Christ Katja · Nationalrat · 2021-05-05
Christ Katja · Nationalrat · Basel-Stadt · Grünliberale Fraktion · 2021-05-05
Wortprotokoll
Sehr geehrte Damen und Herren, gerne stelle ich Ihnen einige Fragen. Ist es ethisch korrekt zu sagen, dass ich aktiv werden muss, wenn ich meine Organe nicht spenden will? Oder müsste man sich nicht eher fragen, ob es ethisch-moralisch korrekt ist, durch mein Untätigbleiben potenziell jemanden sterben zu lassen? Denn hätte ich mich aktiv darum gekümmert, hätte ich wahrscheinlich gespendet. Aber ich hatte gerade nie Zeit dafür, und deshalb ist es jetzt so, als hätte ich bewusst Nein gesagt. Wie schon Molière treffend meinte: "Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun." Wiegt diese Verantwortung, die wir heute alle für unsere Untätigkeit tragen müssen, nicht schwerer als die Last, eine Ablehnung aktiv deklarieren zu müssen? Wiegt sie nicht auch schwerer als die Verantwortung, als Gesetzgeberin alles zu tun, um mehr Leben retten zu können, dies natürlich, ohne unsere Entscheidungsfreiheit einzuschränken?
Auf der Suche nach der besten Lösung, um die freiwillige Organspende zu fördern, reden wir unentwegt über Ethik. Was ist aber, wenn ich behaupte, es gehe gar nicht um eine ethische, sondern um eine organisatorische Frage? Im Spannungsfeld zwischen den öffentlichen Interessen an der Gewinnung ausreichend vieler Spenderorgane und den Interessen des Verstorbenen und der Angehörigen an der Wahrung der Integrität des Leichnams streben wir nun mit der Umkehr zur Widerspruchslösung einen Ausgleich an. Die Widerspruchslösung verpflichtet aber in keiner Weise zur Organentnahme. Sie bürdet dem potenziellen Spender jedoch die Entscheidungslast auf. Das ist alles. Damit organisieren wir das Thema der Organspende neu, ohne am Inhalt etwas zu ändern. Wir können immer noch alle Ja oder Nein zur Organspende sagen. Es ist also eine Neuorganisation, die uns im Endeffekt klar dabei helfen wird, mehr kranken und todkranken Menschen ein gesundes Leben zu ermöglichen.
Über 2000 Menschen hierzulande warten auf ein Spenderorgan. Jede Woche sterben zwei Personen, die auf der Warteliste waren, weil nicht rechtzeitig ein neues Herz, eine neue Niere oder eine neue Leber verfügbar war. Ein Grund für die lange Warteliste ist unter anderem die gestiegene allgemeine Lebenserwartung. Diese führt auch zu einer Zunahme von Erkrankungen, die nur durch eine Transplantation therapiert werden können. Ausserdem werden infolge des medizinisch-technischen Fortschritts immer mehr Transplantationen als durchführbar angesehen.
Diesen Fortschritt sollten wir für uns nutzen und versuchen, das gesamte, momentan brachliegende Potenzial zu aktivieren. Laut Umfragen befürworten 80 Prozent der Bevölkerung die Organspende. Dass im konkreten Fall aber viel weniger oft gespendet wird, liegt nur daran, dass der Entscheid nicht dokumentiert ist. Eine Mehrheit der Angehörigen lehnt es dann im konkreten Fall und unter Trauer ab, die Organe des oder der Verstorbenen zur Spende freizugeben. Mit der Widerspruchslösung liessen sich demgegenüber jährlich ungefähr hundert Menschenleben retten. Es ist deshalb höchste Zeit, die Weichen neu zu stellen; es ist Zeit, die Organspende in der Schweiz neu zu organisieren.
Ich unterstütze deshalb jede Bewegung hin zu einer Widerspruchslösung, dies ganz nach dem Motto: "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold." Dann noch eine letzte Frage: Haben Sie ein gutes Herz? Dann spenden Sie es. Tun Sie nicht nur das, sondern unterstützen Sie die Bewegung hin zur Widerspruchslösung mit ganzem Herzen.