Atici Mustafa · Nationalrat · 2019-12-17
Atici Mustafa · Nationalrat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-12-17
Wortprotokoll
"Oskar 2 an Stationsleitung: Habe soeben Frau Müller geduscht und Herrn Meyer den Urinbeutel gewechselt." - "Oskar 1 an Stationsleitung: Habe Frau Streuli Wasser eingegeben und die Tabletten für die Nacht vorbereitet; alles in Ordnung." [PAGE 2293]
Ich weiss, das ist noch Zukunftsmusik, doch so oder ähnlich werden die Protokolle auf den Stationen aussehen, wenn wir uns nicht ernsthaft und intensiv mit der Zukunft des Pflegeberufes auseinandersetzen. Wir alle wissen, dass bis ins Jahr 2035 infolge des demografischen Wandels die Zahl der Pflegebedürftigen stark ansteigen wird, was unser Land vor grosse Herausforderungen stellt. Eine der wichtigsten Fragen ist, ob wir bis dahin genügend Fachpersonal haben werden oder ob es in unseren Spitälern und Altersheimen zu einem massiven Qualitätsabbau kommen wird - dazu zähle ich auch den Einsatz von Robotern, dort, wo menschliche Wärme, Fachwissen und Erfahrung gefragt sind. Das Thema ist so komplex wie vielseitig, und wenn wir jetzt nicht dringend handeln, stehen wir bald vor einer sehr unangenehmen Situation - das gilt für die Pflegebedürftigen, für ihre Familienangehörigen, für die Institutionen und für alle, die diese Dienstleistungen anbieten.
Ich versuche, die bildungspolitischen Aspekte dieser Initiative hervorzuheben. Schon heute bildet die Schweiz viel zu wenig Leute in diesem Berufsfeld aus. Die Zahlen haben einige Vorredner gestern erwähnt; ich will sie nicht nochmals repetieren. Die SP ist klar der Meinung: Das Problem des mangelnden Pflegepersonals darf nicht einseitig dadurch gelöst werden, dass wir nur auf Zuwanderung setzen und unseren Nachbarn das Pflegepersonal abwerben. Stattdessen sollten wir besser unsere Verantwortung wahrnehmen und Leute hier ausbilden und im Beruf halten! Genau dafür hat die Pflege-Initiative die richtigen Antworten: Sie will eine staatliche Unterstützung für die Aus- und Weiterbildung im Bereich Pflege, sie will höhere Löhne für qualifizierte Pflegekräfte mit Abschlüssen an höheren Fachschulen oder Fachhochschulen, und sie will attraktivere Arbeitsbedingungen.
Der indirekte Gegenvorschlag der Kommission würde mit seinen konkreten Finanzierungsbeschlüssen immerhin eine bessere Unterstützung von Bund und Kantonen für Aus- und Weiterbildungen im Pflegebereich mit sich bringen. Wenn wir aber jetzt den Kopf in den Sand stecken, setzen wir de facto nur auf Zuwanderung und Qualitätsabbau. Packen wir die Schwierigkeiten an! Setzen wir auf Aus- und Weiterbildung, setzen wir auf gute Arbeitsbedingungen, setzen wir auf die funktionierende Sozialpartnerschaft und auf die Sicherung der guten Pflegequalität in unseren Spitälern und Altersheimen. Machen wir den Pflegeberuf wieder attraktiver. Es gibt nur wenig Bereiche, die für die Nachholbildung, für die Weiterbildung und für die rund 13[NB]000 Jugendlichen, die nach der obligatorischen Schule keine Lehrstelle finden oder an keine weiterführende Schule gehen können, geeigneter und interessanter wären.
Packen wir jetzt diese Chance - sagen wir Ja zu einem griffigen Gegenvorschlag, der Verbesserungen für das Pflegepersonal im Arbeitsalltag bringt.