Modellen gehört, zum Beispiel von 38 Wochen, wobei je 14 Wochen für den Vater und die Mutter reserviert und 10 Wochen frei einteilbar sind. Solche Modelle sind in anderen Ländern längst eine Selbstverständlichkeit. Die Schweiz wäre auch mit einem 4-wöchigen Vaterschaftsurlaub nicht vorne mit dabei. Aber der Anfang wäre dann immerhin einmal gemacht - herzlich willkommen im 21. Jahrhundert!
Auch mit einem Vaterschaftsurlaub oder einer Elternzeit bleibt eine gleichberechtigte Elternschaft eine Herausforderung - wir kennen das -, gerade weil die Schweiz alles andere als ein familienfreundliches Land ist. Aber mit einer Elternzeit wäre es wenigstens nicht nur den privilegierten Paaren vorbehalten, sich unbezahlten Urlaub leisten zu können.
Erlauben Sie mir noch eine Bemerkung zum Schluss: Jedes Jahr gehen junge Männer drei Wochen in den Wiederholungskurs der Armee. Niemand und schon gar nicht Ihre Seite schreit auf, dass das volkswirtschaftlich nicht finanzierbar sei und die Unternehmen das nicht organisieren könnten. Aber einen 4-wöchigen Vaterschaftsurlaub sollen wir uns nicht leisten können, er soll organisatorisch nicht machbar sein? Wollen wir wirklich unseren Kindern das Signal senden, dass es für uns als Gesellschaft wichtiger ist zu lernen, wie man auf Menschen schiesst, und es weniger wichtig sein soll zu lernen, wie man von Anfang an für sein Kind da sein kann? Ich bin überzeugt: Wir sind eine bessere Gesellschaft, wenn die Väter präsenter sind, und wir sind auch eine friedlichere Gesellschaft.
In diesem Sinn bitte ich Sie, die Initiative zur Annahme zu empfehlen.