Rechsteiner Thomas · Nationalrat · 2023-05-03
Rechsteiner Thomas · Nationalrat · Appenzell I.-Rh. · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2023-05-03
Wortprotokoll
Mit diesem Postulat wird vom Bundesrat ein Bericht verlangt, der mögliche Umsetzungsmodelle für die Einführung einer Lebensarbeitszeit in der AHV aufzeigt.
Was ist das Ziel dieser Lebensarbeitszeit? Ein Ziel ist die Stabilisierung der AHV, und zwar auf der Einnahmen- wie auf der Ausgabenseite. Die Frage des Rentenalters wird dabei eine zentrale Rolle spielen, weil eine fixe numerische Erhöhung des Rentenalters nicht zielführend ist. Im Bericht soll dargelegt werden, auf welche Art das Rentenalter je nach Situation des Beitragspflichtigen erhöht werden kann. Es gibt nämlich Studien, die belegen, dass die Lebenserwartung direkt mit der Bildung korreliert: je höher die Bildung, desto höher die Lebenserwartung. Je höher die Bildung, desto länger jedoch auch die Ausbildungszeit, in der üblicherweise auch keine Beiträge an die AHV geleistet werden. Je höher die Bildung, desto attraktiver auch die Einkommenssituation.
Sie konnten heute in den Medien diesen Artikel lesen: (Hält einen Zeitungsausschnitt hoch) "Geldsegen mit jedem Bildungsjahr". Personen mit höherer Bildung leben in der Regel in guten finanziellen Verhältnissen und können sich eine vorzeitige Pensionierung leisten, Personen mit tiefen Einkommen eher nicht. Die Grundidee des Modells ist: Je höher der soziale Status einer Person, desto länger soll sie arbeiten, denn sie hat in der Regel in jungen Jahren länger von der Solidarität der Gesellschaft profitiert, und diese Person hat auch im Alter gute Chancen, länger gesund zu leben.
Die meisten hochqualifizierten Berufe sind anspruchsvoll und kognitiv fordernd, aber auch sinnstiftend, verleihen Autonomie, führen zu Zufriedenheit und Erfüllung. Der direkte körperliche Verschleiss fällt in vielen Berufen weg oder wird aufgrund der Verschiebung in den Dienstleistungssektor noch wegfallen, während die emotionale und mentale Bindung an den Beruf verstärkt wird. Je höher qualifiziert ein Job ist, desto eher arbeiten die Leute weiter, und das auch freiwillig. Gemäss Generationenbarometer stimmt bereits jetzt die Hälfte der hochqualifizierten jungen Menschen dem Modell Lebensarbeitszeit zu, also jene Personen, die vom höheren Rentenalter selber direkt betroffen wären.
Da voraussichtlich das Bildungsniveau in der Schweiz gehalten werden kann oder sogar noch weiter steigt, kann man auch sagen, die Gesellschaft habe eine gute Ausbildung ermöglicht, die eine spannende, sinnstiftende Arbeit erlaubt. Dafür ist eine längere Erwerbstätigkeit notwendig. Meines Erachtens ist diese Botschaft einfacher zu vermitteln, als wenn Menschen aufgefordert werden, einfach noch mehr Erwerbsjahre anzuhängen, nachdem sie durch Routinearbeit, körperliche Arbeit oder teilweise schwierige Arbeitsbedingungen mürbe geworden sind.
Seit 1948, seit der Einführung der Alters- und Hinterlassenenversicherung, hat sich vieles verändert. Damals verbrachte man rund einen Fünftel des Lebens in Ausbildung, drei Fünftel, also 60 Prozent, im Erwerbsleben und den letzten Fünftel im Ruhestand. Aktuell hat sich einiges verschoben. [PAGE 848] Die Lebenszeit der Bevölkerung vor Erwerbsbeginn erhöhte sich auf fast etwa einen Viertel. Das Erwerbsleben sank auf fast die Hälfte, auf 48 Prozent der Lebensdauer, und der Ruhestand stieg auf einen Viertel. Gleichzeitig nahm auch die wöchentliche Arbeitszeit gemäss SECO über die vergangenen Jahrzehnte kontinuierlich von 47 auf 42 Stunden ab. Dieser Trend geht bei der AHV nicht auf. Eine längere Ausbildung, eine kürzere Erwerbsphase und dann noch eine längere Bezugsphase stellen bei der Finanzierung wie bei den Leistungen grosse Herausforderungen dar. Deshalb soll der Bundesrat einen Bericht zur Umsetzung des Modells der Lebensarbeitszeit in der AHV erarbeiten. Dies gibt weitere Klarheit.
Ich bitte Sie deshalb, dieses Postulat anzunehmen, was auch der Bundesrat beantragt.