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Ryser Franziska · Nationalrat · 2019-12-17

Ryser Franziska · Nationalrat · St. Gallen · Grüne Fraktion · 2019-12-17

Wortprotokoll

Die Pflege ist ein Grundpfeiler einer erfolgreichen medizinischen Behandlung. Vom ersten Kontakt an, den man als Patientin oder Patient in einem Spital aufnimmt, bis hin zur letzten Kontrolle nach erfolgreicher Behandlung sind die Pflegerinnen und Pfleger die wichtigsten Ansprechpersonen. Während man zu Ärztinnen und Ärzten sowie zu Therapeutinnen und Therapeuten nur punktuell Kontakt hat, sind die Pflegenden konstant vor Ort und übernehmen die Betreuung während des ganzen Tages. Sie begleiten die Patientinnen und Patienten durch ihre individuelle Krankheitsgeschichte. [PAGE 2292]

Neben der Betreuung tragen sie auch eine medizinische Verantwortung: Sie sind dafür verantwortlich, den Gesundheitszustand zu überwachen und - falls notwendig - rechtzeitig zu intervenieren. Nur dann, wenn diese Überwachung sorgfältig und mit der dafür notwendigen Zeit durchgeführt werden kann, können Komplikationen vermieden und die Spitalaufenthaltsdauer reduziert werden.

Der Bedarf an Pflegeleistungen nimmt stetig zu: 65[NB]000 zusätzliche Pflegende brauchen wir bis 2030. In verschiedenen Kantonen wird aktuell viel in Spitalneubauten investiert, um eine zeitgemässe Infrastruktur aufzubauen. Aber neben den Spitalneubauten braucht es vor allem auch ausreichend und gut qualifiziertes Personal, damit die Infrastruktur überhaupt sinnvoll genutzt werden kann.

Wir haben bereits jetzt zu wenig Pflegepersonal, und wenn sich nichts ändert, werden wir in Zukunft keine ausreichende und allen zugängliche medizinische Grundversorgung mehr anbieten können, wozu wir nach Artikel 117a der Bundesverfassung verpflichtet sind. Zusätzliche Rekrutierung aus dem Ausland wird immer schwieriger, da die umliegenden Länder verständlicherweise zuerst ihren eigenen Bedarf abdecken wollen.

In anderen Bereichen der Medizin kann die durch unsere alternde Gesellschaft erhöhte Nachfrage nach Gesundheitsleistungen zumindest teilweise kompensiert werden: dank neuen Ansätzen und effizienteren Behandlungen. Neue bildgebende Verfahren ermöglichen es zum Beispiel, Eingriffe exakt zu planen, Prothesen zu personalisieren und Eingriffe minimalinvasiv durchzuführen. Und Diagnosen können dank automatisierten Verfahren in einem Bruchteil der Zeit und zum Teil exakter als durch erfahrene Spezialistinnen und Spezialisten gestellt werden. Aber die Pflege kann nicht von intelligenten Programmen und effizienteren Verfahren übernommen werden; Pflegeroboter sind kein Ersatz für soziale Interaktionen und die menschliche Betreuung.

Die Aufgaben der Pflege basieren auf dem persönlichen Kontakt; diese Betreuungs- und Beziehungsarbeit kann nicht automatisiert werden. Im Gegenteil: Je schneller und genauer die medizinischen Untersuchungen werden, je komplexer die medizinischen Fälle, desto wichtiger ist eine sorgfältige Betreuung, und desto mehr Ressourcen braucht es für die Pflege.

In jeder Diskussion um Digitalisierung kommt man zum Schluss, dass eine Verlagerung der Jobs stattfinden wird, hin zum Dienstleistungssektor, zu mehr Jobs im sozialen Bereich und in den betreuenden Aufgaben. Das funktioniert aber nur, wenn auch die entsprechenden Ausbildungsmöglichkeiten vorhanden sind. Diese Fachkräfte gilt es jetzt auszubilden. Die Bildungsoffensive ist daher ein zentrales Element der Initiative und des indirekten Gegenvorschlages. Die Ausbildung soll attraktiv sein und auch denjenigen ermöglicht werden, die auf Ausbildungsbeiträge zur Sicherung ihrer Lebensgrundlagen angewiesen sind. Diese Ausbildungsbeiträge dürfen aber nicht als Darlehen abgegeben werden. Gerade im Bereich der Pflege, in dem die Löhne tief und die Arbeitsbelastung hoch sind, wäre ein Start ins Berufsleben mit Schulden fatal. Es braucht jetzt ein klares Bekenntnis zur Pflege und zu einer Ausbildungsoffensive, die echte Anreize schafft, um zusätzliches Pflegepersonal auszubilden.