Lexipedia

Wettstein Felix · Nationalrat · 2024-04-17

Wettstein Felix · Nationalrat · Solothurn · Grüne Fraktion · 2024-04-17

Wortprotokoll

In der Nacht von letztem Samstag auf Sonntag hat der Staat Iran sein Bruttoinlandprodukt innert weniger Stunden stark in die Höhe getrieben. Das ist jetzt vielleicht eine etwas drastische Eröffnung meines Votums, aber es ist leider eine Tatsache: In kriegführenden Ländern steigt das Bruttoinlandprodukt. Es steigt auch bei den Bürgerkriegen oder bei der Zunahme von ziviler Gewalt und den notwendigen Gegenmassnahmen.

Länder, Nationen messen mit dem Bruttoinlandprodukt (BIP) ihre volkswirtschaftliche Leistung innerhalb eines Zeitabschnitts. Das erlaubt ihnen Vergleiche über die Zeit, wie zum Beispiel zur Frage, ob ihre Volkswirtschaft heute besser dasteht als vor zehn Jahren. Es erlaubt den Vergleich zwischen [PAGE 752] verschiedenen Nationen, ob sie immer noch auf dem Podest stehen.

Oft wird daraus der Schluss gezogen, das BIP sei das Mass für den Wohlstand eines Landes. Aber was meinen wir mit "Wohlstand"? Wenn wir Milliarden für die Beseitigung oder Abdichtung von Altlasten früherer Jahrzehnte ausgeben müssen, haben wir dann tatsächlich den Wohlstand erhöht? Wenn wir mehr Geheimdienst, mehr Kriminalpolizei und mehr Kapazitäten an den Gerichten schaffen müssen, haben wir dann unseren Wohlstand erhöht?

Seit ein paar Jahren kennen wir das Konzept der planetaren Grenzen. Es besteht aus neun Dimensionen. In mindestens fünf dieser neun Dimensionen übersteigt die Schweiz das Mass, welches durch die planetaren Grenzen geboten wäre, in den Bereichen Treibhausgasausstoss und Verlust an Artenvielfalt sogar dramatisch. Trotzdem werden die Ursachen hinter diesen Grenzverletzungen bisher als Steigerung des Bruttoinlandprodukts ausgewiesen. Auf der anderen Seite haben wir zum Beispiel Hunderttausende von Stunden an ehrenamtlicher und freiwilliger Arbeit, ohne die unser soziales Zusammenleben vollständig erliegen würde. Zum BIP tragen sie allerdings nichts bei, genauso wenig wie die Selbstversorgung aus dem eigenen Garten oder Hühnerhof.

Es gäbe Alternativen, wenn wir den Ehrgeiz haben, als Nation wirklich die Wohlfahrt zu messen. Darauf zielt mein Postulat ab. In Zentralasien, auf der Südseite des Himalaya, gibt es den Kleinstadt Bhutan. Es ist eine Monarchie, in der der vorletzte König selbst nicht nur die konstitutionelle Demokratie eingeführt hat, sondern auch das Konzept des Bruttonationalglücks. Die Verantwortlichen in diesem Land haben eingesehen, dass ihr Land Bhutan - sehr agrarisch und gebirgig geprägt, ohne Bodenschätze und vor allem sehr friedlich - in der BIP-Rangliste immer am Schwanz der Welt stehen wird. Also hat man ein anderes System entwickelt, eben das Bruttonationalglück. Ich weiss, dass das oft belächelt wird. Damit tun wir Bhutan jedoch unrecht.

In regelmässigen Abständen führt dieses Land seit bald dreissig Jahren umfassende Bevölkerungsbefragungen durch, wissenschaftlich hieb- und stichfest. Die Resultate sind öffentlich zugänglich, die Methoden überprüfbar. Die Masseinheiten, welche in den Gesamtindikator einfliessen, sind nebst den ökonomischen Entwicklungen alle jene, die bei uns eben mit dem BIP nicht erfasst sind, darunter auch mehrere Messwerte zur psychischen und sozialen Gesundheit. Und das schliesst ja wunderbar an die Diskussion an, die wir eben schon hatten.

Das Land Bhutan geht selbstkritisch mit diesem Instrument um. Es kann zeigen, dass es Fortschritte gibt, zum Beispiel in Sachen Partizipation der Bevölkerung oder Vielfalt des Nahrungsmittelangebots. Es steht aber auch dazu, dass innerhalb des Landes Unterschiede nicht einfach wegzukriegen sind: Bisher kommen Frauen weniger voran, die Menschen in sehr abgelegenen Bergdörfern auch.

Liebe Frau Bundesrätin, es trifft sich gut, dass mein Postulat zum Aufgabenfeld des Bundesamts für Statistik gehört und dass dieses Amt zu Ihrem breit gefächerten Departement gehört. Es trifft sich gut, dass ein alternatives Modell zur Messung unserer nationalen Wohlfahrt unter gleichzeitiger Beachtung der planetaren Grenzen die Gesundheit der Menschen und die soziale Integration sehr hoch gewichtet. Als ehemalige Direktorin der Westschweizer Hochschule für soziale Arbeit und Gesundheit konnte Ihnen fast nichts Besseres passieren, als auf dieses Amt zu treffen. Ich bin sicher, es wird ein Aufsteller sein, den Bericht zu meinem Postulat zu verfassen. Ich danke allen, die es mittragen.