Barrile Angelo · Nationalrat · 2022-05-11
Barrile Angelo · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2022-05-11
Wortprotokoll
Bevor ich loslege, gebe ich meine Interessenbindung bekannt: Ich bin Präsident des[NB]Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO).
Das Thema, um das es in meiner Motion geht, ist im Parlament nicht neu; es ist leider weiterhin ungelöst. Es geht um den Mangel an Fachkräften im Gesundheitswesen, insbesondere bei Ärztinnen und Ärzten. Die Gesundheitskrise im Rahmen der Corona-Pandemie hat noch stärker aufgezeigt, wie notwendig es ist, dass wir im Gesundheitswesen genug Personal zur Verfügung haben. Es geht nicht nur um die Pflegeberufe - hier ist es ganz klar, und ich bin froh, dass das Volk gesagt hat, wir müssten hier mehr machen -, sondern auch um sämtliche anderen Berufe im Gesundheitswesen.
Als ich die Motion im Mai 2020 eingereicht habe, waren wir gerade in der ersten grossen Welle der Corona-Pandemie. Damals wurden in gewissen Kantonen Ärztinnen und Ärzte aus dem Ruhestand rekrutiert. Menschen, die zur Risikogruppe gehörten und eigentlich hätten zuhause bleiben müssen, sind also wieder in den Beruf eingestiegen, weil zu wenige Ärztinnen und Ärzte zur Verfügung standen. Auch diejenigen, die ihre Tätigkeit reduziert oder eingestellt hatten, sind eingesprungen. Ausserdem haben wir Medizinstudierende rekrutiert und in "Schnellbleichen" auf den möglichen Einsatz in den Spitälern vorbereitet.
Nach wie vor ist es eine Tatsache: Es werden in der Schweiz zu wenig Ärztinnen und Ärzte ausgebildet. Weiterhin sind wir stark abhängig von den im Ausland Ausgebildeten. Ich finde das einerseits ein Problem ethischer Natur - wir überlassen die Ausbildung anderen Ländern -, andererseits ist es, wie wir gesehen haben, auch ein Problem der Abhängigkeit, die kurzfristig nicht beseitigt werden kann.
Der aktuelle Mangel wird sich in Zukunft noch verstärken. Es gibt einen demografischen Wandel in der Bevölkerung und somit auch in der Ärzteschaft. Es gibt auch immer komplexere Fälle - die Medizin wird komplexer -, und es gibt mehr Teilzeitarbeitende. Wir brauchen in der Schweiz mehr Medizinerinnen und Mediziner.
Ich bin zwar froh, dass die Anzahl Studienplätze auf knapp 1300 pro Jahr erhöht wurde. Trotzdem reicht das heute nicht, und es wird auch in Zukunft nicht reichen, wenn wir bedenken, dass derjenige, der heute mit dem Medizinstudium beginnt, erst in zwölf bis zwanzig Jahren mit der Facharztausbildung fertig sein wird. Wenn wir schon jetzt sagen, es würden zu wenige ausgebildet, dann will ich mir gar nicht ausmalen, wie die Situation in zwanzig Jahren aussehen wird.
Ein Problem, das wir heute, gerade mit den knappen personellen Ressourcen, auch haben - als VSAO-Präsident kann ich das sagen -: Die Einsatzpläne in den Spitälern sind zu knapp bemessen. Ein grosser Teil der Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte in den Spitälern hält sich nicht an die gesetzlich vorgeschriebene 50-Stunden-Woche. Der Bundesrat mit dem SECO und die Kantone schaffen es nicht, dafür zu sorgen, dass das Arbeitsgesetz dort eingehalten wird. Deshalb müssen wir handeln, jetzt und nicht erst später.
Die verschiedenen Forderungen sind klar:
Ich möchte, dass die Zahl der Studienplätze in der Schweiz weiterhin erhöht wird, solange der Numerus clausus so gilt wie heute, und das ist eine Bundesaufgabe. Wir können das nicht den Universitätskantonen überlassen.
Ich möchte auch, dass der Numerus clausus nicht das alleinige Merkmal ist. Es gibt verschiedene Eignungsbeurteilungen, die ausprobiert werden. Das Beispiel des Praktikums, das ich genannt habe, ist nicht durchsetzbar, das weiss ich, das ist mir klar. Aber es gibt auch noch andere gute Lösungen.
Ich möchte, dass die Aus-, Weiter- und Fortbildung der Ärzteschaft verbessert wird. Es geht hier nicht darum, dass sich die Politik inhaltlich einmischt, wie es in der Antwort des Bundesrates steht. Es geht darum, dass die finanziellen Ressourcen für Weiterbildungen, die zum Teil fehlen, auch durch die öffentliche Hand bereitgestellt werden. Wir haben alle ein Interesse, dass die Ärzteschaft die Patientinnen und Patienten gut betreut, dass sie sich weiterbildet und auch gerne im Beruf bleibt.
Die Umsetzung all dieser Forderungen muss auch angemessen finanziert werden. Da braucht es eine Verteilung zwischen Bund, Kantonen und den beteiligten Institutionen, das ist klar.
Der Ständerat hat eine praktisch gleichlautende Motion Carobbio Guscetti ohne Gegenstimme angenommen, bei uns wurde sie knapp abgelehnt. Heute haben wir nochmals eine Chance, darauf zurückzukommen.
Ich bitte Sie deshalb: Blicken Sie in die Zukunft! Wir haben die Verpflichtung, politische Entscheidungen zu treffen, damit die ärztliche Betreuung in der Schweiz in Zukunft gewährleistet ist, auch mit Menschen, die in der Schweiz ausgebildet wurden.
Ich hoffe, Sie nehmen diese Motion an.