Bellaiche Judith · Nationalrat · 2022-03-10
Bellaiche Judith · Nationalrat · Zürich · Grünliberale Fraktion · 2022-03-10
Wortprotokoll
Dieser Vorstoss wurde von Ihrer Kommission für Rechtsfragen ohne Gegenstimme angenommen, weshalb eigentlich keine Berichterstattung vorgesehen war. Aber noch nie war es so wichtig, über den Holocaust zu sprechen, über die Gräueltaten des Nationalsozialismus, über die Millionen ermordeter Juden, noch nie war es so wichtig wie heute, in einer Zeit, in welcher der Holocaust bagatellisiert, ja zunehmend geleugnet wird; in einer Zeit, in der Menschen in der Schweiz einen gelben Stern tragen, weil sie sich in ihrer persönlichen Freiheit gestört fühlen; in einer Zeit, in der jemand gleich als "Nazi" oder als "Hitler" bezeichnet wird, weil er sich unpassend geäussert oder ärgerlich verhalten hat; in einer Zeit, in der ein Krieg unter dem Vorwand eröffnet wird, ein Land - das notabene von einem jüdischen Präsidenten regiert wird - müsse "entnazifiziert" werden.
Das sind sehr besorgniserregende Erscheinungen, denen wir sachlich, aber entschlossen entgegentreten müssen. Die kollektive Erinnerung an den Holocaust verblasst mehr und mehr. Wenige Holocaustüberlebende sind noch am Leben, und der Tag, an dem die letzte Urgrossmutter und der letzte Urgrossvater, die von der grausamen Realität eines Konzentrationslagers berichten können, unsere Welt verlassen werden, ist absehbar.
Jüngere Generationen haben keine persönlichen Berührungspunkte mehr zum Holocaust, und die Einordnung der Geschehnisse fällt zunehmend schwer. Der leichtfertige Umgang mit Vergleichen, Begrifflichkeiten, Symbolen des Nationalsozialismus zeigt ein schwindendes Bewusstsein für die Geschichte. Dies widerspiegelt sich leider auch im grassierenden Antisemitismus, der den Weg zurück in die Gesellschaft gefunden hat, was sich in den harten Zahlen und Fakten des jüngst veröffentlichten Antisemitismusberichtes niedergeschlagen hat.
Aber auch wohlwollenden Menschen, die natürlich die überwältigende Mehrheit unserer Bevölkerung bilden, entgleitet allmählich das Bewusstsein für die Gräueltaten des Nationalsozialismus - natürlich, denn es liegt in der menschlichen Natur, fürchterliche Erinnerungen, Bilder und Geschehnisse zu verdrängen und zu überwinden. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir uns erinnern, selbst dann, wenn die einzelnen Überlebenden nicht mehr unter uns sind. So werden ihre Erinnerungen kollektiv am Leben erhalten, an einem gemeinsamen Ort der Erinnerung, einem Ort der Andacht, der Besinnung, aber auch der Wissensvermittlung, damit solche Gräueltaten nie mehr geschehen.