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Lohr Christian · Nationalrat · 2021-05-05

Lohr Christian · Nationalrat · Thurgau · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2021-05-05

Wortprotokoll

Organspende ist etwas, das jede und jeden von uns etwas angeht, das jeden Einzelnen betrifft. Deshalb ist es ganz wichtig, dass der Wille der oder des Verstorbenen weiterhin immer im Vordergrund steht. Die eingereichte Volksinitiative will einen Automatismus einführen. Die Mitte-Fraktion kann dies nicht unterstützen und lehnt die Initiative mit einer deutlichen Mehrheit ab. Den indirekten Gegenvorschlag hingegen, den wir heute auch diskutieren, haben wir als einen Vorschlag erachtet, der dank der in der Kommission vorgenommenen Präzisierungen eine praktikable Lösung ist, die dem Problem der mangelnden Organspenden einigermassen entsprechen kann.

Wir erachten den indirekten Gegenvorschlag als ethisch vertretbar. Es ist aber, und das möchte ich nicht verhehlen, nicht so, dass wir für diesen Gegenvorschlag von Anfang an Begeisterung empfunden haben. Unsere Fraktion und auch die Vertreterinnen der EVP haben anfänglich ganz klar den Wunsch geäussert, dass man der Nationalen Ethikkommission folgt und ein Erklärungsmodell prüft. Unsere beiden EVP-Vertreterinnen werden diesen Weg heute denn auch weitergehen.

Lassen Sie mich noch etwas spezifischer darauf eingehen: Die Organspende ist etwas äusserst Persönliches. Sie verlangt deshalb auch, dass man ihr mit höchster Sensibilität begegnet. Die Unversehrtheit des Körpers ist in der Bundesverfassung geschützt. Das dürfen wir - gerade auch am heutigen Tag - nicht vergessen. So darf man auch einmal ganz deutlich festhalten, dass man den menschlichen Körper nicht einfach als Ersatzteillager für andere Menschen verstehen darf. Es ist dies aber, und das möchte ich auch ausdrücklich sagen, nicht ein Widerspruch zur Spendebereitschaft, die verbessert werden muss, damit mehr Leben gerettet werden können. Ethisch sind beide Haltungen zu akzeptieren.

Ich möchte namentlich auch sagen, dass mich ein Punkt schon in eine gewisse innerliche Zerrissenheit bringt, und zwar der Aspekt der Solidarität. Es ist richtig, dass wir handeln müssen. Es ist auch richtig, dass wir in dem Sinne handeln müssen, dass wir schauen, dass wir z. B. jungen Menschen, die erkrankt sind und ein neues Organ brauchen, Perspektiven und Hoffnung geben. Es ist auch wichtig, dass man Menschen unterstützen kann, die einen Unfall erleiden, um ihr Leben zu verlängern. Das möchten wir überhaupt nicht in Abrede stellen. Da braucht es Verbesserungsmassnahmen, das ist unbestritten.

Wir dürfen aber trotz allem, wenn wir in diesem Spannungsfeld drinstehen, nicht einfach den ethischen Kompass verlieren. Für uns ist klar: Jeder und jede muss sich irgendwann im Leben einmal mit dem Thema Organspende auseinandersetzen. Für uns ist deshalb die Idee des zentralen Registers etwas, das durchaus prüfenswert ist und bleibt. Eine Willensäusserung muss sein, und zwar von der Person selber, von Angehörigen oder - und das wird ja auch explizit im Gegenvorschlag aufgeführt - von Vertrauenspersonen. Uns ist es wichtig, dass ein Wille bekannt ist, der berücksichtigt werden soll, bevor man ein Organ entnimmt.

Das Anliegen, die Anzahl von Spenderorganen zu erhöhen, ist vielfältig zu stärken. Wir wissen, es ist ein Anliegen, das unsere Gesellschaft etwas angeht, bei dem wir alle auch unseren Beitrag leisten müssen. Ich habe vorhin erwähnt, dass wir durchaus überlegt haben, der Nationalen Ethikkommission und ihrem Erklärungsmodell zu folgen. Wir wollen deshalb vom Bundesrat explizit noch einmal wissen, weshalb man diesen Weg nicht weitergegangen ist und warum man - das muss man an dieser Stelle einbringen - die Nationale Ethikkommission quasi auch desavouiert hat. Die Antwort, welche wir in der Kommission dazu erhalten haben, ist, so meine ich, etwas dünn ausgefallen.

Das Thema Tod gehört zum Leben. Sprechen wir mehr darüber. Sprechen wir zur richtigen Zeit darüber. Schaffen wir es auch, die Würde des Menschen zu stärken, wenn wir frühzeitig über den Tod sprechen. Die klärenden Worte dann zu suchen und zu finden, kann von grossem Wert sein.