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Kälin Irène · Nationalrat · 2019-09-18

Kälin Irène · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2019-09-18

Wortprotokoll

Unsere Kommission, die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, diskutiert immer wieder über Chancengleichheit in unserem Bildungssystem. Dabei sind wir uns einig, dass Bildung unser wertvollstes Kapital ist: Bildung ist entscheidend für die Zukunft unserer Kinder und das Wohlergehen unseres Landes.

Chancengleichheit ist ein Grundauftrag und eine Grundstütze unseres Bildungssystems. Jeder und jede soll ungeachtet der Herkunft, des Geschlechts oder des Portemonnaies der Eltern dieselben Chancen haben. Dass dabei wohl kein Bildungssystem totale Chancengleichheit schaffen kann, ist eine Tatsache, die uns jedoch nicht davon befreit, das Mögliche zu tun, damit jeder und jede die bestmöglichen Chancen kriegt und sein Potenzial nach besten Möglichkeiten entfalten kann. Das sind wir jedem Kind schuldig und uns als Land, das auf die Zukunft unserer Kinder und deren gute Bildung baut.

Die Frage, die sich unserer Kommission stellte, ist, ob unser Bildungssystem so wenig ungerecht ist wie möglich. Und diese Frage muss heute leider mit Nein beantwortet werden. Im Gegenteil: Ein neuer Bericht des Schweizerischen Wissenschaftsrates belegt, dass unser Bildungssystem die soziale Selektivität reproduziert. Der Bericht zeigt deutlich auf, dass es nicht allein das Potenzial oder die erbrachten Leistungen eines jungen Menschen sind, die seine Bildungskarriere beeinflussen, sondern die soziale Herkunft. Ja mehr noch: Die soziale Herkunft ist entscheidender als das Potenzial und die Motivation eines Kindes. Das ist ungerecht. Denn ein Kind kann sich seine Familie nicht aussuchen. Seine familiäre Herkunft entscheidet heute aber in hohem Mass über seinen Bildungserfolg und damit auch über einen grossen Teil seiner Berufsbiografie. Wenn ein Kind Eltern hat, die erstens selbst bildungsfern sind, die zweitens sozioökonomisch nicht gutgestellt sind und die drittens noch fremdsprachig sind, dann hat dieses Kind ganz schlechte Chancen, trotz vielleicht gutem Potenzial, guter Motivation und eigentlich guten Leistungen dort zu landen, wo Kinder von Akademikereltern fast selbstverständlich landen. Das ist nicht nur tragisch für all jene Kinder, die aufgrund ihrer Herkunft ihr Potenzial nicht entfalten können, sondern es ist auch mit Blick auf unseren Fachkräftemangel bedauerlich. Und es steht im Widerspruch zur Chancengleichheit, die in unserer Verfassung vorgesehen ist und die wir in der Schweiz hochhalten.

Deshalb hat die Mehrheit der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur die vorliegende Motion verabschiedet, die den Bundesrat beauftragen möchte, in der nächsten BFI-Botschaft verschiedene Massnahmen vorzusehen, die zur Verringerung der sozialen Selektivität beitragen. Diese Motion trägt der Komplexität der sozialen Selektivität Rechnung. Denn das Problem der sozialen Selektivität ist, dass sie auf allen Ebenen und Stufen unseres Bildungssystems immer wieder reproduziert wird. Es braucht also einen ganzen Strauss an Massnahmen, die an unterschiedlichen Stellen anknüpfen, um Gegensteuer geben zu können. Deshalb nennt die vorliegende Motion auch verschiedene Massnahmen wie Stipendien, Weiterbildung, Grundkompetenzen, höhere Berufsbildung und Sprachförderung. Sie ist eigentlich die logische Folge der Strategie zur Stärkung der frühen Förderung, die wir hier drinnen in der letzten Session verabschiedet haben.

Eine Minderheit der Kommission hält dem entgegen, es sei nicht nötig und nicht sinnvoll, dass sich der Bund hier zusätzlich engagiere. Denn unser Bildungssystem funktioniere sehr gut und sei über weite Strecken so chancengerecht, wie es nur möglich sei.

Im Namen der Mehrheit der Kommission und mit Blick auf unsere Kinder, die alle eine faire Chance verdient haben, lade ich Sie ein, diese Motion anzunehmen und mit uns den Versuch zu unternehmen, unser Bildungssystem ein wenig gerechter zu machen.