Trede Aline · Nationalrat · 2022-09-20
Trede Aline · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2022-09-20
Wortprotokoll
Wir haben schon gestern viel darüber gehört, wer für und wer gegen die Initiative ist. Das Wichtigste an der Vielfalt unserer Natur, an der Biodiversität, ist, dass sie für alle wichtig ist, dass sie für alle da ist und dass wir ohne sie nicht überleben können.
Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich sind die Wunder der Natur ein sehr wichtiger Grund dafür, dass ich hier sitze, dass ich überhaupt angefangen habe, Politik zu machen. Denn es hat mich schon als Kind extrem betroffen gemacht, dass wir einfach unsere Lebensgrundlage zerstören. Ich kann immer noch nicht verstehen - das wird sich nie ändern -, dass wir Menschen bereit sind, für irgendeinen Gewinn unsere eigene Lebensgrundlage zu zerstören. Ich verstehe dieses extrem kurzfristige Denken nicht, denn so können wir nicht überleben. Neuerdings machen wir das oftmals, ohne mit der[NB]Wimper[NB]zu[NB]zucken.
Was gibt es Schöneres als Unterwasserwelten oder Berglandschaften oder Steppengebiete? Wir sind uns hier im Saal alle einig: Wir haben das alles in unserem Land, in unserem schönen Land. Wir haben das alles in der Schweiz, und das hat einen Wert. Über diesen Wert müssen wir sprechen. Wir sollten diesen Wert erhalten. Die Vielfalt der Natur hat einen emotionalen Wert. Das geht zum Beispiel bei mir auf die Kindheit zurück, wie ich erzählt habe. Sie hat einen sehr grossen Wert für uns alle, denn wohin gehen wir, wenn wir Stress haben? Wohin gehen wir, wenn wir uns erholen müssen oder wollen? Wohin gehen wir, wenn wir ein schönes Wochenende verbringen wollen? Wir gehen raus in die Natur.
Für jene, die das alles vielleicht nicht so romantisch sehen, gibt es natürlich auch eine weniger romantische Erklärung, denn die Funktionalität der Ökosysteme ist ein sehr wichtiger Faktor für sehr vieles, auch für die Wirtschaft, auch für unsere Gesellschaft und für unsere Produktivität. Die Biodiversität lässt sich nämlich in vier Bereiche einteilen, in denen sie Dienstleistungen bereitstellt: Es gibt erstens eine unterstützende Dienstleistung, zum Beispiel ökosystemare Prozesse wie Bodenbildung, Nährstoffkreislauf und Erhaltung der genetischen Vielfalt; zweitens eine bereitstellende Dienstleistung, zum Beispiel die Bereitstellung von Nahrung, Wasser, Baumaterial wie Holz, Fasern, Rohstoffe für Arzneimittel usw.; drittens eine regulierende Dienstleistung, das heisst Regulierung von Klimabedingungen, Abfluss von Oberflächenwasser, Regulierung von Populationsgrössen von Schadorganismen und Wasserqualität; und viertens eine kulturelle Dienstleistung, das heisst ökosystemare Dienstleistungen für Erholung, Tourismus, ästhetischen Genuss und - für die, die es ein bisschen esoterisch wollen - auch spirituelle Erfüllung.
Es gibt also vier sehr wichtige Dienstleistungen, die durch die Biodiversität und eben durch funktionale Ökosysteme sichergestellt werden. Wem das immer noch zu romantisch ist: Es gibt auch den rein finanziellen Aspekt. Wir haben es gestern mehrfach gehört, was es heisst, wenn wir anfangen müssen, die Bestäubungsfunktionen selber zu übernehmen, weil die Biodiversität eben gestört ist. Wir haben Beispiele aus China und aus den USA, wo bereits Menschen für die Landwirtschaft zu bestäuben beginnen. Die Kosten dafür werden in der Schweiz auf eine halbe Milliarde Franken geschätzt, global sogar, nur für die Bestäubung für die Landwirtschaft, auf 153 Milliarden Franken. Diese Vorlage hat also auch einen finanziellen Teil, der sehr wichtig ist.
Ein weiteres Beispiel sind die Hochmoore, die sehr stark unter Druck kommen - wir wissen das. In der Diskussion über die Wasserkraft wird immer ein bisschen heruntergespielt, wie wichtig diese Hochmoore sind, es wird eben gesagt, sie seien nicht mehr so wichtig. Aber wir haben aktuell ein Beispiel am Pilatus, wo versucht wird, ein Hochmoor wiederzubeleben. Vor über hundert Jahren hat man dort für den Hochwasserschutz aufgeforstet, weil sie unten in Kriens geschützt sein wollten. Sie haben gesagt: Okay, wir müssen dort wieder Bäume pflanzen. Sie haben das Moor getrocknet und dort sehr viele Bäume gepflanzt, und das hat funktioniert. Aber man hat eben gemerkt, dass das Hochmoor viel mehr Wasser auffangen kann als die Bäume und dieses neu gebaute Ökosystem. Und jetzt wird versucht, das Moor wiederzubeleben. Was heisst das? Es ist eine Grossbaustelle; man baut unterirdisch richtige Staumauern, damit sich das Wasser wieder stauen kann, damit sich das Hochmoor wieder erholen und eben wie ein Schwamm das Wasser auffangen kann. Das ist reiner Hochwasserschutz, es wird aber auch sehr schöne Nebenaspekte haben, nämlich für das Auerhuhn - aber dann wären wir wieder bei den romantischen Argumenten.
Also, ich muss zum Schluss kommen. Ich bitte Sie, die Diskussion hier vielleicht ein bisschen romantischer zu führen und ein bisschen mehr auf Ihr Herz zu hören. Unsere Fraktion wird die Initiative sicher zur Annahme empfehlen und auch den Gegenvorschlag annehmen. Ich hoffe wirklich, dass wir einen guten Kompromiss finden.